01.04.2020 - 10:10 Uhr
KirchenthumbachOberpfalz

Bahnhof Kirchenthumbach: Zug durch die Vergangenheit

Bahnhof und Zugverkehr sind in Kirchenthumbach schon längst Geschichte. Dennoch erinnert ein Gebäude immer noch an die gute alte Eisenbahn.

Eine Lok der 64er Baureihe fährt in den Bahnhof Kirchenthumbach ein. Links ist das Bahnhofsgebäude und daneben die Güterhalle zu sehen.
von Fritz FürkProfil

Was noch steht, ist das Eisenbahn-Dienstgebäude, das jetzt im Eigentum der Familie Wolf ist und sich an der Eschenbacher Straße befindet. Diese Immobilie hat eine schöne Architektur und wurde Anfang 1900 erbaut. Es handelt sich um einen hochwertigen und massiven Sandsteinbau. Das Dienstgebäude beschlagnahmten im April 1945 die einmarschierenden amerikanischen Truppen und nutzten es als Lazarett. Die Familien Mückl und Kirsch, die darin wohnten, mussten die Zimmer räumen und in den Lockschuppen (Remise) umziehen.

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Was vom Kirchenthumbacher Bahnhof noch übrig geblieben ist, ist das architektonisch bewundernswerte Dienstgebäude, einst Wohnhaus der Bahnbediensteten.

Fast genau vor 40 Jahren fiel die einstige Güterhalle der Spitzhacke zum Opfer. Der Abbruch wurde notwendig, da sie nicht mehr gebraucht wurde. Die Raiffeisenbank bzw. das Raiffeisen-Lagerhaus hat das Gebäude mit 5328 Quadratmeter Grund erworben, damit ein neues modernes Bürogebäude errichtet werden konnte. Dieses Vorhaben wurde 1981 realisiert.

Bahnhofsgebäude wie auch Güterhalle waren Holzkonstruktionen. Der Grund der Leichtbauweise: Das Gelände, auf dem die Gebäude standen, wurde vor der Bebauung sechs bis acht Meter hoch aufgefüllt. Die Befürchtung war groß, dass das Gelände nicht gründet. Zur damaligen Zeit gab es kaum Maschinen, um Böden zu verdichten. Die abgebrochene Güterhalle, die 1906 errichtet wurde, sollte nicht ganz verschwinden. Massive Holzgerippe davon wurden für den Bau der Raiffeisen-Lagerhalle für Baumaterial als Seitenteile verwendet.

Bahnhof Metzenhof anno 1915: Grubenholz wird aufbereitet und verladen. Die Stempel gingen in die Kohlebergwerke im Ruhrgebiet. Links im Bild ist Vorarbeiter Josef Rothmeier, der Urgroßvater von Autor Fritz Fürk.

Noch viele ältere Kirchenthumbacher können sich daran erinnern, als die Güterhalle ein Umschlagplatz der verschiedensten Waren und Artikel war und voll war mit Kisten und Paketen, die entweder selbst abgeholt werden mussten oder zugestellt wurden. Unvergessen sind die vielen Päckchen vor der Weihnachtszeit. Absender waren unter anderem die Versandhäuser Quelle aus Fürth und Witt aus Weiden. Auch der Kirchenthumbacher Einzelhandel profitierte vom Service der Reichsbahn und später der Deutschen Bundesbahn. Kirchenthumbach mit seinen mehr als 50 Geschäften war an die große weite Welt durch Schienenstrang angebunden, wenn auch nur im kleinen und bescheidenen Rahmen. Die Zufriedenheit überwiegte.

Täglich rollten neben dem Personenverkehr auch Güterwagons in den Bahnhof Kirchenthumbach ein und lieferten unter anderem Koks für die Kalköfen der Firma Prüschenk. Die Wagons verließen den Bahnhof Kirchenthumbach wieder voll beladen mit Kalk oder Rötel und Ocker, das in Sassenreuth und Treinreuth unter Tage abgebaut wurde. Zum Bahnhof gebracht wurden diese Mineralien mit Pferdefuhrwerken. Nutznießer waren auch die Landwirte. Der Kunstdünger, abgefüllt in Säcken wurde ebenfalls auf Schienen nach Kirchenthumbach geliefert, ebenso die Kohlen für die kleinen Leute.

