09.01.2019 - 16:41 Uhr
KirchenthumbachOberpfalz

Von der Salz- zur Staatsstraße

Seit den 1960er Jahren wird über eine Ortsumgehung von Kirchenthumbach und den Ausbau der Straße bis zur Bezirksgrenze bei Engelmannsreuth diskutiert. Ein Ende ist noch immer nicht in Sicht.

Ursprünglich führte die Trasse über die Bergkuppe bei Wölkersdorf. Mit dem Aufkommen des motorisierten Straßenverkehrs wurde sie nach unten verlegt.
von Autor RFÜProfil

Das Für und Wider gehört schon seit Jahrhunderten zum Bild dieser Landstraße, reichend von Amberg bis hinein in das Fränkische Reich. Einige Namen musste sich die "Naht", wie sie einst auch bezeichnet wurde, auch schon "gefallen lassen": Altstraße im Nordgau, Salzstraße, Heeresstraße, Alte Reichsstraße, Alte 85er, Panoramastraße und jetzt Staatsstraße 2120. Wer sich mit der Geschichte dieses Geh- und Fahrweges befasst, kommt zu dem Schluss: Und die Geschichte wiederholt sich doch.

Fährt man heute von Kirchenthumbach nach Bayreuth, und das tun täglich sehr viele Menschen, bewegt man sich auf einer der schönsten Straßen der Region: Sie fließt in weichen Biegungen zum Grenzberg Kütschenrain hinauf. Stattliche Ahorn- und Eschenbäume nehmen sie in die Mitte. Vor dem Wölkersberg schwingt die Straße lässig nach rechts aus, ehe ihr Kulminationspunkt folgt. Zwei Straßenhäuser mit Blick in das Fichtelgebirge werden passiert, ehe sich die Trasse senkt und in den grünen Kessel von Heinersreuth mündet. Von dort geht es wieder hinauf zur "Mauth". Bei Engelmannsreuth wird die Straße von den Franken übernommen.

Die Trassenführung war nicht immer so. Früher wurde sie mit System gewählt - zum Teil musste sie erzwungen werden. Im Hinterkopf saßen stets das liebe Geld, Egoismus und Missgunst. Nach dem Dreißigjährigen Krieg war Deutschland in rund 300 Kleinstaaten zerrissen. Das Straßenwesen konnte deshalb nicht überregional geführt werden, sondern war Sache jedes Ländchens. Dass dadurch lokale Behörden und Interessengruppen ein wichtiges Wort mitreden durften, liegt auf der Hand.

Straßen- und Pflasterzoll

Wer sich bei den älteren Bauern umhört und die Frage stellt, wieso die Straße einst über den steilen Wölkersberg gebaut wurde, bekommt als Antwort: "Damit man viel Geld durch Vorspanndienste verdienen konnte." Das erscheint plausibel: Die Straße war seit alten Zeiten die wichtigste Süd-Nord-Verbindung durch die Oberpfalz, auch durch den florierenden Salzhandel. An jeder Grenzschranke holte sich der Landesfürst seine Maut, seinen Straßen- oder Pflasterzoll. Noch heute erinnert das alte Forsthaus in Oberlenkenreuth an das "Bayreuther Mauthaus".

Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 mit der Reichsgründung und Bayern im Kaiserreich zog ein Gerücht durch das Land. Es ging um das neue Verkehrsmittel, Eisenbahn genannt. Negative Meinungen machten die Runde, etwa: "Ob da nicht der Teufel seine Hand im Spiel hat?" Auch über Ranna-Auerbach- Kirchenthumbach-Vorbach war eine Strecke geplant, zwischen Kirchenthumbach und Pfaffenstetten sollte ein Bahnhof entstehen. Vor allem aus dem Kirchenthumbach Lager regte sich jedoch Widerstand, bis das Projekt aufflog. Die Bauern verweigerten eine Grundabtretung mit der Begründung, sie hätten kein Interesse an einer Eisenbahn, zumal durch solch einen Bahnbau mit den Arbeitern auch allerlei Gesindel ins Land geschwemmt würde.

Die Bahnlinie wurde aber dennoch hergestellt. Es ist die Hauptstrecke Nürnberg-Eger. Gebaut wurde sie schließlich über Vorbach-Schnabelwaid-Pegnitz. Die einmalige Chance, die Region um Kirchenthumbach an das große Verkehrsnetz anzubinden, war vertan. Der Chronist damals schrieb: "Es ist gescheitert wegen spießbürgerlichem Eigennutz und Kurzsichtigkeit. Die Nachfahren müssen es büßen."

