26.04.2019 - 09:41 Uhr
Köglitz bei KemnathOberpfalz

"Kirche statt Bentley"

"Ich weiß gar nicht, wie man zu dem Wunsch kommt, eine Kapelle zu bauen. Ich glaube eher, der Wunsch kommt zu einem", sagt Irene Schleicher, die mit Ehemann Peter vor zwölf Jahren die Theresienkapelle in Köglitz gebaut hat.

von Norbert Grüner Kontakt Profil

"Vielleicht spielte dabei eine Rolle, dass ich schon immer einen Hang zu stillen Einkehrorten habe", versucht Irene Schleicher eine Erklärung. Als die Schleichers, die viele Jahre in der Landeshauptstadt lebten, in Köglitz ihre "Zelte" aufschlugen, sei plötzlich der Wunsch nach einer eigenen Kapelle deutlich geworden. Pläne wurden geschmiedet, modifiziert, verworfen, überarbeitet. Schon 2007 hat Irene Schleicher bei den Karmelitinnen in Lisieux nach einer Reliquie der heiligen Theresia angefragt.

Reliquie im Briefkasten

"Ich adressierte den Brief, in dem wir formuliert hatten, was wir vorhaben, an 'die Schwestern des Karmeliterordens in Lisieux (France)'. Im Innersten dachte ich: 'Das kommt niemals an. Da hörst du nie mehr was.'" 13 Tage später lag die Antwort in Form eines großen Kuverts im Briefkasten mit einem Schreiben und einer Reliquie. Von da an habe das Bauvorhaben eine ganz neue Dimension bekommen.

"Jetzt konnten wir nicht mehr zurück." Erschwerend sei damals gewesen, dass sich die Familie mit dem Bau ihres Hauses finanziell fast übernommen habe. "Ich hatte 20 000 Euro gespart, letztendlich kostete die Kapelle fast das Zehnfache. Wir fuhren nach Lisieux zu den Karmelitinnen. Schwester Aurelie sagte damals: 'Machen Sie sich keine Sorgen, die heilige Theresa hat schon immer dafür gesorgt, dass ihre Kapellen fertig werden'. Ich sagte: 'Wenn das so ist, gehe ich heim und fange sofort an'."

Irene Schleicher stellte das Projekt im Dorf vor und war überwältigt von der positiven Resonanz. Schon bei dieser Gelegenheit sagten gleich mehrere Einheimische ihre Hilfe zu. Meist in Form von Eigenleistungen am Bau. Die Stadt Kemnath spendete das Holz für den Dachstuhl, Sandsteine vom Abbruch eines Hauses wurden hergeschafft. So kam eines zum andern und der Bau ging zügig voran.

Rosenkranz und Bittgang

Die Karmelitinnen sollten recht behalten, denn als die Kapelle fertig war, war sie schuldenfrei. Pfarrer Heribert Stretz aus Waldeck ist von Anfang an der Rector ecclesiae und dafür verantwortlich, dass alles was hier passiert, mit den liturgischen Regeln konform geht. In der Kirche werden Rosenkränze gebetet, im jährlichen Wechsel mit Schönreuth findet ein Bittgang statt - heuer am Montag, 27. Mai, mit einer Messe in der Theresienkapelle.

Die Messe zum Patrozinium der Kapelle wird am Samstag vor dem 1. Oktober, dem Gedenktag der heiligen Theresia von Lisieux, gefeiert, und immer am 27. Dezember ist Weinweihe, wozu das ganze Dorf eingeladen ist. Mit dem gemeinsamen Bau der Kapelle sei auch eine tolle Gemeinschaft im Ort entstanden, sind sich Peter und Irene Schleicher einig.

Peter Schleicher sagt, dass mit der ersten Reliquie eine regelrechte Dynamik eingesetzt habe, die er und seine Gattin bis heute selbst nicht wirklich begreifen können. So habe es nicht lange gedauert und eine zweite Reliquie sei dazugekommen. "Mittlerweile haben wir acht Reliquien von Theresia von Lisieux und ihren ebenfalls heilig gesprochenen Eltern Louis und Azélie Martin. Wir sind weltweit die Ersten, die eine komplette ,heilige Familie' in unserer kleinen Kirche haben. Obwohl wir diese Dynamik bis jetzt nicht kund getan haben, spüren das die Menschen." Das belegten die vielen Dankesschreiben der bis zu 5000 Besucher jährlich, denen geholfen wurde.

Theresia von Lisieux ist die Lieblingsheilige des Mediziners Dr. Peter Schleicher: "Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass sie mir bei allen Problemen immer geholfen hat. Auch wenn ich sie für meine Patienten bitte, lässt sie uns nicht im Stich." Als kleiner Junge sei er ein großer Lausbub gewesen. "Die Eltern steckten mich ins Internat, damit etwas aus mir wird", schmunzelt Schleicher. Er landete im Marisken-Kloster in Cham.

