Von Georg Paulus
Zwei Weltkriege innerhalb von 25 Jahren im vergangenen Jahrhundert haben leider das Gegenteil bewiesen.
"Volkstrauertag, in der Bundesrepublik Deutschland seit 1952 nationaler Trauertag für die Opfer des Nationalsozialismus und die Gefallenen beider Weltkriege." Diesen Satz widmet der "Brockhaus" dem Gedenktag. Gottesdienst, mit Blasmusik zum Kriegerdenkmal, wo Reservisten Ehrenwache halten, Reden, das "Lied vom guten Kameraden", die Nationalhymne, Abmarsch.
Ist der jährliche Volkstrauertag noch ehrliches Gedenken oder nur mehr Pflichtübung? Zum Nachdenken darüber ein Blick zurück. "Liebe Anna, teile dir kurz mit, dass ich am Samstag nicht kommen kann, denn wir sind gestern geimpft worden. Sonst bin ich gesund, was ich auch von euch allen hoffe. Gruß von deinem lieben Georg." Am 27. November 1914 hat Georg Piehl in der Kaserne in Erlangen seiner Ehefrau diese Karte geschrieben. "Für den Kaiser auf dem Feld der Ehre gefallen", lautete im Ersten Weltkrieg die letzte Nachricht über ihn, die seine Ehefrau erhalten hat.
Brotgutscheine für Mehl
Vier Kinder - sieben, sechs, vier und ein Jahr alt - musste sie nun ganz allein großziehen. Eine kleine Rente und die Pacht für ihren Stadel mussten ihr dazu reichen. Die Pacht für einen kleinen Acker wurde in Mehl bezahlt, in der Blechmühle gab es dafür Brotgutscheine. Fleisch lieferte ein Schwein, das im eigenen Stall aufgezogen wurde, der Hausgarten lieferte das Übrige, was man zu einem genügsamen Leben brauchte.
In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war es für Anna Piehl nicht leicht, für ihre drei Buben Lehrstellen zu bekommen, doch sie schaffte es. Michael wurde Brauer, Alois und Georg lernten das Hafner-Handwerk. Die Mutter dachte dabei praktisch: "Bier wird man immer trinken, Herde und Kachelöfen werden auch gebraucht." Für Tochter Resi besorgte sie eine Stelle als Magd.
Im "Danihansn-Haus", so der Hausname der Familie, lebte man genügsam. Geschlafen wurde auf Strohsäcken: Mutter und Tochter in einer Kammer, die drei Söhne in der zweiten. Das Familienleben spielte sich in der guten Stube ab, in der ein großer Kachelofen stand, der in der kalten Jahreszeit vom Herd in der Küche aus beheizt werden konnte.
Michael zog es nach der Lehrzeit in die Ferne. Er wurde Braumeister in Hannover, lernte die Wienerin Käthe kennen, Hausmädchen bei einer vornehmen Familie. 1936 war Hochzeit, 1937 wurde Tochter Hanna geboren, Sohn Hans Georg folgte 1941. Alois, Georg und Resi blieben bei der Mutter: die Buben als Gesellen bei Hafnermeister Schreglmann, Resi als Bauernmagd. Ihre gute Stube war der Treffpunkt junger Leute aus der ganzen Umgebung. Es kamen die Rodler, die Paulus, die "Trollnhansn"-Buben, die "Grünthanmühler" Schorsch und Wolfgang, die Spiegl-Anna und die Vogl-Babett, Freundinnen der Resl. Die Piehl-Mutter freute sich, dass gesungen, gelacht und getanzt wurde. 1936 halfen Alois und Georg beim Erdaushub für das Wohnhaus ihres Schwagers Michael Paulus, der 1937 ihre Schwester Resl geheiratet hatte.
"Zur Arterhaltung"
Der Beginn des Zweiten Weltkriegs war für meine Piehl-Oma nach 1914 der zweite Schock. 1939 wurde Michael in Hannover zur Wehrmacht eingezogen, in Kirchenthumbach Alois. Georg, ihr dritter Sohn, wurde "zur Arterhaltung vom Wehrdienst befreit". Er wurde stattdessen "nur" in die Flugzeugwerke Messerschmitt in Regensburg dienstverpflichtet.
Für die Mutter, die im Ersten Weltkrieg schon ihren Mann verloren hatte, begann nun das Bangen um ihre Söhne. Georg Piehl durfte an allen Wochenenden nach Hause. Alois, als Fallschirmjäger über der Insel Kreta abgesprungen und verwundet, erhielt zwei Wochen Heimaturlaub und wurde dann an die Russland-Front abkommandiert, wo er im Juni 1942 gefallen ist. Michael war 1943 ein letztes Mal zu Urlaub bei seiner Mutter, seiner Ehefrau Käthe und den Kindern. Er fiel im März 1945 in Ostdeutschland.
Georg, der jüngste der Piehl-Söhne, wurde im August 1943 bei einem Bombenangriff auf die Messerschmitt-Werke im Luftschutzkeller verschüttet und erstickte. Schwester Resi musste den Bruder unter den Hunderten von Toten identifizieren. In einem Güterwagen brachte man den Sarg nach Kirchenthumbach, wo Georg Piehl auf dem Friedhof mit militärischen Ehren begraben wurde.
