13.08.2020 - 10:08 Uhr
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So läuft die Wiederansiedelung von Habichtskäuzen in der Oberpfalz

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Elf junge Habichtskäuze wildert Johannes Bradtka mit seinem Team in diesem Sommer aus. Zum ersten Mal sind Tiere aus Frankreich dabei. In der Oberpfalz beginnt für sie die Freiheit. Die aber ist auch mit Gefahren verbunden.

Zwei französische Habichtskäuze sitzen in einer Voliere im Hessenreuther Wald.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Sechs Habichtskäuze aus zwei französischen Zoos haben Mitte Juli eine zwölfstündige Reise auf sich genommen. Das Ziel ihrer Betreuer: Die Freiheit. Die Habichtskäuze nehmen teil am Auswilderungsprojekt des Vereins für Artenschutz und Landschaftspflege in Bayern (VLAB). Dieser Verein wildert die Vögel seit 2017 im Naturpark Steinwald, im Hessenreuther und im nördlichen Oberpfälzer Wald sowie im südlichen Fichtelgebirge aus. In den vergangenen drei Jahren wurden so 18 Käuze in die Freiheit entlassen. In diesem Jahr sind es elf Tiere. "Eine besondere Freude ist, dass wir mit Frankreich zusammenarbeiten", sagt der Vorsitzende Johannes Bradtka.

Ein Video über das Habichtskauzprojekt

 

Vier dieser Eulen stammen aus dem Zoo in Amiens, einer Stadt etwa zwei Autostunden nördlich von Paris. Die verantwortliche Biologin Laure Garrigues, Kurator Johannes Moedt und Pierre Bouthors, der sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert, haben die Tiere mit einem Transporter in die Oberpfalz gebracht. Auf ihrem Weg haben die drei Franzosen beim Zoo von Sainte-Croix in Lothringen gestoppt, um dort zwei weitere Habichtskäuze oder Strix uralensis, wie die Artbezeichnung auf Latein lautet, aufzuladen. In Hundeboxen kamen die Tiere nach Deutschland.

Habichtskäuze lebten bis ins 19. Jahrhundert in der Oberpfalz. "Der letzte Habichtskauz in Mitteleuropa wurde mutmaßlich um 1926 bei Susice im Böhmerwald abgeschossen", heißt es auf der Internetseite des Vereins. Der Vogel ist der größte Kauz Mitteleuropas: Ausgewachsen ist er 60 Zentimeter groß, seine Flügelspannweite beträgt 125 Zentimeter. Seinen Namen hat das Tier mit den dunkelbraun-weiß gestreiften Federn wegen der Form seines Schwanzes, der an den des jungen Habichts erinnert.

Der Habichtskauz gehört zur Ordnung der Eulen und kommt vor allem in Russland, Skandinavien und Japan vor. In Bayern und Deutschland steht er auf der Roten Liste der extrem seltenen Arten, "ist die seltenste Eulenart Mitteleuropas", sagt Bradtka. Das Projekt in der Oberpfalz "war und ist außerhalb eines Nationalparks einmalig", ergänzt der Erbendorfer.

Der Zoo in Amiens bietet seine Tiere regelmäßig zum Tausch auf einer Art Börse an, sagt Garrigues. Dort habe sie auch ihre Habichtskäuze eingestellt - und wurde von einer Kollegin aus Sainte-Croix gefragt: "Warum machst du mit deinen Tieren nicht bei diesem Auswilderungsprogramm mit?" Garrigues informierte sich und war begeistert vom Engagement des Vereins: "Weil wir gerne mitmachen wollen bei einem Programm, das eine europäische Art erhalten will - und eigentlich ganz nah ist."

Im April geschlüpft

Die im April aus hühnereigroßen Eiern geschlüpften, französischen Käuze erfüllen alle Bedingungen, um bei der Auswilderung mitzumachen: Sie wurden von ihren Eltern aufgezogen, können alleine fressen und sind gesund, zählt Garrigues auf. Sie leitet im Zoo Amiens die wissenschaftliche Abteilung. "Mit den Alten kann man das nicht mehr machen, die sind an das Leben in Gefangenschaft gewöhnt. Das reduziert die Chance, in Freiheit zu überleben."

Bradtka schwärmt von den französischen Käuzen, die im Nachbarland Chouettes d'Oural, also Uralkäuze heißen. Ihre Federn seien dunkler als die der deutschen. Etwa 40 Zentimeter groß sind die etwa 70 Tage alten Tiere, die auf Ästen im Gehege sitzen, demonstrativ ihren Kopf kreisen und die Flügel spreizen. Mit großen, schwarzen Kulleraugen beobachten die Tiere, was im Wald geschieht. "Die haben so einen angenehmen Duft nach Moos, Erde, Federn, schwer zu beschreiben", sagt Bradtka liebevoll.

