12.06.2018 - 20:26 Uhr
Köfering bei KümmersbruckOberpfalz

Jakobs-Pilger mit kleinem Gepäck

"Also der Jakobsweg ist schon eine Sucht." Josef Vogl lacht. Und denkt schon ans nächste Mal. Es wäre sein drittes. Das erste war 2011, auf der klassischen Route. Heuer hat er einen anderen Weg gewählt. Und einen ganz kleinen Rucksack.

Ziemlich hoch hinaus geht es auf der Jakobsweg-Route Camino Primitivo. Dieser Weg führt durchs Gebirge, auf bis zu 1900 Meter. Um Ostern herum, als Josef Vogl hier unterwegs war, lag da noch Schnee.
von Heike Unger Kontakt Profil

Damals, 2011, ist Josef Vogl etwa 800 Kilometer gepilgert. Er war "dann mal weg", auf den Spuren von Hape Kerkelings gleichnamigem Bestseller. Diese Hauptroute, der Camino Frances von den südfranzösischen Pyrenäen bis ins spanische Santiago de Compostela, ist inzwischen etwas überlaufen. Aber es gibt Alternativen. Vogl wählte den Camino Primitivo. "Ein ursprünglicher, sehr alter Weg, der über Hunderte von Jahren nicht verändert wurde, etwa durch Straßenbau. Das merkt man auch."

Auch wenn dieser Pilgerpfad kürzer ist, ist er eine besondere Herausforderung. "Man geht sehr viel im Gebirge, auf sehr ursprünglichen Wegen. Von Oviedo in Nordspanien nach Santiago, 340 Kilometer." Doch die haben es in sich - "mit sehr vielen Höhenmetern". Und die Route ist nicht so gut durchorganisiert wie der Hauptweg, wo man alle fünf Kilometer auf Versorgungsmöglichkeiten trifft, wie Vogl sagt. Auf dem Primitivo liegen schon mal 20 Kilometer dazwischen. "Da muss ich mich also entscheiden: Gehe ich heute 20 oder 40 Kilometer?"

Der Camino Primitivo verlangt Pilgern einiges ab – bei Regen watet man hier über Schlammpfade.

Hüfttief im Schnee

Pilger mit kleinem Gepäck. „Vielleicht fünf Kilo“ hatte Vogl in seinem Rucksack.

Für Vogl, einen gut trainierten (Berg-)Läufer, war die Herausforderung diesmal das Wetter: Dass er in großen Höhen im Gebirge durch Schnee wandern würde, war ihm klar - dass er hüfttief darin versinken würde, nicht. Um Ostern herum war das Wetter in Spanien heuer "unerwartet schlecht." Und noch etwas war diesmal anders: Auf dem wenig populären Camino Primitivo war Vogl die meiste Zeit alleine unterwegs. So blieb ihm der Andrang der Hauptroute erspart - aber es fehlte auch die Begegnung mit anderen. "Für mich bedeutet der Jakobsweg, die Geschichten von anderen aufzusaugen, sich mit anderen auszutauschen, Schicksale zu teilen. Das hat mir diesmal ein bisschen gefehlt."

Vogl nahm es sportlich. Im wahrsten Sinn des Wortes. Genau ein Jahr nach einer schweren Operation, bei der es am 10. April 2017 für ihn um Leben und Tod ging, wollte er in Santiago ankommen. Dafür wanderte er durchs Gebirge: Elf Tage, jeweils 30 Kilometer, im Schnitt mit 800 Höhenmetern. Und mit einem Mini-Rucksack. Der fasst 12 statt der sonst auf solchen Touren üblichen 60 Liter. "Nicht viel mehr als eine Damenhandtasche", so beschreibt es Vogl. Ihm reichte das für eine Garnitur Wechsel-Kleidung, Regenjacke, Zahnpasta, Energie-Riegel und einen Liter Wasser. Letzteres "ist nicht das Problem, weil schon immer wieder Brunnen kommen".

Wer nicht viel mitnimmt, muss auch nicht schwer tragen. Eine Erkenntnis, die er bei seiner ersten Pilgertour gewonnen hat: "Ich wollte mit wenig auskommen, weil ich weiß, dass man nicht viel braucht."

Der Jakobsweg sei inzwischen so gut erschlossen, dass es in jeder Herberge nicht nur W-Lan gibt, sondern auch die Möglichkeit zum Wäschwaschen. Sei es "eine ganze Wand voller Waschmaschinen, in die man einen Euro reinschmeißt, oder eine altertümliche Herberge, wo die Oma wäscht". Landschaftlich gigantisch sei der Camino Primitivo, schwärmt Vogl. "Berge und Flüsse, das ist für mich immer mystisch."

Aber es gab auch eine Kehrseite: Überflutete Wege, die auch sonst "in einem katastrophalen Zustand sind", und auf denen er knietief im Schlamm watete. "Ständig nasse Füße. Ich war jeden Tag patschnass." Das zehrt dann auch am sportlichen Pilger. "Ein ganz großes Problem, das ich völlig unterschätzt hab, waren die Hunde." Angstmomente, auch für einen, der hart im Nehmen ist: "Wenn plötzlich große Schäferhunde kläffend um die Ecke kommen", dann hilft nur eins: "Ab in den Wald und weg." Das Handy war im tiefen Schnee eine gute Navigationshilfe. Und ließ den Fußball-Fan Vogl sogar das Bayern-Spiel gegen Sevilla sehen. In der Kneipe hätte er an diesem Tag Pech gehabt: Wenn Real kickt, schaut ganz Spanien zu. Und keiner interessiert sich für Sevilla.

Info:

Ein Pilger erzählt

Über seine Pilger-Erlebnisse auf dem Camino Primitivo 2018, aber auch von seiner Tour 2011 auf der Hauptroute des Jakobswegs, dem Camino Frances, berichtet Josef Vogl in Wort und Bild am Sonntag, 17. Juni, um 14 Uhr im Vereinsheim in Köfering (Haager Straße 2). Wer dabei sein will, sollte sich vorher per Mail anmelden, da der Platz begrenzt ist (anmeldung[at]hkv-koefering[dot]de).

Wichtig: Das Ankommen

Und dann war da das Ankommen in Santiago. Genauso wichtig wie beim ersten Mal. Aber anders. Intensiver. "Ich hab mich diesmal ein paar Stunden mit einer Brotzeit auf den Platz vor der Kathedrale gesetzt und die anderen beobachtet: Wie geht es denen?" Vogl erlebte das wohl nicht zum letzten Mal. Die Pilgerroute durch Portugal nach Santiago würde ihn reizen. Oder auch: "Einfach von hier aus loszugehen. Das wären so um die 3000 Kilometer. Drei Monate." Damit werde er aber wohl bis zur Rente warten müssen.

Bis dahin bleibt die Erinnerung an die "guten Pilger-Gespräche von 2011". An das letzte Stück Weg, acuh 2018 begleitet vom prägenden Duft der Eukalyptusbäume rund um Santiago. Und an Geschichten wie die von den beiden Pilgern, "die alles hinter sich gelassen haben, berufliche Karriere, Wohlstand". Sie kamen aus zwei unterschiedlichen Ländern, gingen zwei Stunden gemeinsam auf dem Jakobsweg - und sind jetzt ein Paar. "Faszinierend", findet Vogl: "Wenn der eine ein bissl früher Brotzeit gemacht hätte, hätten sie sich nie getroffen."

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