04.09.2019 - 18:15 Uhr
Letzau bei TheisseilOberpfalz

So sieht es im Fernsehturm von Weiden aus

Eine Aussichtsterrasse mit Café findet der Besucher im Funkturm Weiden auf dem Fischerberg nicht. Dafür gibt’s viel Beton und jede Menge (geheime) Technik. Und obendrein eine grandiose Aussicht – wenn keine Wolken im Weg sind.

von Stephanie Hladik Kontakt Profil

Bei schönem Wetter geht alles. Das hätten sich meine Kollegin Sonja Kaute und ich auch gewünscht. Doch als es endlich so weit ist, taucht der Fischerberg samt Turm im Nebel ab. Den Termin absagen, kommt nicht infrage. Zu lange haben wir darauf gewartet, einmal hinter das "Zutritt verboten - Lebensgefahr!"-Schild am Zaun blicken zu dürfen.

Lea Borgers, Pressesprecherin der Deutschen Funkturm mit Sitz in Münster, die das Bauwerk verwaltet, und Objektmanager Dirk Zinn empfangen uns am Fuß des Turms, der 1966 erbaut wurde. Der Schlüsselbund, den Zinn in der Hand hält, ist mächtig. Rund 60 Stück. "Mein wichtigstes Handwerkszeug", sagt Zinn. Seit 2004 betreut der gelernte Nachrichtentechniker 30 Funkstandorte in ganz Bayern, von Miltenberg bis Deggendorf. Seine Leitzentrale befindet sich in Nürnberg. Alle paar Monate schaut er auch in Weiden vorbei und überprüft das Bauwerk und die Haustechnik auf Schäden.

Es riecht nach Beton

Zinn schließt die schwere Eisentür auf. Links ein Fahrstuhl, rechts die Treppe. Unzählige Röhren und Kabelstränge, dicke und dünne, ziehen sich nach oben und verschwinden im dunklen Nichts. Es ist kühl und riecht nach Beton. Die Außenwände sind bis zu einem halben Meter dick. Im Aufzug gibt es nur zwei Knöpfe. Wir fahren in die zweite Betriebsebene der Kanzel. Der Fahrstuhl ruckelt und bringt uns in knapp 35 Sekunden auf eine Höhe von 53,60 Meter. Überraschend übersichtlich ist es oben. "Die Technik braucht heutzutage nicht mehr so viel Platz", sagt Dirk Zinn. "Alles wird kleiner."

Es summt im Raum. Im Rund verteilen sich die Schaltschränke mit der Sendetechnik der Kunden. Lämpchen blinken, Zähler klacken. "Nichts anfassen und bitte auch nicht fotografieren", mahnt der Techniker mit Hinweis auf den Datenschutz. Die Schränke gehören unter anderem Unternehmen wie T-Mobile, Vodafone, Telefonica oder Kabel Deutschland. "Die mieten hier Plätze für ihre Anlagen. Von denen führen Übertragungskabel zu den Sendeantennen nach draußen auf die Plattform", erklärt Zinn. Und Lea Borgers ergänzt: "Die Kunden bezahlen feste Quadratmeterpreise für die Fläche ihrer Standtechnik und der Antennen." Einen Betrag will die Sprecherin aber nicht nennen.

Kein Fernsehen mehr

Obwohl landläufig vom Weidener Fernsehturm gesprochen wird, wird kein TV mehr vom Fischerberg gesendet. Das sei der Umstellung von analog auf digital geschuldet, sagt Dirk Zinn. Als wichtigster Funkturm der Region - die nächsten stehen in Regensburg und in Bayreuth - leistet er vor allem andere Dienste. Das sind neben dem "geheimen" Behördenfunk der Richtfunk (die Kommunikation von Turm zu Turm), der Mobilfunk (Handy-Empfang) und natürlich der Rundfunk. So sind zum Beispiel Radio Ramasuri oder Deutschland Radio im Umkreis von rund 100 Kilometern zu hören.

