11.06.2020 - 18:00 Uhr
KümmersbruckOberpfalz

"Feldkenntnisse" für den Militärbischof: Erster Besuch in der Schweppermannkaserne

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Drei Tage lang ist Sigurd Rink aus Berlin zu Besuch bei Soldaten in der Oberpfalz. Im Interview spricht der evangelische Militärbischof über bewaffnete Drohnen, christliche Ethik, atheistische Soldaten – und die Frömmigkeit der Oberpfälzer.

Sigurd Rink aus Berlin ist der erste evangelische Militärbischof, der die Schweppermannkaserne in Kümmersbruck besuchte. Bei seiner Stippvisite in der Oberpfalz schwärmt der 59-Jährige auch vom Maria-Hilf-Berg: „Ich war dort erstmals, es ist eine beeindruckende Szenerie. Auch von der Soldatenwallfahrt habe ich schon gehört.“
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Es war der erste Besuch eines evangelischen Militärbischofs in der 60-jährigen Geschichte der Schweppermannkaserne: Gemeinsam mit der Kümmersbrucker Militärpfarrerin Annette Seifert feierte Sigurd Rink mit den Soldaten des Logistikbataillons 472 einen Feldgottesdienst. Bei seiner dreitägigen Visitation in der Oberpfalz war der oberste evangelische Militärgeistliche der Bundeswehr auch in den Kasernen in Pfreimd und Oberviechtach. Im Interview mit Oberpfalz-Medien spricht Rink über Militärseelsorge in Auslandseinsätzen, jüdische Rabbiner in der Bundeswehr und die Frage des gerechten Krieges im Zusammenhang mit bewaffneten Drohnen.

ONETZ: Herr Militärbischof, was führt Sie in die Oberpfalz?

Sigurd Rink: Besuche bei den Soldaten gehören zu den wichtigsten Aufgaben eines Militärbischofs. Nichts ist hilfreicher, als sich ein Bild vor Ort zu verschaffen. Ich besorge mir hier quasi Feldkenntnisse (lacht). Zudem komme ich zu jeder Neueinführung eines evangelischen Militärpfarrers. Annette Seifert ist seit dem Frühjahr die neue Pfarrerin am Standort, deshalb habe ich auch im Seelsorgebezirk Kümmersbruck eine Visitation gemacht. Dazu zählen auch die Standorte Pfreimd und Oberviechtach.

ONETZ: In der Zivilgesellschaft verlieren die Kirchen an Bedeutung. Wie reagieren die Soldaten auf Ihren Besuch?

Sigurd Rink: Viele sind erstaunt, wenn plötzlich der Militärbischof vor ihnen steht. Ich habe es schon oft erlebt, dass selbst Offiziere erst mal in den Regelwerken nachschlagen, wie sie mich überhaupt ansprechen oder mit mir umgehen sollen (lacht). Auch regional merke ich große Unterschiede. Hier in der Oberpfalz gibt es noch einen stark verwurzelten Glauben in der Bevölkerung und auch noch eine hohe Kasernendichte. Aber es ist nicht überall selige Welt wie in der Oberpfalz. Ich bin seit 2014 Militärbischof und habe inzwischen 150 Standortbesuche im ganzen Land gemacht. Gerade bei jungen Soldaten ist die Säkularisierung spürbar. In Ostdeutschland zum Beispiel sind nur noch rund zehn Prozent der Soldaten christlich. Dort gibt es einen habituellen Atheismus - durch ihre Sozialisation haben die Menschen Kirche nicht mehr erfahren.

ONETZ: Sie sind evangelischer Bischof – wie verhalten Sie sich gegenüber katholischen Soldaten?

Sigurd Rink: Es gibt keine intensivere Zusammenarbeit auf dem Feld der Ökumene als in der Militärseelsorge. Das ist phänomenal. Besonders im Auslandseinsatz spielt die Frage, ob der Pfarrer evangelisch oder katholisch ist, überhaupt keine Rolle. Für die Soldaten ist es essenziell, dass überhaupt ein Seelsorger da ist.