In der Oberpfalz angekommen, setzten die Betreuer die französischen Käuze gleich in Volieren. Nach der ersten Nacht schauen sie vorbei. "Sie haben die Geräusche, die Gerüche und den deutschen Regen kennengelernt", sagt die Biologin Garrigues vor dem Gehege im Hessenreuther Wald. "Ich denke, sie werden Bayern mögen." Vier Wochen leben die Tiere in Volieren. Deren Standorte will der Verein geheim halten. Die Vögel sollen nicht ständig von neugierigen Spaziergängern besucht werden. Die Käuze reagieren sensibel auf Störungen und fressen dann schlecht, sagt Bradtka. Die Entwöhnung klappt dann auch nicht.

Ziel: Alleine essen können

Um jede Voliere kümmert sich ein Vereinsmitglied. Dieses muss gar nicht in den Käfig, um den Vögeln das Essen zu bringen. Durch ein Rohr plumpsen Mäuse und anderes Getier auf die Futterstelle. Genauso ist es mit dem Wasser. "Habichtskäuze, die den Menschen kennen, sind nicht das Problem", meint der 63-jährige Vorsitzende, der im Hauptberuf Förster ist. In den vier Wochen im Käfig müssen die Tiere alleine fressen lernen. Mit dem Versteckspiel wollen die Tierfreunde erreichen, dass die Käuze den Menschen nicht als Nahrungsüberbringer sehen und selbstständig werden. Deshalb ist an der Voliere eine Kammer aus Holz angebaut. Von dort können die Betreuer durch ein verspiegeltes Fenster in den Käfig hineinschauen, die Käuze wiederum sehen die Besucher nicht.

Die erste Zeit in der Voliere sind die Tiere noch an Menschen gewöhnt. Nach einigen Tagen seien sie schon schreckhafter, erzählt Bradtka. „Die sind jetzt noch ruhig, sie sind die Zoobesucher gewohnt. In drei, vier Tagen werden sie aufgeregt rumflattern. Mit der Zeit werden sie scheuer. Aber das wollen wir ja.“

Nach vier Wochen öffnen die Betreuer das Tor der Voliere und die Vögel fliegen aus. Einige Tage finden sie auf einem Futtertisch nahe der Voliere noch Fressen, falls sie es nicht immer schaffen, selbst genug Nahrung zu finden. Mit Wildtierkameras beobachten die Vereinsmitglieder die Käuze und prüfen, wer zum Futtertisch kommen und wie lange, erläutert Michaela Domeyer, Fachkraft für Landschaftspflege und Naturschutz beim VLAB.

Bis die Vögel ganz alleine zurechtkommen, sind sie etwa ein halbes Jahr alt. Den Gabentisch nutzen aber auch andere Tiere: Eichelhäher, Habichte, Kolkraben und Bussarde bedienen sich manchmal, zählt Bradtka auf.

Bis zu 20 Jahre alt

„Wenn sie die ersten zwei Jahre geschafft haben, können sie bis zu 20 Jahre alt werden“, sagt Bradtka. Bis zu 50 Kilometer weit entfernen sich die Tiere von der Voliere, um sich neuen Lebensraum zu suchen, „wobei die Masse im Umkreis von zehn, zwölf Kilometern bleibt.“

Die Wiederansiedelung freut auch die Förster. Der Bayerische Staatsforst stellt die Flächen für die Volieren zur Verfügung, hat die Käfige gebaut, fertigt Brutkästen an und hängt sie auf. Und die Förster schaffen Lebensräume: Sie halten Flächen im Wald offen, damit der Habichtskauz dort jagen kann. Im Totholz oder in Biotopbäumen brüten die Käuze. „Solche Projekte zeigen auch, dass wir die Wälder dahin gebracht haben, dass solche Arten wieder zurückkehren können“, freut sich Philipp Bahnmüller. Von der Wiederansiedelung der Käuze und seinem Lebensraum profitieren auch andere Tiere, Pilze, Moose und Flechten, berichtet Bradtka.

Habichtskäuze sind faul. Sie wurden in den 1970er Jahren erfolgreich im Nationalpark Bayerischer Wald wieder angesiedelt. Von dort ziehen sie aber nicht freiwillig in die nördliche Oberpfalz. Daher gibt es seit 2016 auch hier ein Projekt zur Wiederansiedelung. Das Ziel des Vereins ist es, dass sich die Tiere, die im Bayerischen Wald leben und sich vermehrt haben, mit denen in der Oberpfalz vermischen. Ein erster großer Erfolg wären fünf bis sechs Brutpaare, sagt Bradtka.

