21.03.2019 - 18:20 Uhr
KirchenthumbachOberpfalz

Unterricht im Wohnzimmer

Wie lief vor 50 Jahren das Ende der Landschulen in der heutigen Großgemeinde Kirchenthumbach ab? Wie werden die einst so stolzen Gebäude jetzt genutzt? Unser Autor ist auf manche besondere Begebenheit gestoßen.

Herbert Fraunhofer.
von Autor RFÜProfil

Damals wie heute: Mit der Aufgabe eines Schulgebäudes stellt sich die Frage nach seiner weiteren Verwendung. Der Blick zurück zeigt: Die einstigen Schulhäuser im Bereich der Marktgemeinde wurden einer sinnvollen Nutzung zugeführt.

Aus Ehrfurcht vor der Geschichte und Respekt vor den Altvorderen sowie dem Erhalt des Ortsbildes war ein Abriss kein Thema.

Der Verlust der eigenen Schule in den Landgemeinden wird kaum mehr bedauert. Doch damals, vor einem halben Jahrhundert, kam die Landschulreform nicht bei allen Bürgern gut an. Oft geäußerter Tenor war: "Alles nehmen's uns weg: den Landkreis, unsere Schul' und dann unsere Gmoi." Und in der Tat: Es ist so gekommen. Die Zirkendorfer wollten retten, was noch zu retten war, und brachen sogar einen Schulstreik vom Zaun - aber ohne Erfolg.

Der junge Lehrer Manfred Schweizer war es, der 1969 für immer die Thurndorfer Schule zugesperrt hat. Der Ort hatte eine einklassige Landschule. Nach den Recherchen von Helfried Stöckel begann das Thurndorfer Schulwesen 1557 im Mesnerhaus. Der Mesner wurde als Lehrer eingesetzt, für maximal zwei Kreuzer Lohn pro Kind. Davon kamen allerdings nur wenige in die Schule, und das auch nur im Winter. Im Sommer musste der Nachwuchs in der Landwirtschaft mitarbeiten.

Umbau zum Feuerwehrhaus

Das Schulgebäude in der noch immer bestehenden Form stammt aus dem Jahr 1898. Es wurde zweistöckig gebaut. Der Schulsaal befand sich im ersten Stock, ebenso das Standesamtszimmer der Gemeinde. Im Erdgeschoss war die Lehrerwohnung mit Nebenräumen untergebracht. Obwohl kein zweiter Schulsaal vorhanden war, kam es im Schuljahr 1963/64 zur Zweiklassigkeit: Das Wohnzimmer der Lehrerwohnung, in der die Lehrerseheleute Gerlinde und Heiner Kohl wohnten, wurde zum Klassenzimmer umfunktioniert.

Die Idee der Gemeinde, ein neues Schulhaus zu bauen, wurde verworfen: Die Diskussion um die Landschulreform stoppte das Bauvorhaben. 1969 erfolgte die Auflösung der Schule. Heute besuchen die Thurndorfer Kinder in Kirchenthumbach die Grund- und Mittelschule. Das alte Schulhaus, ein ansehnlicher Klinkerbau im Zentrum des Dorfes, wurde von der Gemeinde zum Feuerwehrhaus umgebaut.

Heinersreuth, im Volksmund "Hascharad" genannt, bekam 1870 eine einklassige Schule. Vorher gingen die Kinder im drei Kilometer entfernten Thurndorf zur Schule. In der Chronik steht darüber niedergeschrieben: "Das Lehrerzimmer war geräumig und trocken und vier große Fenster sorgten für gute Belichtung. Die Lehrerwohnung war im Parterre und sehr geräumig. Es hatte ein großes heizbares Zimmer und eine Küche mit Kochherd und Waschkessel im ersten Stock. Dazu kamen noch ein Zimmer und zwei Kämmerchen, zwei Böden, ein Keller und ein Stall für ein Stück Vieh."

Als Wohnhaus genutzt

Nach Heinersreuth zur Schule gingen die Kinder aus Heinersreuth selbst sowie aus Heinersberg, Thieroldsreuth, Oberlenkenreuth, Unterlenkenreuth, Krücklasmühle, Sorg, Knittlhof und Rothmühle. Ehemalige Lehrer und auch die Heinersreuther erzählen heute noch gerne von ihrer liebgewordenen Schule und den Mäusejagden, die im Winter im Schulhaus veranstaltet wurden.

Im September 1967 wurde die einklassige Schule mit 31 Schülern aufgelöst. Letzter Lehrer war Heinrich Schlierf. Das Schulhaus wurde verkauft und befindet sich im Privatbesitz zur Nutzung als Wohnhaus.

Hintergrund:

Drei Mal wird gebaut

Im Jahr 1825 wird in Zusammenhang mit dem Schulwesen erstmals in Sassenreuth eine Schule erwähnt, eine sogenannte Nebenschule. Es kann davon ausgegangen werden, dass es sich um eine „Zweigstelle“ der Kirchenthumbacher Schule gehandelt haben muss, gehörte doch die politische Gemeinde Sassenreuth schon immer zur Pfarrei Kirchenthumbach. Man schrieb das Jahr 1871, als zum ersten Mal ein Schulhausbau erwähnt wird. Das Gebäude war jedoch nur 53 Jahre in Betrieb. 1924 ist erneut von einem Schulhausbau die Rede.