ONETZ: Ist der Wunsch und Bedarf nach Seelsorge im Einsatz größer?

Sigurd Rink: Paradoxerweise hat die Militärseelsorge in und durch die Einsätze massiv an Relevanz und Bedeutung gewonnen. Viele halten ja die Militärseelsorge daheim in Deutschland für ganz Okay, aber in den Auslandsmissionen ist sie essenziell und unverzichtbar. Seit den 90er Jahren hat in den Einsätzen die Kampfrealität Einzug gehalten. Die Ethik wird dort mit dem Ernstfall des Lebens konfrontiert. Ich habe alle Auslandseinsätze besucht. Egal, ob in den Feldlagern in Afghanistan, Irak oder Mali: Die Seelsorge weicht dort stark vom Normalbetrieb Zuhause ab. Die Soldaten sind monatelang von ihren Familien getrennt, sind täglich mit belastenden Situationen, mit Tod, Verwundung und Lebensgefahr konfrontiert. Sie brauchen jemanden, mit dem sie über ihre Erlebnisse sprechen können. Selbst Soldaten ohne jeden Bezug zur Kirche ergreifen in den Einsätzen selbst die Initiative, verlangen nach einem Seelsorger oder gehen in eine Kapelle. Das ist ein Ort der Stille, ein wichtiger Zufluchtsort, um aus dem militärischen Lageralltag ausbrechen zu können.

Weil es am Dienstag regnete, wurde der Feldgottesdienst in die Sporthalle verlegt. Gemeinsam mit der neuen evangelischen Standortpfarrerin Annette Seifert (links) feierte Militärbischof Sigurd Rink für die Soldaten in der Schweppermannkaserne einen Gottesdienst. Wegen der Coronapandemie war die Teilnahme auf maximal 50 Soldaten begrenzt.

ONETZ: Besteht ein Gewissenskonflikt zwischen christlicher Ethik, die Gewaltverzicht fordert, und dem Soldatenberuf, zu dem auch Töten gehören kann?

Sigurd Rink: In meinen sechs Jahren als Militärbischof habe ich gelernt, dass es kaum einen ethisch anspruchsvolleren Beruf als den des Soldaten gibt. Denn das 5. Gebot fordert: Du sollst nicht morden. Ein Soldat muss sich folglich mit der Frage beschäftigen, wie er es vor sich selbst rechtfertigen kann, dass er im Zweifel dieses Gebot brechen muss. Wichtig ist hier der Unterschied zwischen rechtserhaltender Gewalt und einem Angriffskrieg. Letzterer war schon zu Luthers Zeiten illegitim. Doch Christen haben eine Schutzverantwortung gegenüber Menschen, die ihnen anvertraut sind. Das ist der Kernauftrag der Bundeswehr - die Rechtsordnung unseres Landes gegen Angriffe von Außen zu schützen. Viele entgegnen dann: Auslandseinsätze sind keine Landesverteidigung. Hier muss geprüft werden, wann diese legitim sind. Wenn es um das Verhindern schwerster Menschenrechtsverletzungen geht, greift auch dort der christliche Schutzauftrag - zum Beispiel im Rahmen von Missionen mit UN-Mandat.

Bei der größten Soldatenfußwallfahrt in Amberg war Bischof Oster zu Besuch.

Amberg

ONETZ: Die Bundeswehr will bewaffnete Drohnen. Lässt sich das mit christlicher Ethik vereinbaren?

