18.11.2019 - 14:42 Uhr
KohlbergOberpfalz

Gelungene Inklusion: Querschnittgelähmte Rollstuhlfahrerin betreut Pflegebedürftige

Es ist nicht ungewöhnlich, in einer Pflegeeinrichtung eine Rollstuhlfahrerin anzutreffen. Außergewöhnlich ist es, wenn diese nicht betreut wird, sondern selbst Pflegegäste betreut. Genau das macht die 22-jährige Chiara Fröhlich.

Seit der Eröffnung der BRK Solitären Tagespflege St. Barbara im Juli 2018 gehört die 22-jährige Chiara Fröhlich (links) zum Betreuungsteam der Einrichtung. Sie bastelt mit den Tagespflegegästen, macht Gesellschaftsspiele oder singt mit ihnen oder hört ihnen aufmerksam zu, wenn diese Geschichten aus ihrer Kindheit und Jugendzeit erzählen.
von Werner SchulzProfil
An den Vormittagen gehört es u. a. zu Chiara Fröhlichs Programm, zusammen mit den Gästen Kuchen für den Nachmittagskaffee zu backen. Schmunzelnd bekennt sie: „Das Backen habe ich erst in der Tagespflege gelernt. Jetzt macht es mir so viel Spaß, dass ich auch daheim Kuchen backe!“ Rechts im Bild: Einrichtungsleiterin Birgit Seidl.

Vor knapp eineinhalb Jahren hat die Solitäre Tagespflege St. Barbara des BRK unter Leitung von Birgit Seidl ihren Betrieb aufgenommen. Vom ersten Tag an gehört die ihn Kohlberg wohnhafte Chiara Fröhlich zu ihrem Betreuungsteam. Insgesamt 15 Stunden beschäftigt sie sich jede Woche mit den Tagespflegegästen, entweder vormittags von 9 bis 13 Uhr oder nachmittags von 13 bis 16 Uhr. Es sind vorwiegend Seniorinnen und Senioren, die in den Pflegegraden 2 bis 4 eingestuft und zum Großteil noch mobil sind, zumindest mit Hilfe ihres Rollators. Mit ihnen bastelt sie, macht Gesellschaftsspiele oder singt mit ihnen. Aufmerksam und interessiert hört sie ihren Senioren zu, wenn diese Geschichten aus ihrer Kindheit und Jugendzeit erzählen. An den Vormittagen gehört auch zum Programm, zusammen mit den Gästen das Mittagessen zuzubereiten oder mit ihnen den Kuchen für den Nachmittagskaffee zu backen - nicht selten nach Rezepten, die von den Senioren stammen. Schmunzelnd bekennt Chiara Fröhlich: „Das Backen habe ich erst in der Tagespflege gelernt. Jetzt macht es mir so viel Spaß, dass ich auch daheim Kuchen backe!“

Gegenseitige Wertschätzung

Wegen ihrer freundlichen, hilfsbereiten und immer Optimismus ausstrahlenden Art ist die junge Frau bei den Gästen überaus beliebt. Sie schieben sie ganz selbstverständlich durch den Aufenthaltsraum, wenn sie ihre Hilfe brauchen oder einfach ihre Gegenwart suchen. Bisweilen übersehen sie auch, dass sie eine Rollstuhlfahrerin vor sich haben und bieten ihr am Tisch einen Stuhl zum Hinsetzen an. Die Wertschätzung beruht sicher auf Gegenseitigkeit. Chiara Fröhlich bekennt unverhohlen, dass sie die älteren Herrschaften ganz einfach gern und ins Herz geschlossen hat. Auch das Verhältnis zu ihren Kolleginnen im Betreuungsteam könnte nach ihrer Aussage nicht besser sein. Kein Wunder, dass Einrichtungsleiterin Birgit Seidl hochzufrieden mit dem Engagement und der Arbeit ihrer behinderten Mitarbeiterin ist: „Chiara macht das alles ganz hervorragend und hat mit Sicherheit den richtigen Beruf gewählt! Wir bieten von den Räumlichkeiten her ideale Voraussetzungen. Sie liegen alle auf einer Ebene und sind voll und ganz behindertengerecht angelegt.“

Seit dem 11. Lebensjahr querschnittsgelähmt

Seit ihrem elften Lebensjahr ist die gebürtige Weidenerin auf den Rollstuhl angewiesen. Damals musste sie sich wegen einer Wirbelsäulenverkrümmung einer Operation unterziehen. Ein Ärztefehler war ursächlich für ihre Querschnittslähmung. Rückblickend meint sie, dass die Behinderung für sie leichter zu verarbeiten war und ist, weil sie noch so jung war. „Je jünger man ist, wenn so etwas passiert, umso leichter kann man damit fertig werden“, ist sie überzeugt. Sie besuchte die Pestalozzischule in Weiden, verließ diese 2013 mit dem Qualifizierenden Mittelschulabschluss. Mit der zunächst in einem kaufmännischen Betrieb begonnenen Ausbildung hatte sie nicht die richtige Berufswahl getroffen. Von jeher hatte sie eher eine Vorliebe für einen sozialen Beruf. Sie schnupperte dann auch in dieses Berufsfeld hinein und absolvierte Praktika im Kindergarten, bei einer Mittagsbetreuungseinrichtung und in einem Heilpädagogischen Zentrum.

Im Rahmen des Programms „Beschäftigungsinitiative Inklusion“ des Arbeitsministeriums machte sie im Dezember 2017 auf Vermittlung der Arbeitsagentur Weiden ein Praktikum im Schnaittenbacher Seniorenzentrum Evergreen, bevor sie zunächst ins BRK-Seniorenheim und ab Juli 2018 in die Solitäre Tagespflege wechselte. Inklusion kann kaum besser praktiziert und gelebt werden, als dies Chiara Fröhlich seither tun kann. Begegnet man der stets strahlenden jungen Frau, kommt man unwillkürlich zum Schluss, dass ihr Familienname Fröhlich für sie Lebensphilosophie ist. „Ich bin gut drauf und optimistisch, weil ich weiß, dass es noch viel schlimmere Schicksale als das meinige gibt!“

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