Obwohl der Krieg alle männlichen Mitglieder ihrer Familie ausgerottet hatte: Den Glauben verlor Anna Piehl nicht. Oft ging sie in die Bergkirche, hat der "Himmelsmutter", wie es ihr Sohn Alois wollte (siehe Infokasten), ihre Bitten zu Füßen gelegt. Fast 90 Jahre alt, ist unsere Oma 1957 gestorben und wurde neben ihrem jüngsten Sohn Georg beerdigt.
Auch meine Paulus-Oma zitterte um ihre drei Söhne. Obwohl 32 Jahre alt, war Michael einer der ersten, die einberufen wurden. Sein Vergehen: Er hatte dem Wunsch des Ortsgruppenleiters, als Obermeister der Schneiderinnung in "Vorbildsfunktion" Parteimitglied zu werden, widersprochen.
Sohn Georg, der 1937 zum Priester geweiht worden war, wurde als Kaplan vom Ortsgruppenleiter in Pullenreuth wegen seiner Predigten "gerügt" und daraufhin vom Bischof, wie dieser sagte, zur Sicherheit, nach Straßkirchen versetzt. "In Niederbayern gibt's koane Nazis", meinte der Oberhirte.
Als "Pfaffe" verhöhnt
Nur drei Wochen später kamen Männer in schwarzen Ledermänteln und ließen dem Kaplan die Wahl: KZ oder Front. Georg Paulus entschied sich für "Kriegsdienst ohne Waffe" und wurde in Königsberg zum Sanitäter ausgebildet. Zwei Jahre musste er, als "Pfaffe" von Offizieren verhöhnt, in Russland an vorderster Front Verwundete bergen und Sterbenden beistehen. Später war er als Kriegspfarrer in Finnland, kam in englische Gefangenschaft und wirkte als Lagerpfarrer. 1946 wurde er in seine Heimat entlassen.
Als jüngster Bruder wurde im Sommer 1940 Hans Paulus zur Wehrmacht einberufen. Auch er kam nach Russland. "Am 19. November 1941 hat Kamerad Hans Paulus vor Moskau den Heldentod erlitten. Wir haben unseren Kameraden, den ein Scharfschütze getroffen hat, gerächt." Das stand im Brief an seine Eltern. Eine Skizze der Lage des Grabes und der Rosenkranz, den ihm seine Mutter geschenkt hatte, lagen dem Schreiben bei.
Lange hat unsere Oma diesen Brief in einem gläsernen Schränkchen aufbewahrt und ihn oft gelesen. Schwer traf sie, dass weder Michael noch Georg zur Beerdigung des Vaters, der am 17. Februar 1943 gestorben ist, Urlaub bekamen. Michael Paulus, zunächst in Emden bei der Kriegsmarine, dann in Frankreich eingesetzt, war 1940 und 1941 auf Urlaub daheim, später nicht mehr. Nach Kriegsende war er lange verschollen. 1947 kam das erste Lebenszeichen von ihm: "Liebe Resl, bin gesund, Grüße die Buben und die Mutter. Dein Michl." Es waren nur zwölf Wörter, aber sie gaben Hoffnung. Am Ostermontag, 30. März 1948, konnte der Sohn, Ehemann und Vater endlich wieder zu Hause begrüßt werden.
Geheimakten vernichten
Er hatte viel zu erzählen. In der Atlantik-Festung Lorient hatte seine Truppe auf die vorrückende US-Armee gewartet, um zu kapitulieren, als ein Offizier Michael Paulus und zwei Kameraden mit dem Vernichten von Geheimunterlagen beauftragte. Dabei gelang ihm ein Blick in seine Akte: "Kein Parteimitglied, zum Unterführer nicht geeignet." Der Kirchenthumbacher Ortsgruppenleiter hatte scheinbar gute Arbeit geleistet.
Der Festungskommandant übergab seine Truppe den Amerikanern, die sie den Franzosen auslieferte. Eine harte Zeit begann. Im berüchtigten Lager Brest zum Minensuchen und Entschärfen von Bomben eingesetzt, verloren täglich Kameraden ihr Leben. Hitze, Hunger, Regen und Zählappelle waren Begleiter der "Boschs", der "deutschen Schweine", wie die Kriegsgefangenen von den Einheimischen genannt wurden.
Verständlich, dass mein Vater die Franzosen nach seiner Heimkehr nicht riechen konnte. Erst als Staatspräsident Charles de Gaulle "Es lebe Deutschland" auf Deutsch sagte und Bundeskanzler Konrad Adenauer "Vive la France" antwortete, wurde Michael Paulus umgestimmt: "Franzosen und Deutsche dürfen nie mehr das mitmachen, was wir erleben mussten. Niemals darf eine Partei wie die NSDAP an die Macht kommen." Das Bekenntnis eines Mannes, der dank einer solchen Partei acht Jahre seines Lebens verloren hatte.




























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