Die Massenabwanderungen und -vertreibungen Deutscher aus den Ostgebieten und aus dem Sudetenland vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ließen die Schülerzahlen ansteigen. Der Höchststand wurde 1946/47 mit 121 Schülern registriert – und das in einer einklassigen Schule. Deren Protokoll ist zu entnehmen: „Nach Zwistigkeiten und Streitigkeiten konnte endlich am 12. Mai 1962 mit dem Anbau der Schule begonnen werden.“ Unterricht erteilt wurde eine Zeit lang im Saal der Gastwirtschaft Biersack. Am 8. September 1963 wurde das Schulhaus eingeweiht.

Doch der Anbau hat sich kaum rentiert. Bereits 1965 trat Sassenreuth dem Schulzweckverband Kirchenthumbach bei. 1969 ging die Ära „Schule Sassenreuth“ zu Ende. Letzter residierender Lehrer war Herbert Fraunhofer. Das Schulhaus wurde später an eine Familie verkauft, die eine Textilbügelei betrieb.

Seine frühere Nutzung ist ihm nicht anzusehen: Dieses Haus wurde bis Herbst 1967 als Heinersreuther Schule genutzt – mit „Stall für ein Stück Vieh“ und Küche unterm Dach.
Die ehemalige Schule von Sassenreuth.
Die ehemalige Schule von Neuzirkendorf.
In diesem Klinkerbau im Dorfzentrum, errichtet Ende des 19. Jahrhunderts, befand sich die Thurndorfer Landschule.
Ludwig Zerreis.
Auerbach kontra Kirchenthumbach:

Der Neuzirkendorfer Schulstreik

Nach Recherchen von Rudolf Weber, der die Chronik der Pfarrgemeinde Neuzirkendorf geschrieben hat, geht die Schulgründung dort auf das Jahr 1557 zurück. 1721 wird Johannes Reinsfeld, Pförtnersohn aus Michelfeld, als Schulmeister genannt.

Nach der Einführung der allgemeinen Schulpflicht von 1802 wurde 1818 das Schulhaus erweitert. Im Jahr 1945 stand noch das alte Schulhaus, das 500 Jahre auf dem Buckel gehabt haben soll. Auf Initiative von Bürgermeister Johann Haßler hin beschloss der Gemeinderat, dieses jedoch abzureißen und einen Neubau „hinzustellen“. Am 15. Juli 1947 begann der Abbruch, und am 1. Oktober 1948 wurde das neue Schulhaus eingeweiht. Als im Herbst 1959 in Neuzirkendorf die zentrale Wasserversorgung gebaut wurde, wurde dann auch das Schulhaus mit Trinkwasser versorgt.

Schon im Mai 1968 machte die Schule Sorgen: Die Gesamtschülerzahl betrug nur mehr 55 Kinder. Deshalb wurde mit Troschenreuth, damals noch zum Landkreis Eschenbach gehörend, ein Verbund geschlossen. Die Klassen 1 und 2 wurden in Troschenreuth geschult, die Klassen 5 bis 9 in Auerbach. Infolge der Gebietsreform, bei der Troschenreuth der Stadt Pegnitz zugeschlagen wurde, wurde die Grundschule Troschenreuth 1972/73 aufgelöst. Der Stadtrat von Auerbach und der „Zirkendorfer“ Gemeinderat initiierten am 6. Februar 1972 eine „Volksabstimmung“. Dabei standen die Eingemeindung nach Auerbach und die Zugehörigkeit zum dortigen Schulverband oder die nach Kirchenthumbach zur Wahl. Von den 187 Wahlberechtigten entschieden sich 165 für Auerbach und nur 20 für Kirchenthumbach. Doch das eindeutige Votum nützte nichts.

Zu Schuljahresbeginn 1972 sollten alle Neuzirkendorfer Kinder nach Kirchenthumbach in die Volksschule gehen. Deshalb kam es zum Schulstreik. Am ersten Schultag fuhren zwei Busse Neuzirkendorf an, einer aus Auerbach und der andere aus Kirchenthumbach. Letzterer fuhr wieder leer nach Hause. Am zweiten Schultag blieb der Auerbacher Schulbus aus, und fünf Kinder stiegen in den „Dumbacher Bus“ ein. Die übrigen Buben und Mädchen streikten und blieben dem Unterricht fern. Tags darauf stiegen aber alle „Zirkendorfer“ Kinder in den Bus aus Kirchenthumbach.

Letzter Lehrer von Neuzirkendorf war Ludwig Zerreis. Im Dezember 1991 verkaufte der Markt Kirchenthumbach das Schulhaus an die Kuratie Neuzirkendorf. Es entstand ein schmuckes Pfarrzentrum.

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