Beim Blick aus den Fenstern (sie sind 2-fach verglast) kann man in der Ferne die Stadt erahnen. Die Wolkendecke reißt kurz auf. Unter uns Theisseil. Die nächste Nebelschwade zieht vorbei, die Häuser verschwimmen wieder. Beim Verlassen des Raums fällt ein graues Wählscheibentelefon an der Wand ins Auge. Darüber Knöpfe. Regensburg, Amberg, Hirschau steht da. "Ein Relikt aus alter Zeit", lacht Zinn. "Das war die Dienstleitung zu den anderen Türmen. Auf dem Monte Kaolino steht zum Beispiel auch eine kleine Anlage."

Über die Treppe steigen wir runter auf 50,50 Meter. Hier liegt das Betriebsgeschoss mit den Raumlufttechnikanlagen. Ein nüchterner Raum mit großen an Waschmaschinen erinnernden blauen Schränken - die Kühlanlage. Auch hier wieder viele Kabel und Lüftungsschächte. "Der Raum hält den Turm am Leben," sagt der 47-Jährige. Lüftung und Kühlung der Schaltanlagen, die Stromversorgung für die Infrastruktur wie Beleuchtung, Aufzug, Sprechanlage. Die Sicherungskästen sind akribisch beschriftet. "Ganz wichtig bei der ganzen Technik hier", wie der Objektmanager betont. Und wenn der Strom ausfällt? "Dann springt die Netzersatzanlage ein", beruhigt Zinn. Es ist in einem Flachbau neben dem Funkturm untergebracht. Und wie sieht's mit Mäusen aus? "Die haben hier keine Chance".

Absolute Stille

Nochmal Ortswechsel. Über das Treppenhaus gelangen wir auf die zweite Plattform, 59,30 Meter hoch. Wir schlüpfen durch eine Luke nach draußen. Es ist absolut ruhig. Für einen Moment schweigen alle. "Ja, es ist ein besonderer Arbeitsplatz hier oben", sagt Dirk Zinn, der solche Momente seiner Arbeit genießt.

Die Plattform misst 25 Meter im Durchmesser. Wir laufen einmal rundum. Kein Geländer. "Wenn Sie bis an den Rand wollen, müssten wir uns anseilen", scherzt Zinn. Wir lehnen dankend ab. Angeseilt arbeiten jedoch unter uns gerade zwei Techniker. Das ist Vorschrift. "Ach, die Jungs von Vodafone," die montieren gerade was." Bestimmt eine Antenne. Von denen gibt es auf der Außenplattform einige. Der Standort ist gefragt. "Der Turm ist mit Glasfaserkabeln ausgestattet, deshalb nutzen ihn nahezu alle Netzbetreiber", erklärt der Nachrichtentechniker.

Ein letzter Blick. Nein, mit Sonne und der perfekten Aussicht wird das wohl heute nichts mehr. Der Fahrstuhl ruckelt wieder nach unten und bringt uns sicher aus der Gefahrenzone.

Info:

Stichwort: Deutsche Funkturm

Mit 800 Mitarbeitern stellt die Deutsche Funkturm mit Sitz in Münster vor allem den Ausbau der Infrastrukturen für die deutschen Mobilfunkanbieter, Rundfunksender, Betreiber von Richtfunkstrecken sowie für die Funknetze von Behörden und weiteren Institutionen sicher. Das Unternehmen wurde 2002 gegründet, ist ein Teil der Gruppe der Deutschen Telekom und betreibt rund 29 000 Funkstandorte.

Als Vollservice-Dienstleister plant und realisiert, betreibt und vermarktet die Deutsche Funkturm bundesweit Funkstandorte. Dazu gehören Türme, Masten, Dachstandorte, Distributed Antenna Systems (DAS) sowie Small Cells.

Das Unternehmen ist maßgeblich am Ausbau der Infrastrukturen für die Mobilfunkanbieter beteiligt, aktuell mit Schwerpunkt auf LTE (Long Term Evolution oder 4G) sowie künftig 5G. Für das European Aviation Network (EAN), das weltweit erste Funknetz für Flugzeuge, das Satellitenkommunikation und LTE kombiniert, hat die Deutsche Funkturm das komplette Bodennetz mit rund 300 Sendestationen in 30 europäischen Ländern geplant und gebaut. Weiden ist seit Anfang 2018 ebenfalls einer von deutschlandweit 25 EAN-Standorten. (shl)

Weidener Funkturm ist EAN-Standort

Weiden in der Oberpfalz

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.