Dort wo Irene Schleicher lebt, wohnt die Stille. An die musste sich die 66-Jährige, die über vier Jahrzehnte lang nur die Großstadt kannte, erst gewöhnen. Geboren ist die Künstlerin in Hütten in der Oberpfalz, ihre Mutter war Konnersreutherin. Eigentlich wollte sie nie in die Region zurückkehren. Mit 18 heiratete sie Dr. Peter Schleicher. Der studierte damals in Regensburg Psychologie, bevor er zur Medizin wechselte. Mit den beiden gemeinsamen Töchtern Dorothea (40) und Theresa (37) betreibt der gebürtige Hüttener in der Landeshauptstadt eine Privatpraxis und ein Immunlabor und pendelt zwischen Köglitz und München.
___ Früher utopisch ___
"Ich war stets kreativ, habe schon als Kind immer gemalt. Aber vor 50 Jahren war es in der Oberpfalz mehr als utopisch Künstler zu werden, vor allem wenn man Frau ist." Damals habe man einen "Brotberuf" erlernen müssen, einen, der einen ernährte. In ihrem Fall war das Arzthelferin. In München leitete sie viele Jahre das Immunlabor "Zytognost". "Weil ich meine Kreativität nicht voll ausleben konnte, hatte ich immer das Gefühl ich pflüge einen fremden Acker." Ihr Rat an Gleichgesinnte: Den kreativen Weg beschreiten und sich nichts ausreden lassen. "Sonst wird man unglücklich, denn Kreativität vergeht nicht. Sie ist wie Wasser, das sich sein Flussbett gräbt. Kunst ist wie ein Trieb, man kann ihn nicht wirklich verweigern." Ob die Kunst zu ihr kam oder sie zur Kunst, kann Schleicher nicht zweifelsfrei beantworten. "Mein Vater sagte immer, Künstler, die nagen am Hungertuch. Ich habe mir dann Leute vorgestellt, die dasitzen und ein Leintuch fressen."
___ Auf Capri ___
Ab 1989 nahm Irene Schleicher regelmäßig an den Sommerakademiekursen auf Capri von Professor Hans Daucher teil. "Er wurde ein persönlicher Freund und ich seine Privatschülerin", sagt sie. Vor einigen Jahren ist Daucher verstorben. In den 1990er Jahren hat sie in München eine eigene Malschule gegründet. Das Atelier "Lebensart" richtete sich vor allem an ältere Menschen und Kinder, auch an behinderte Kinder. "Durch Zufall", antwortet sie auf die Frage, warum sie wieder in die Oberpfalz zurückgekommen ist. "Wie gesagt, ich wollte eigentlich nie zurück, habe mich in München wohlgefühlt. In meinem Geburtsort hat meine Schwester schon lange unsere Mutter gepflegt. Damit sie mal Urlaub machen konnte, bin ich eingesprungen. Das wurde mir schnell langweilig und ich sagte zur Mutter, wir gehen jetzt auf Dientzenhofer-Tour, fahren nach Waldsassen, schauen die Basilika an, besuchen die Kappl bei Münchenreuth und besichtigen das Kloster Speinshart. Den Ort hatte ich als totales Kuhdorf in Erinnerung. Was ich aber vorfand war ein wunderschön restauriertes Klosterdorf. Sofort war der Gedanke da, hier möchtest du sein - es war ein unbeschreibliches Gefühl. Wie es der Zufall will, war da eine Wohnung frei."
2001 hat sich Irene Schleicher eingemietet. "Ich fühlte mich sehr wohl - das war wie ein Ankommen. Ich hatte nie diese ,Back to the Roots-Gedanken', aber oft geht halt die Seele ganz andere Wege," Bekannte haben ihr dann das verfallene Haus in Köglitz gezeigt. "Wir haben es 2003 spontan mit den umliegenden Feldern gekauft."
Irene Schleicher war zehn Jahre damit beschäftigt, das neue Zuhause mit aufzubauen und den Garten anzulegen. In dem Zeitraum war sie auch mit der Planung und dem Bau ihrer "Theresienkapelle", die unweit des Wohnhauses steht, beschäftigt. Endlich war es soweit, konnte sie ihre Kunst voll und ganz ausleben. "Vergangenen Winter habe ich ausschließlich gemalt", erzählt sie. Seit zwei Jahren hat sie auch den Ton als Werkstoff für sich entdeckt und damit Figuren geschaffen, die Geschichten erzählen. Ihre Malerei ist rein meditativ ohne vorherigen Plan. "Man weiß nie, was da passiert. Ich agiere ganz still, lasse mich von Form und Farbe führen und beschließe wann Schuss ist. Bei der Skulptur ist das anders, ist akribische Planung notwendig." Das verlange allein schon das Material.
"Ton arbeitet, trocknet während der Arbeit und schwindet beim Brennen. All das muss der Künstler berechnen, wenn er damit agiert. Manche Plastiken entspringen aus einem Traum, manche aus der Mythologie, manchmal inspiriert mich auch ein altes Eisenteil, das ich finde", verrät Schleicher. Ein ganzes Arsenal davon nennt sie ihr Eigen.
___ Sensen-Flügel ___
Beispielsweise werden Sensenblätter so zu Engelsflügeln. "Ton und Eisen, Erz und Erde das passt hervorragend zur Oberpfalz", stellt die Künstlerin fest. Zudem waren Vorfahren von ihr Schmiede, erklärt sie die Affinität zum rostenden kalten Metall. "Ich mache keine Figuren die geliebt sondern solche, die respektiert werden wollen", erklärt sie. "Ausnahme sind Tiere, die sind manchmal auch lustig. Die menschlichen Skulpturen gehen hingegen eher auf Distanz zum Betrachter."
So auch die Skulptur der Athene mit der Eule, die ihr um den Leib geschmiedet ist, die Schutzbefohlene der Weber und Künstler. Denn Weber finden sich auch in der Ahnenreihe der Künstlerin. Ihre Tonarbeiten bleiben in der Regel unglasiert, was den Vorteil habe, dass sie sich wunderbar mit Acrylfarben bemalen lassen. Bei der Ausstellung im Kunsthaus zeigt Schleicher Skulpturen und Malereien. Die meisten ihrer Gemälde entstehen mit Acrylfarbe auf Leinwand.
___ Fuchs und Hase ___
"Im Winter bin ich fast jeden Tag in meinem Atelier, im Sommer komme ich mir oft vor wie eine Bäuerin - mit dem großen Garten." Dort hat sie tierische Gesellschaft. Mehrere Pfauen, darunter weiße Hochzeitspfauen begleiten sie bei ihrem Tun. In der Dämmerung und im Morgengrauen kommen Fuchs, Hase und Reh bis unmittelbar vor das Haus. "In der Stadt kommt man nicht in diesen innerlichen Zustand, wie das hier passiert. Meine Kunst hat sich durch den Ortswechsel verändert und auch das Wesen. Schleicher schreibt auch Kurzgeschichten und Gedichte.
Für die Ausstellung im Kunsthaus hat keine geringere als Nomi Baumgartl den Katalog fotografiert. Professor Wilhelm Vossenkuhl schrieb das Vorwort. Professor Tilmann Steiner stellt die Künstlerin bei der Eröffnung am Samstag, 3. November (20 Uhr) vor. Die Ausstellung läuft bis 9. Dezember. Geöffnet ist sie sonntags jeweils von 15 bis 18 Uhr.


























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