Bilanz zur Wiederansiedelung 2020

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Um die Tiere besser verfolgen zu können, will der Verein GPS-Sender einsetzen. 2021 soll es soweit sein. 2000 Euro kostet der Sender pro Tier für 18 Monate. Dann ist die Batterie leer, weiß der VLAB-Vorsitzende. Bisher werden die Tiere mit Ringen am Bein gekennzeichnet.

Ganz ungefährlich ist das Leben in freier Wildbahn nicht. Die Tiere können sich Krankheiten durch Viren und Bakterien einfangen, erläutert der Vereinsvorsitzende. Die Hauptgefahr aber ist der Straßenverkehr. Drei Tiere hat der Verein durch Verkehrsunfälle schon verloren. Ein viertes Tier konnte operiert werden, aber nicht mehr in freier Wildbahn leben. Das Weibchen kam in den Bayerwald-Tierpark Lohberg, der für sein Männchen eine Partnerin suchte. Heuer haben die beiden zum ersten Mal Nachwuchs bekommen. Diese junge Eule nimmt am Auswilderungsprojekt teil, erzählt Bradtka sichtlich gerührt. Die anderen zehn Käuze, die heuer das Leben in Freiheit erlernen, kommen aus dem Zoo in Gotha (1 Tier), Nürnberg (2), dem Opel-Zoo (1) im Taunus – und aus Frankreich (6).

Zwei Durchgänge

In zwei Durchgängen werden die elf Tiere in diesem Sommer ausgewildert. Drei sind bereits ausgeflogen, weiß Domeyer, die das Projekt zur Wiederansiedelung leitet. Acht Käuze befinden sich noch in der Auswilderungsphase.

Bis diese Käuze die nördliche Oberpfalz selbstständig erkunden, dauert es noch. „Jetzt kann ich vier Wochen nicht schlafen“, meint Bradtka – aus Sorge, etwas könnte schiefgehen. Die Verantwortung geht dem Tierfreund nahe. Er will die Mitarbeiter der französischen Zoos nicht enttäuschen. „Wir sind alle sehr glücklich“, betont Biologin Garrigues. „Wir wissen, dass das Leben für sie manchmal nicht einfach wird, aber wir freuen uns, dass sie diesen Wald sehen.“

Info:

Schirmherrin Julia Neigel

Unter den engagierten Mitgliedern des Vereins für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB) mit Sitz in Erbendorf (Kreis Tirschenreuth) gibt es seit kurzem eine neue Prominente: Die Sängerin Julia Neigel ist nun Schirmherrin des Habichtskauz-Projekts. Neigel ist deutsche Pop- und Rocksänerin und landete in den 1980er und 1990er Jahren mit ihren Liedern in den Charts. Sie arbeitet auch als Musikproduzentin und setzt sich regelmäßig für den Naturschutz ein.

Erst im Februar wurde die Tierliebhaberin Mitglied im Verein. „Wir sind vielleicht schon etwas bekannter“, erläutert der Vorsitzende Johannes Bradtka Neigels Interesse. Die beiden haben „ein bisserl telefoniert“. Als Bradtka ihr die Schirmherrschaft anbot, habe die Sängerin gesagt: „Das mach ich gleich.“ Einen Monat nach der Veröffentlichung ihres neuen Albums „Ehrensache“ besuchte die 52-Jährige für ein Wochenende die Oberpfalz und informierte sich über das Habichtskauzprojekt. Sie soll ihre Bekanntheit nutzen, um „Werbung für den Artenschutz“ zu betreiben, etwa bei ihren Musikerkollegen – Neigel sei mit Udo Lindenberg befreundet. Bradtka erhofft sich von der Schirmherrschaft Bekanntheit und Spenden.

Der VLAB engagiert sich für den Erhalt der Vielfalt, die Eigenart und Schönheit von Natur. Sein Ziel: „Die Naturlandschaften und historisch gewachsenen Kulturlandschaften sollen mit ihrer Artenvielfalt und den Kultur-, Bau- und Bodendenkmälern vor Verunstaltung, Zersiedelung und sonstigen Beeinträchtigungen bewahrt werden.“

Neigel ist nicht die erste Musikerin, die sich beim VLAB engagiert. 2018 rief Hans-Jürgen Buchner, Kopf der Band Haindling, bei Bradtka an und verlangte einen Mitgliedsantrag.

Mehr Informationen über den VLAB

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