21.12.2018 - 18:17 Uhr
KirchenthumbachOberpfalz

Weihnachts-Odyssee nach Hause

Heulende Sirenen, Fliegeralarm, Luftschutzkeller, verspätete Züge, finstere Bahnhöfe, ein Militärzug, ein sein Abendessen teilender Bahnbeamter: Vor 74 Jahren hat ein Elfjähriger all das einen Tag vor Weihnachten auf der Heimfahrt vom Internat erlebt. Der Bub, der am Heiligen Abend bei seiner Mutter sein will, strandet auf dem Bahnhof.

Josef Rodler, in der Eschenbacher Straße in Kirchenthumbach bekannt als der „Rodler-Sepp“, war viele Jahre im Bahnhof Grafenwöhr angestellt. Privat war er auf den „Hutza“-Abenden bei Nachbarn ein guter Unterhalter.
von Georg PaulusProfil

Eisig kalt war es in Amberg am 23. Dezember, dem ersten Tag der Weihnachtsferien 1944. Gerade als um zehn Uhr der Oberrealschüler Ludwig Johann Krapf, genannt "Hans", vom Internat im "Malteser" zum Bahnhof unterwegs und an der Martinskirche vorbei war, gaben Sirenen Fliegeralarm.

Zuerst habe er zum Bahnhof weitergehen wollen, erinnert sich der 85-jährige Ehrenvorsitzende des Imkervereins sowie des Rentner- und Pensionistenvereins Kirchenthumbach. Weil den Kindern in der Schule jedoch eingetrichtert worden war, dass es Pflicht sei, bei einem Alarm sofort einen Schutzraum aufzusuchen und sie diesen Weg auch geübt hatten, rannte er zum Luftschutzkeller im "Malteser" zurück. Dort hoffte er, dass nichts passiert und er wieder zum Bahnhof zurücklaufen, "zur Mama heim" kann.

Warten und Ungewissheit

Wie allen anderen im Schutzraum kam es Hans wie eine Ewigkeit vor, bis Entwarnung gegeben wurde. So schnell er nur konnte, rannte er zum Bahnhof zurück. Dort erfuhr er, dass sein Zug wegen des Luftangriffs noch gar nicht angekommen war und er warten musste. Mit einer Verspätung von zwei Stunden trafen Lokomotive und Waggons endlich ein.

Voll Freude auf das Wiedersehen seiner Mutter stürmte Hans in ein Abteil und schon setzte sich der Zug in Bewegung. Dass er beim hastigen Aufbruch im Luftschutzkeller den Schulranzen vergessen hatte, stellte er fest, als er Hunger verspürte und eines der Brote essen wollte, die er eingepackt hatte. In Erwartung der baldigen Heimkehr machte ihm das aber nichts aus.

In Irrenlohe musste er in Richtung Weiden umsteigen und hier gab es die nächste schlechte Nachricht für Hans: Wegen des schweren Luftangriffs auf die Flugzeugwerke Messerschmitt in Regensburg war aus dieser Richtung noch kein einziger Zug angekommen. "Bua, ich woas net, ob da heint überhaupt no oaner kummt", sagte ein Eisenbahner auf die Frage des Buben nach dem Zug. "Hock di in den Warteraum, da drinna is schöi warm. Und wenn wirkli no oaner kumma sollt, wos i net glaub, nacha sagt's dir scho oaner."

Ganz allein in der großen Wartehalle bekam der Elfjährige langsam Angst, auch weil es dunkel geworden ist. Jedes Mal, wenn ein Eisenbahner kam und in dem keinen Ofen Kohlen nachlegte, fragte er nach dem Zug - und immer war ein Kopfschütteln die Antwort. "Bua, schnell, etza kummt oana", rief auf einmal ein "Bahnerer" in den Wartesaal, als Hans leicht eingenickt war. Nie habe er sich so auf einen Zug gefreut wie damals, gibt Krapf heute zu.

Der Zug fuhr in den Bahnhof ein und Minuten später weiter. In Weiden erwartete den Buben aber schon die nächste Hiobsbotschaft: "Heute fährt kein Zug mehr in Richtung Pressath und Kirchenthumbach." Wieder saß der Elfjährige alleine in einem stockfinsteren Wartesaal. Zur Angst kam jetzt auch der Hunger hinzu: Hans wusste nicht, was er machen sollte.

"Schwarzfahrt" in Militärzug

Da kam auf einmal ein Eisenbahner und meldete, dass ein Militärzug für Grafenwöhr eintrifft. Der Bahnbeamte bat auch den Zug-Kommandanten, den Buben mit nach Grafenwöhr zu nehmen. "Vorschrift ist Vorschrift", erklärte dieser jedoch und sagte "Nein". Da der "Bahnerer" Mitleid mit Hans hatte, ging er mit ihm zum Lokführer und fragte, ob er den Jungen mitnehmen könne, da dieser sonst Weihnachten auf dem Bahnhof verbringen müsse und nicht bei der Mutter sein könne.

"Schau, dass'd rauf kummst", Lautete die Antwort und schnell erklomm Hans das schwarze Ungetüm. Es war schön dort - vor allem schön warm. "Der Lokführer sagte, dass er in Grafenwöhr an einem Signal halten und ich dort von der Lok runter muss, so schnell es geht." Dies gelang ohne Schaden. Der Bub purzelte eine Böschung hinunter und lief zum Bahnhof zurück. Ein Bahnbeamter, der ihn kommen sah, fragte, was der Elfjährige mitten in der Nacht auf dem Bahnhof wollte. Krapf schilderte ihm seine Reise von Amberg über Irrenlohe und Weiden bis nach Grafenwöhr und erzählte, dass er zu seiner Mama nach Kirchenthumbach wolle.

Der "Bahnerer" schüttelte den Kopf: "Da geht nichts mehr, aber Du kannst bei mir im Büro übernachten." Er nahm Hans mit, setzte ihn hinter seinen Schreibtisch, packte seine Brotzeit aus und teilte diese und auch seinen Tee aus der Thermoskanne mit seinem Überraschungsgast. Sicher und gestärkt mit einer "Eisenbahner-Brotzeit" konnte der Bub, in Decken der Deutschen Reichsbahn warm eingewickelt, im Bahnbüro ausschlafen.

Am nächsten Tag, nach Dienst- schluss, fuhren er und der Bahnbeamte zusammen mit dem Zug nach Kirchenthumbach. 24 Stunden lang war Hans Krapf auf einer abenteuerlichen Fahrt, bis ihn am Heiligen Abend seine Mama in die Arme schließen konnte. Der Eisenbahnbeamte, der das "Herz am rechten Fleck" hatte, war der Kirchenthumbacher Josef Rodler.

Ludwig Johann Krapf, „Hans“ genannt: Nach seiner Erstkommunion im Frühjahr 1943 steht er für ein Erinnerungsfoto vor dem Hauptportal der 1974 abgerissenen Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt.
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