Ende der Welt

"Im dunklen Gang des Eingangsbereichs stand auf einem Steinbogen in großen Buchstaben ,Gelobt sei Jesus Christus', und mein erster Gedanke war: 'Oje, jetzt ist die Welt zu Ende.'" Natürlich sei er dort genauso umtriebig gewesen, wie daheim und deshalb, "aus Schutzgründen", wie er es nennt, immer wieder mal in der Krankenabteilung gelandet. "Ich hatte immer das gleiche Bett und an der Decke darüber hing ein Bild der heiligen Theresia. Irgendwann fing ich an, zu ihr zu beten. Ich sagte: 'Liebe Theresia hilf mir, dass ich hier gut durch- und rauskomme'." Diese Vorgehensweise habe sich wie ein roter Faden durch sein ganzes bisheriges Leben gezogen. "Immer wenn ich ein Anliegen hatte, egal zu welchem Zeitpunkt oder Thema, habe ich ein Gebet zu ihr gesprochen. Ich fange immer mit 'Theresia, Geliebte meines Herzens' an. Dann sage ich ihr, was ich will. Das hat wirklich schon immer funktioniert und ihre Hilfe lässt nie lange auf sich warten."

Kirche statt Bentley

Kurz vor dem Kapellenbau sei ein Freund zu ihm gekommen und habe gesagt: "Peter, ich kaufe mir einen Bentley, wenn du dir auch einen mitkaufst, dann kriegen wir sie billiger." Schleicher antwortete: "Bevor ich mir einen Bentley kaufe, baue ich lieber eine Kirche." Dies sei die eigentliche Initialzündung gewesen. Danach ging es los. "Wir spürten zu jeder Zeit, dass Theresia immer kräftig angeschoben hat, etwa in der Weise, dass zeitlich alles perfekt funktioniert hat."

Sehr lange habe Irene Schleicher Ausschau nach einer geeigneten Christusfigur gehalten. "Ich wusste, er muss auf mich zukommen, man kann ihn nur plötzlich finden." Sie fand ihn bei einem Antiquitätenhändler in Friedenfels, wo er im Flur hing. "Mir war sofort klar, das ist der Christus für unsere Kapelle." Leider sei er sehr überrestauriert gewesen, sehr laienhaft, vor allem was die Fassung betraf. "Ich habe die Figur mehrmals abgelaugt. Das hat alles nicht so funktioniert, wie ich mir das vorstellte und ich dachte, er wird halt so bleiben wollen." Zur gleichen Zeit sei auch das Altarblatt aus Sandstein gemauert worden. Mit einem Helfer hielt Irene Schleicher die Figur probehalber davor und sie wusste sofort, "der bleibt so, wie er ist. Er wuchs förmlich aus der Mauer heraus." Ursprünglich stammt die Figur aus den 1930er Jahren von einem Feldkreuz bei Friedenfels, gegen das ein Motorradfahrer fuhr und es umknickte.

Auch die Marienfigur in der Kapelle habe eine außergewöhnliche Geschichte. "Wir haben lange danach gesucht", erklärt Peter Schleicher. "Einmal waren wir beim damaligen Bürgermeister von Pullenreuth, Jürgen Pürner, um seine Krippe anzuschauen und da stand sie in einer Ecke auf der Treppe. Wir wurden handelseinig." Pürner habe darauf hingewiesen, dass er schon immer wollte, dass die Figur in eine Kirche kommt. "Einer meiner Patienten bekam den Kauf mit und brachte ein Kuvert mit der Kaufsumme. Wie es die Karmelitinnen prophezeit hatten: Die Theresia kümmert sich um ihre Kapellen."

Hintergrund:

Die Kapelle wurde am Sonntag, 28. August 2011, in Anwesenheit vieler Gäste geweiht. Hauptzelebrant war Dr. Karl Simandl, apostolischer Nuntius aus Berlin. Als Mitzelebranten waren Pfarrer Heribert Stretz aus Waldeck und Prälat Don Vito Pavilando aus Lisieux dabei. Letzterer bettete eine Reliquie der Heiligen im Altar ein. Den Kreuzweg an der Stirnseite des Altars hat die Künstlerin Irene Schleicher selbst geschaffen. Dazu hat sie auch die Meditation „Leiden – Sterben – Leben“ verfasst. Irene Schleicher schätzt an der Heiligen vor allem deren Prinzip der Einfachheit.

Es ist das Vertrauen und nur das Vertrauen, das zur Liebe führt.

Hl. Theresia von Lisieux

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.