10.10.2020 - 01:39 Uhr
KohlbergOberpfalz

Heinrich Seiler ging vor 50 Jahren in den Ruhestand.

Ein halbes Jahrhundert lang war der evangelische Pfarrer dienstältester Seelsorger im Markt Kohlberg.

Pfarrer Heinrich Seiler (vorne links) mit silbernen und goldenen Konfirmanden. Undatiertes Foto, etwa Anfang der 1950-er Jahre.
von Autor JMLProfil

Der frühere evangelische Ortspfarrer Heinrich Seiler ging vor genau fünfzig Jahren, im September 1970, in den wohlverdienten Ruhestand. Viele Gemeindeglieder, die er getauft, konfirmiert, getraut und über Jahrzehnte hinweg begleitet hat, erinnern sich an ihre Erlebnisse mit diesem außergewöhnlichen Seelsorger. Neben vielen positiven Eindrücken ist bei manchem ehemaligen Schüler sein Druck hängen geblieben, Liederverse, Psalmen und Bibelstellen auswendig lernen zu müssen. Und wenn das nicht gut klappte, dann gab es auch schon mal Watschen.

„Herrschaftseitennocheemale“, war einer seiner Beinahe-Flüche im Unterricht. Und bei den Konfirmandenprüfungen wurde damals Blut und Wasser geschwitzt, denn die Gemeindeglieder hörten zahlreich mit. Er hatte jedoch auch andere Qualitäten, wie zum Beispiel exzellentes Kopfrechnen. Wenn die Kinder mal nicht begriffen wie der Lehrer rechnete – Seiler brachte es ihnen bei. Da wurde manche Religionsstunde zur Rechnen-Nachhilfe. Am Feierabend, beim Wirtshaus-Schafkopf war er gefürchtet: Er wusste schon vor dem Auszählen, wer wie viele Punkte zusammen hatte.

Suche nach der Glocke

Es gibt etliche Geschichten über ihn. So ist Seiler 1946 mit dem Fahrrad durch ganz Deutschland gestrampelt, um in der Hamburger Speicherstadt nach seinen von den Nazis beschlagnahmten Kirchenglocken zu suchen. Er fand sie auch und bekam sie ein Jahr später zurück. Oder dass sich am Schluss der Kirchenrenovierung 1947 der Kirchenmaler riesig über eine große Dose voll mit Pfeifentabak von ihm freute. Die war damals nur auf dem Schwarzmarkt teuer zu bekommen. Kirchenpfleger Steinl erzählte öfter, dass Seiler „wie eine gesengte ...“ gefahren ist. So waren sie kurz nach dem Krieg mal zu zweit mit dem Motorrad des Pfarrers auf dem Weg zum Landratsamt. Nicht sehr langsam. In Neustadt kam das Gefährt ins Schlingern, Seiler bekam die Kurve nicht mehr und ratterte auf eine offene Haustüre zu. Erst im Flur kam das Bike zum Stehen. Neben der Türe saß ein alter Mann auf der Bank. „Hee, hee, dees gäiht ower feii niaat“, soll er gerufen haben. Später fuhr der Pfarrer mehrere große, schwarze Opel Rekord. Und jeden Herbst wurden von den Konfirmanden Lebensmittel für das Alumneum in Weiden gesammelt. Eine Menge Säcke mit Kartoffeln und Gartengemüse wuchteten die Kinder in den Kofferraum und auf den Beifahrersitz. Sie selbst saßen eng gedrängt hinten im Auto mit Körben voll Eiern und Obst auf den Knien. Das Fahrzeug-Heck neigte sich schwer, die Fronthaube ging nach oben und der Pfarrer drückte aufs Gas.

Seiler war einer, der seine Gemeindeglieder sehr schätzte und auch als „Münchner Kindl“ bald hier verwurzelt war, was sicher auch seiner Ehefrau Babette zu verdanken ist. Aber an seine Predigten im Gottesdienst musste man sich erst gewöhnen. Er sprach sehr schnell auf der Kanzel, so dass manche fremden Kirchenbesucher hinterher gelegentlich den Kopf schüttelten. Auf seinen Schluss-Satz an Silvester nach Jahresbericht und Kassenzahlen wartete die Gemeinde meist gespannt: „Sei zum Geben gern bereit, miss nicht kärglich deine Gaben! Denk, in deinem letzten Kleid, wirst du keine Taschen haben!“

Zur Person:

Heinrich Seiler wurde 1904 als Sohn eines Eisenbahnwerkhelfers in München geboren. Er studierte Theologie in München, Erlangen und Berlin. Er betreute als Verweser freie Pfarrstellen bevor er als Vikar in Coburg und Weiden eingesetzt wurde. Am 1. April 1933 bekam er die Pfarrstelle Kohlberg. 1937 Heirat mit der Landwirtstochter Babette Forster vom Thannhof. Aus der Ehe gingen 5 Kinder hervor, die einzige Tochter starb leider bereits mit drei Jahren. Er ging am 30. September 1970 als Ehrenbürger Kohlbergs in den Ruhestand. Wohnte dann bis zum unerwartet frühen Tod am 16. Juni 1976 in Etzenricht.

Seilers Pfarrerzeit ist geprägt von weitgehendem Stillstand kirchlichen Lebens während der Naziherrschaft, dem Mangel der Nachkriegsperiode und reger Bautätigkeit ab Mitte der 1950er Jahre. Aber schon im Herbst 1935 brannte erstmals elektrisches Licht in Kirche und Schulhaus, 1937, kurz vor der Heirat des Seelsorgers, wird das Pfarrhaus renoviert. Wasserleitung, Strom und ein neues Bad sind ab da vorhanden. 1939 führte Seiler erstmals eine goldene Konfirmation durch, 1940 die erste silberne. 1942 werden zwei Glocken als „freiwillige Metallspende der Kirche“ abtransportiert, ebenso Altargegenstände. Im Mai 1945 kehrt der Pfarrer vom Fronteinsatz zurück und beginnt sofort mit Aufbauarbeiten und der Flüchtlingsunterbringung. Im Herbst eröffnet die evangelische Volksschule wieder und Seiler richtet eine Schwesternstation ein.

Neues Pfarrhaus

1947 wird der Innenraum der Nikolauskirche umfassend renoviert. die Außenrenovierung angegangen und die große Glocke kehrt beschädigt von Hamburg nach Kohlberg zurück. 1953 werden drei neue Glocken zum Preis von 10 000 DM beschafft und eingeweiht. 1956 finden sich unter der Leitung von Kirchenpfleger Fritz Steinl 18 junge Männer zu einem Posaunenchor zusammen. 1964 wird beschlossen, das Pfarrhaus von 1644 abzureißen und neu zu bauen. Gesamtkosten: 120 000 DM, davon 100 000 als Zuschuss der Landeskirche. 1966 erhält die Kirche eine elektrische Heizung. Im Januar 1970 wird die evangelische Gemeinde Weiherhammer auf Betreiben Seilers von Neunkirchen-Mantel abgelöst und kommt zu Kohlberg, um eine ausreichende Seelenzahl zu schaffen, welche den Fortbestand als eigenständige Kirchengemeinde sichert. 1933 zählte die Pfarrei 442 Seelen, heute etwa 850. Begonnen wurde von Seiler 1970 auch noch der Umbau des bisherigen Schulhauses zum Gemeindehaus.

Der westliche Kohlberger Marktplatz in den 1930-er Jahren. Links vorstehend das Schlegl-Wirtshaus, dann das Kolonialwarengeschäft Richthammer, der Schwedenturm, das evangelische Schulhaus, Rathaus und der Feuerlöschteich, die „Hüll“.

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