Bahnhof Luftaufnahme 1968: Die Güterhalle zwischen Raiffeisenlagerhaus und Bahnhofsgebäude wurde vor 40 Jahren abgerissen.

Es blühte auch der Handel mit Holz. Holz aus den Bauernwäldern, dem Heeres- und Staatsforst sowie auch aus dem Truppenübungsplatz wurden auf den Bahnhöfen Kirchenthumbach und Metzenhof zu Fixlängen verarbeitet und mit Muskelkraft verladen, ehe die Wagons, gezogen von einer Lokomotive der 64er Baureihe die beiden Bahnhöfe verließen. Ziel war das Ruhrgebiet und die dortigen Kohlebergwerke. Das Holz, auch Grubenholz genannt, wurde gebraucht als Stützen und Stempel zum Stollenbau.

Blättert man in der Geschichte der "Eisenbahn Kirchenthumbach", so findet man heraus, dass Kirchenthumbach um die Jahrhundertwende die Möglichkeit hatte, zu einer Bahnhochburg zu werden. Zu jener Zeit lagen bereits Pläne vor, die Bahnlinie von Nürnberg über Lauf, Hersbruck, Neuhaus, Kirchenthumbach, Kirchenlaibach bis Eger laufen zu lassen. Der Bahnhof sollte bei Pfaffenstetten entstehen. Doch das scheitere unter anderem auch an den Grundstücksbesitzern, die der Eisenbahn, "dem Teufelszeug" nicht trauten. Und so kam es anders als geplant: Im Jahr 1905 wurde mit dem Bau der Lokalbahn Pressath–Kirchenthumbach begonnen. Da der Bahnhof Kirchenthumbach ein Endpunkt der Bahnlinie war, musste für das Personal ein Dienstgebäude mit Übernachtungsmöglichkeiten neben dem Bahnhofsgebäude, der Güterhalle und der Lokremise errichtet werden. Dieses schmucke Gebäude kaufte Siegfried Wolf 1965 und funktionierte es als Wohnhaus um.

Als die erste Dampfeisenbahn im Jahr 1907 Kirchenthumbach ansteuerte, feierten die Bürger ein kleines Volksfest. Die Kinder bekamen schulfrei und standen am Bahnhof, mit Fähnchen winkend, Spalier. Die Eschenbacher Schulkinder, die ebenfalls einen Tag Sonderferien bekamen, durften sogar zum Nulltarif nach Dumba fahren. Die nachfolgenden Jahrzehnte blühte das Geschäft auf den Schienen und in und um den Bahnhöfen.

So sieht der Verlauf der Lokalbahn Pressath-Kirchenthumbach aus der Vogelperspektive aus.

Erst 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ließ das gut florierende Geschäft nach. Bedingt durch den wirtschaftlichen Aufschwung und wohl auch durch die strukturelle Schwäche dieses Raumes wurde der Personenverkehr völlig eingestellt. Güter und Stückgut wurden allerdings noch bis 1966 befördert. Aber auch hier erkannte die Bundesbahn nach und nach, dass der Gewinn wegbricht. Auch der Einsatz der Politiker und Interessengruppen, die Bahnstrecke doch noch zu retten war nicht von Erfolg gekrönt. Dann ging es rapide abwärts mit der Kirchenthumbacher Eisenbahn-Ära. Die Lokremise mit Wohnung wurde abgerissen. Drei Jahre später waren die Gleise verschwunden und im Jahr 1976 verschwand das Bahnhofsgebäude mit Schalterraum und Wartehalle, das inzwischen nutzlos, dem Rathausneubau weichen musste. Vier Jahre später gehörte auch die Güterhalle der Vergangenheit an.

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