"Gewaltiger Bock"

Es dauerte nicht lange, da erkannten die Bürger und Bauern, dass sie einen "gewaltigen Bock" geschossen hatten. Es erwies sich als ein Trugschluss, den Verkehr auf der Straße durch Abweisung der Eisenbahn erhalten zu können.

Als um 1890 der Plan auftauchte, von Pressath bis Kirchenthumbach eine Lokalbahn zu bauen, gab es im Ort nur noch wenige Stimmen, die dagegen waren: Man wollte retten, was noch zu retten war. 1904 wurde die Nebenstrecke tatsächlich eröffnet, 1969 der Bahnbetrieb wieder eingestellt.

"Die Nebenbahn ist aber nicht einmal ein schlechter Ersatz für die verpasste Hauptlinie", merkten Kritiker im Jahr 1904 an. "Ihre wirtschaftliche Bedeutung ist sehr gering, weil sie keine Verbindung zu den deutschen Industrie- und Absatzmärkten im Westen darstellt, sondern nur noch nach dem wirtschaftlich-schwachen Osten orientiert ist. Die alte B 85 aber, die einstige Schlagader, ist durch die Erweiterung des Truppenübungsplatzes im Jahre 1938 gänzlich blutarm geworden." Der Chronist schreibt am Ende: "Straßen sind wie Menschen. Sie entstehen, blühen auf, haben ihre Schicksale und vergehen."

Im Blickpunkt:

Betrügereien und "edler Wettstreit"

Auf der Salzstraße von Amberg nach Bayreuth, die an Sassenreuth – damals Sachsenreuth, aber auch Saxenreuth genannt – vorbeiführte, sollen sich Betrügereien abgespielt haben. Zu diesem Ergebnis kam Pfarrer Paulinus Fröhlich in seinem 1951 erschienenen Buch „Beiträge zur Geschichte- und Kulturgeschichte des Marktes Kirchenthumbach“.

So sollen die Sassenreuther zusammen mit den Einwohnern von Wölkersdorf und Pfaffenstetten Salztransporte aufgehalten und Salzstöcke ausgeleert haben: „Diese Betrügereien machten ihnen lange Zeit Schande“, schreibt der Heimatforscher. Fröhlich, ein Sohn Kirchenthumbachs, war unter anderem Pfarrer in Wolnzach. In Sassenreuth soll die Einnahmequelle aus Vorspanndiensten außerdem einen „edlen Wettstreit“ unter den Viehhaltern ausgelöst haben: Jeder wollte die stärksten Ochsen haben.

Chronisten gehen davon aus, dass viele Orte deshalb an Hängen gegründet wurden, da Einnahmen durch Vorspanndienste gewittert wurden. Wie das funktionierte, demonstrierte der Kirchenthumbacher Posthalter. Er betrieb das Geschäft professionell und hatte als Einziger die dafür brauchbaren starken Pferde, die Geld einbrachten.

Erst um 1900 wurde damit begonnen, den Unfug, Straßen über steile Berge zu führen, aufzugeben. Straßen wurden fortan in den Hang gebaut, auch die jetzige Staatsstraße 2120.

m Sockel der 300 Jahre alten Marienstatue, auch „Frauenbild“ genannt, die bis 1974 am Ortsrand von Kirchenthumbach stand, sind Hinweise auf die Fahrtrichtungen – wie Bayreuth, Kemnath, Tremmersdorf oder Troschenreuth – in spiegelverkehrter Schreibweise in Stein gemeißelt.
Noch heute erinnern Kilometersteine an die lebenswichtige Straße von Amberg nach Bayreuth.
Noch heute erinnern Kilometersteine an die lebenswichtige Straße von Amberg nach Bayreuth.
Bis 1885 führt die „Alte 85er“ über den steilen Wölkersberg. Die Vorspann-Dienstleister verdienen damit ihr Geld. Dann wird die Trasse verlegt, um dem Anstieg auszuweichen.
Die B 85 im Jahr 1954 kurz vor Kirchenthumbach: Zu sehen ist vorne die Trasse mit den noch relativ jungen, weil erst nach dem Krieg wieder gepflanzten Alleebäumen, dahinter der Grubbach vor der Flurbereinigung.
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