Kümmersbruck
10.09.2026 - 12:53 Uhr
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Erinnerungen an 9/11: Als der Jetlag zwei Kümmersbruckern das Leben rettete

Martin Tröster und Stephan Schmidt aus Kümmersbruck erlebten die Anschläge des 11. September 2001 fast hautnah mit. Aber nur fast. Ein verschlafener Wecker bewahrte sie nämlich davor, im falschen Moment am falschen Ort gewesen zu sein.

Ein Parkplatz, dahinter Läden, am Horizont eine Staubwolke, die sich in den blauen Himmel ausbreitet: Dieses Foto klebt auf einer der ersten Seiten in Martin Trösters Fotoalbum. Ein Album voller Erinnerungen an eine prägende Reise, mit einem Erlebnis von weltveränderndem Ausmaß. Martin Tröster und Stephan Schmidt, ursprünglich aus Kümmersbruck, erlebten die Anschläge des 11. September 2001 hautnah in New York mit – und fast wären sie genau zu diesem Zeitpunkt selbst auf einem der Türme des World Trade Center gestanden. "Es war schon Glück dabei. Wenn wir eine Stunde früher raufgekommen wären, wären wir auf der Plattform gestanden, hätten den Flieger auf uns zukommen gesehen, dann wäre es vorbei gewesen", erzählt Schmidt 25 Jahre später.

Geplant hatten die beiden ehemaligen Fußballkumpel eine dreiwöchige Rundreise über die ganze Ostküste der USA. "Philadelphia, Boston, glaube ich, Washington", weiß Tröster, damals 28, noch. Die Idee dazu entstand an einem Abend beim Griechen, wo Schmidt, damals 29, seinem Freund von einem Kurztrip nach New York vorschwärmte. Hier sollte auch ihre gemeinsame Reise beginnen. "Wir sind abends angekommen", sagt Tröster. Am Sonntagabend, 9. September 2001, um genau zu sein.

Turbulente Anreise

Die Reise begann turbulent. Eine zu kurze Nacht, weil am Tag davor der beste Kumpel geheiratet hatte. Ein verspäteter Flug von Nürnberg nach Paris. Ein verpasster Anschlussflug. Plötzlich stand Schmidt auf der Warteliste und hätte vielleicht gar nicht mitfliegen können. „Ich fliege doch nicht alleine nach New York und lasse meinen Kumpel da“, sagt Tröster. Irgendwie klappte am Ende aber doch alles: Nach einem langen Reisetag schafften sie es endlich erst nach New York und dann in ihr Hotel in New Jersey.

Nach einer weiteren kurzen Nacht ging es für Tröster und Schmidt am Montag, 10. September 2001, früh raus aus dem Bett und wieder rein in die Stadt. "Da haben wir Midtown, Manhattan abgegrast", sagt Schmidt. Eher durch Zufall landeten sie auf dem Empire State Building, von wo aus sie weit über New York blicken konnten. Diesem Ausblick hat Tröster eine ganze Panoramaseite in seinem Fotoalbum gewidmet. Er tippt auf die Skyline. "Das ist das Foto mit dem World Trade Center, das keine 24 Stunden mehr zu stehen gehabt hat." Schmidt erzählt weiter: "Da haben wir gesagt, wir stehen in der Früh auf und das Erste, was wir machen, ist, wir fahren nach Manhattan und besuchen diese Twin Towers".

Nicht aus den Federn gekommen

Doch daraus wurde nichts. Tröster und Schmidt haben am Dienstag, 11. September 2001, nämlich verschlafen. „Wir waren ja abends noch ultralange unterwegs“, erinnert sich Tröster. Sie hatten den Times Square besucht, das Rockefeller Center, eine Late-Night-Show von David Letterman. „Wir waren den ganzen Tag unterwegs, ich hatte die Hochzeit noch in den Knochen und den verspäteten Flug. Da sind wir erst eine oder zwei Stunden später aus den Federn gekommen.“

Als sie endlich bereit waren, mit dem Bus loszufahren, kam dieser einfach nicht. „Uns hat ein Amerikaner gesagt, da ist ein Unfall passiert. Heute fährt kein Bus mehr“, erzählt Schmidt weiter. Niemand wusste, was gerade passiert war. Verwirrt und mit einem komischen Gefühl gingen die beiden Freunde erst mal in ein Frühstücksrestaurant. „Da haben wir das auf den Bildschirmen mitbekommen“, so Schmidt. „Zu dem Zeitpunkt war nur der erste Tower betroffen.“

Noch immer wussten sie nicht, was los ist. "Ist jetzt Krieg?", fragten sie sich. Man sagte, ein Flugzeug sei in den Turm geflogen. "Wir haben gemeint, da wird sich halt eine Cesna verflogen haben. Da wäre man ja nicht auf die Idee gekommen, dass es ein Jumbojet ist, der absichtlich reingesteuert wurde", so Tröster. Die Informationen überschlugen sich – "die Rede war von sieben, acht Flugzeugen, rückblickend waren es ja nur vier" –, die Stimmung im Restaurant war dagegen gespenstisch. Wie fast die ganze Welt beobachteten sie live, wie noch ein Flugzeug um kurz nach 9 Uhr den zweiten Turm traf.

Telefonieren bei der Feuerwehr

Über den Hudson River konnten Tröster und Schmidt gemeinsam mit vielen anderen die besagte Staubwolke sehen, die später ihren Platz in Trösters Fotoalbum fand. "Plötzlich hat es einen Aufschrei gegeben. Da konnte man sehen, wie alles zusammengefallen ist", weiß Schmidt noch. Weil sie nicht wussten, was sie sonst tun sollten, fanden sie sich irgendwann bei der Feuerwehr wieder. "Zuerst haben sie uns zum Essen eingeladen", sagt Tröster – "es gab Kartoffelbrei", so Schmidt –, dann ließen die Feuerwehrler die beiden mit ihrem Telefon nach Deutschland telefonieren. Die Erleichterung bei den Familien war natürlich groß, schließlich war ja auch geplant, dass die Freunde an diesem Tag das World Trade Center besuchen.

Trotzdem: "Es war sehr bedrückend", so Tröster. Schmidt stimmt zu: "Wir waren zwar auch froh, dass wir so Glück hatten, aber es war sehr bedrückend. Alle haben geweint". Einige Tage verbrachten die inzwischen 52- und 53-Jährigen in ihrem Hotelzimmer, dann kam schließlich die Frage auf: Wie geht es mit der Reise weiter? "Wir sind zum Flughafen rausgefahren", sagt Tröster. Der Flugverkehr war zwar immer noch eingestellt, aber der Mietwagenverleih war überfüllt. "Da hatten wir auch Glück, dass wir einen Mietwagen bekommen haben", erinnert sich Schmidt.

Die nächsten drei Wochen reisten er und Tröster durch ein schockiertes Land. „Wir haben viel mitbekommen von der Betroffenheit“, erzählt Tröster. „Der Patriotismus, der ja eh schon da ist, war groß. Im Radio sind die ganze Zeit nur patriotische Lieder gekommen, an den Brücken hingen Flaggen.“ Trösters Fotoalbum wuchs in der Zeit auf Dutzende Seiten an. Urlaubserinnerungen, Schnappschüsse, Landschaften. Der 11. September nimmt nur einen kleinen Teil davon ein. Inzwischen sind 25 Jahre vergangen. Weder Tröster noch Schmidt waren seitdem wieder in New York. „Es gab andere Reiseziele, die interessanter waren“, sagt Schmidt. „Aber ich möchte noch mal rüber, ich möchte den Ground Zero anschauen.“

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