14.10.2020 - 21:01 Uhr
KümmersbruckOberpfalz

Mittelschulen: Mehr Bewegung, mehr Konzentration

Durch einfache Bewegungsabläufe und Koordinationsübungen soll die Konzentrationsfähigkeit von Schülern verbessert werden können. Deshalb gibt es die Initiative Voll in Form II, die an der Mittelschule Kümmersbruck vorgestellt wurde.

Staatssekretärin Anna Stolz vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus probiert die Übungen bei der Vorstellung von Voll in Form II an der Mittelschule in Kümmersbruck selbst aus.
von Miriam Wittich Kontakt Profil

"Egal wie voll der Sorgen-Rucksack, den wir mitschleppen, auch ist, nach Bewegung an der frischen Luft fühlt er sich nur noch halb so schwer an", findet Professor Stefan Voll. Dabei spielt Bewegung nicht nur für das körperliche und psychische Wohlbefinden eine große Rolle, weiß der Leiter des Universitätssportzentrums und der Forschungsstelle für Angewandte Sportwissenschaften an der Universität Bamberg. Auch die Konzentrationsfähigkeit kann dadurch gesteigert werden.

Deshalb gibt es die Initiative Voll in Form II. Sie ist eine Fortführung der Initiative Voll in Form I, die bereits seit zwölf Jahren an den Grundschulen umgesetzt wird. Das Konzept von Voll in Form II soll die Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit von Schülern in der Mittelstufe durch gezielte Bewegung und Koordinationsübungen verbessern. Das Projekt, das am Mittwoch in der Mittelschule in Kümmersbruck vorgestellt wurde, ist ein Schritt gegen den Bewegungsmangel und lockert den Unterricht auf.

Die Klasse 10b mit Lehrer Michael Kirsch zeigte, wie das aussehen kann - und alle anderen Gäste machten gleich mit, darunter auch Handball-Weltmeister Dominik Klein, Staatssekretärin Anna Stolz und Bürgermeister Roland Strehl. Bunte Knautschbälle wurden in die Luft geworfen und je nach Farbe oder mit verschiedenen Techniken wieder aufgefangen, Konzentration und Koordination war auch bei der Finger-Übung "Klarinette" gefragt und bei "Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm" tippten die Anwesenden auf Zuruf mit ihren Füßen nach vorne, hinten und zur Seite.

Handball-Weltmeister Dominik Klein hat nicht nur Spaß bei den Übungen, er unterstützt das Projekt Voll in Form II "aus Überzeugung", erzählt er an der Mittelschule in Kümmersbruck.

Leicht verständlich und umsetzbar

Mit Unterstützung der Universität Bamberg wurden die Übungen von 35 Fachberatern unter Einbeziehung von Kollegen über einen Zeitraum von zwei Jahren im Klassenzimmer erprobt, mehrfach evaluiert und modifiziert, erklärte Erika Schwitulla von der Landesstelle für den Schulsport. Auch an den Formulierungen sei lange gearbeitet worden. Mit Erfolg: "Die Übungen machen den Schülern Spaß und die Umsetzung ist niedrigschwellig", sagte Florian Fuchs, Schulleiter der Kümmersbrucker Mittelschule, erfreut. "Je unkomplizierter und einfacher, desto eher wird es angewandt und desto besser gefällt es den Schülern und Lehrern."

Den Schülern der 10b der Kümmersbrucker Mittelschule gefallen die Übungen.

Professor Stefan Voll ist der Überzeugung, dass die Übungen "im Schulalltag positive Akzente setzen" können. So hätten die Tests ergeben, dass die Wahrnehmungs- und Entscheidungsfähigkeit der Schüler verbessert wurden, Entwicklungen wurden auch beobachtet bei Kondition, Körperhaltung, emotionalem Gleichgewicht und im Miteinander und Füreinander. "Bei regelmäßigen Wiederholungen hält der Effekt auch länger an."

Voll in Form II umfasst 18 Übungen für das Klassenzimmer. Diese wurden speziell dafür entwickelt, um die Sitzzeit im Unterricht sinnvoll zu unterbrechen. Jedes Bewegungsprogramm dauert nur 6 bis 10 Minuten, es gibt drei verschiedene Anspruchslevel. Als Materialien können die Bälle, die jeder Schule zur Verfügung gestellt werden, aber auch andere Gegenstände aus dem Klassenzimmer verwendet werden.

Professor Stefan Voll leitet das Universitätssportzentrum und die Forschungsstelle für Angewandte Sportwissenschaften an der Universität Bamberg. In seinem Vortrag stellt er die Initiative Voll in Form II vor und erläutert auch, warum das Projekt so wichtig ist.

Zu wenig Bewegung

Die Grundlage für das Projekt bilden der Praxisbedarf, also Defekte durch die veränderte Kindheit, und neue Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft. "Die Straßenspielkultur gibt es kaum mehr", erläuterte Stefan Voll in seinem Vortrag. "Kinder und Jugendliche bewegen sich viel zu wenig." Betrug der Expansionsraum von Kindern und Jugendlichen um die elterliche Wohnung um 1900 noch etwa sechs Kilometer, sind es heute nur noch rund 60 Meter, erklärte der Professor. Damit würden sich Kinder nicht nur zu wenig bewegen, auch Sozialerziehung gehe verloren, Fähigkeiten im Konfliktmanagement würden auf der Strecke bleiben.

"Die Initiative hat einen hohen Stellenwert für uns", betonte Staatssekretärin Anna Stolz vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus. "Gerade im Zeitalter des digitalen Wandels, in dem Kinder und Jugendliche anders aufwachsen als früher, ist das ein wichtiges Programm." Es ergänze den klassischen Sportunterricht und das Angebot "Sport nach 1" um eine Möglichkeit, Bewegung in den Unterricht zu bringen.

"Ich selbst bin im Studium immer mit Karteikarten Spazieren gegangen", verrät Stolz ihren eigenen Lern-Tipp. "Ich stehe also voll und ganz hinter der Idee und dem Projekt." Nun würden 75 Lehrkräfte an die Schulen in Bayern gehen, um dort ihr Wissen weiterzugeben. "Dann haben wir an jeder Schule einen Experten."

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Nicht nur die Schüler zeigen Übungen aus Voll in Form II, auch alle anderen Gäste machen mit, darunter Staatssekretärin Anna Stolz (vorne Mitte) und Schulamtsdirektorin Beatrix Hilburger (links dahinter).
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