Sigurd Rink: Diese Thematik ist sehr ambivalent. Denn Beobachtungsdrohnen sind extrem vorteilhaft und bringen für die Soldaten gerade in Hinterhaltsszenarien einen enormen Sicherheitsgewinn. Die Bundeswehr hat bisher nur Aufklärungsdrohnen. Manche sprechen hier von eine Einstiegsdroge. Denn bewaffnete Drohnen sind der nächste logische Schritt, gefolgt von hochkomplexen Waffensystemen, die mit Künstlicher Intelligenz (KI) gesteuert werden. Menschen werden dabei überflüssig, am Ende entscheidet ein Algorithmus über Waffeneinsatz und Menschenleben. Im internationalen Kontext haben wir tatsächlich eine Entwicklung, die dahin geht. Diese Form von vollautonomen Waffen können wir uns in der evangelischen Militärseelsorge nicht vorstellen. Auch bei bewaffneten Drohnen muss immer ein Mensch die letztgültige Entscheidung treffen.

ONETZ: Seit Kurzem gibt es eine jüdische Militärseelsorge. Militärrabbiner sollen jüdische Soldaten in der Truppe betreuen. Sehen Sie dies als Konkurrenz?

Sigurd Rink: Nein. Ich war bei dieser Entscheidung des Verteidigungsministeriums beratend tätig und habe mich unheimlich darüber gefreut. Das erste Mal seit über 100 Jahren gibt es eine jüdische Seelsorge in deutschen Streitkräften. Es ist ein Zeichen von Normalisierung und Integration, gerade mit Blick auf die schwierige deutsche Geschichte. Aber es wird Veränderungen geben, die auch für Christen nicht leicht sind. Die Erinnerungs- und Gedenkkultur in der Bundeswehr steht bisher im Zeichen des Kreuzes, es gibt eine christliche Identität. Wenn künftig bei Militärgottesdiensten ein Rabbiner mitfeiert, müssen natürlich interreligiöse Lösungen gefunden werden.

Evangelische Militärseelsorge in der Bundeswehr:

Militärbischof im Hauptamt – 109 Militärpfarrer

Die Bundeswehr ist aktuell circa 185 000 Soldaten stark. Davon haben 53 461 (29,1 Prozent) die evangelische und 40 889 Soldaten die katholische Konfession. Aufgabe der insgesamt 109 evangelischen Militärgeistlichen (darunter 22 Pfarrerinnen) ist es, die Soldaten und Mitarbeiter seelsorgerlich zu betreuen – auch und gerade in den derzeit zwölf Auslandseinsätzen. Im Vergleich zum katholischen Pendant übt der evangelische Militärbischof sein Amt hauptamtlich aus. Mit einer Begrenzung der Amtszeit auf sechs Jahre, ist Dr. Sigurd Rink seit 2014 der erste hauptamtliche Militärbischof der Bundeswehr. Somit obliegt dem 59-Jährigen die kirchliche Leitung des Evangelischen Kirchenamtes für die Bundeswehr mit Sitz in Berlin. Gebürtig in Frankfurt, war Rink elf Jahre bis 1998 Gemeindepfarrer im Taunus, dann Referent des Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und von 2002 bis 2014 Propst für die Kirchenregion Nassauer Land mit 220 Kirchengemeinden und 320 Pfarrerinnen und Pfarrern.

Militärgeistliche sind Beamte auf Zeit. Ihre Tätigkeitsgrundlage beruht auf § 36 des Soldatengesetzes. Danach haben alle Soldaten Anspruch auf Seelsorge und ungestörte Religionsausübung. Im Mai 2020 wurde vom Bundestag beschlossen, neben christlichen Militärpfarrern sukzessive auch eine jüdische Militärseelsorge einzurichten. Bis zu zehn Militärrabbiner und Leitung eines Militärbundesrabbiners sollen die circa 300 jüdischen Soldaten in der Bundeswehr betreuen. Beschlossen wurde dies in einem Staatsvertrag zwischen dem Verteidigungsministerium und dem Zentralrat der Juden.

Für die Soldaten des Logistikbataillons 472 in der Kümmersbrucker Schweppermannkaserne war der Gottesdienst mit Militärbischof Sigurd Rink aus Berlin eine Besonderheit. Wegen Corona tragen alle Soldaten Mundschutz.
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