29.03.2020 - 16:27 Uhr
LeuchtenbergOberpfalz

"Home-Office" bereits seit den 30er Jahren

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Die Coronakrise macht das Home-Office populär. Dabei gibt es das schon seit langem im Landkreis Neustadt. Es hieß lange Zeit nur anders.

Barbara und Theres (von links) sowie Maria Bruckner (rechts) mit weiteren jungen Mädchen aus Glaubendorf, die gemeinsam im Weber-Anwesen ihre Heimarbeit, das Filetstopfen, in den Wintermonaten (etwa 1933) verrichten. Wahrscheinlich zeigt das Bild eine Tischdecke, die an dem Holzrahmen gefertigt wurde.
von Sieglinde SchärtlProfil
Hier zeigte Barbara Betz, geborene Bruckner, bei den ersten bayerischen Tagen der Dorfkultur in Leuchtenberg im September 1990 ihre einst erlernte Heimarbeit wieder

Home-Office ist keine Erfindung der Neuzeit. Einst hieß es Heimarbeit. Und die gab es bereits in den 30er Jahren, wie auch das Beispiel von Barbara Bruckner aus Glaubendorf und einigen ihrer Schwestern (Jahrgänge zwischen 1903 und 1916) belegt.

Die Arbeit kam damals aus Sachsen. Die Bruckner-Schwestern hatten dazu ein eigenes Holzgestell. An einer Ecke mussten sie mit dem dazugelieferten Garn beginnen und ein Netz anfertigen. Anschließend wurde dieses ausgestopft, das hieß, mit Nadel und Faden (Garn) Muster zu sticken. Das Ganze nannte man Filetstopfen. Es entstanden Tischdecken, Vorhänge, Decken und Spitzeneinsätze für Kleidung. Das Material war aus Naturfasern, meist Leinen und Baumwolle. Für ein gestopftes Loch gab es einen halben Pfennig, erzählte Barbara Bruckner. Die Schwestern verdienten sich in den Wintermonaten Geld, um ihre Aussteuer aufzubessern.

Heimarbeit machte einst auch Katharina Weißenburger aus Döllnitz. Sie war Kriegerwitwe, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Sie fertigte Kunstblumen an, die bei den Volksfesten an den Schießständen herausgeschossen werden konnten. Die Firma Jeschke (Volksfest-/Kirmesartikel und vieles mehr) aus Vohenstrauß bot diese Arbeit in den 60er Jahren an. Weißenburgers Sohn Hans, der in Vohenstrauß bei der damaligen Hosenfabrik Schönberger arbeitete, brachte die Arbeiten zur Mutter, und die fertigen Produkte nahm er wieder mit zurück.

Ein Unternehmen in Altenstadt bei Vohenstrauß, das Handschuhe herstellte, sorgte ebenso für Heimarbeit in Döllnitz wie der Strickwarenhersteller Stöhr aus Wernberg-Köblitz, der Ende der 60er Jahre Babygarnituren vertrieb. Säckeweise holten Döllnitzer und Unternankauer dort die Ware ab. Da die Artikel im Ganzen maschinell gestrickt wurden, musste sie auseinandergetrennt und dann mit der Haushaltsmaschine zusammengenäht werden. Weiter wurden die Babyjäckchen mit Knöpfen versehen und die Mützchen mit Bändern. Alle Teile, auch die Fäden, wurden mitgeliefert. Diese Heimarbeiten wurden meist in den Wintermonaten vorgenommen, denn da war die Bauernarbeit nur im Stall zu verrichten, und so konnten sich vor allem die Frauen ein Zubrot verdienen.

Der Mützenhersteller Kempf aus Teunz und der Taschen- und Rucksackproduzent Kania aus Weiden sorgten ebenfalls für Heimarbeit. Die Firmen stellten die Industrienähmaschinen dazu, damit die schweren Stoffe genäht werden konnten. Beim Abliefern der gefertigten Produkte wurde alles genau im Beisein der Arbeiterinnen kontrolliert. Bei Reklamationen gab es Abzüge, oder es musste nachgearbeitet werden. Bezahlt wurde in bar und stückweise, abgerechnet meist monatlich. Von allen Heimarbeiterinnen wurde die Lohnsteuerkarte verlangt.

Auch ein Kabelwerk aus dem Landkreis bot Heimarbeit an. So war es jungen Müttern möglich, während der Tätigkeit bei ihren Kindern zu sein. Eine Kleiderfabrik in Waldthurn ermöglichte das in den 70er Jahren ebenfalls. Als der Verlag „Der neue Tag“ 1974 auf EDV umstellte, wurde jede Arbeitskraft benötigt. So erklärte sich damals eine Mitarbeiterin aus der Vertriebsabteilung bereit, trotz ihres Mutterschutzes, der damals noch anders als heute geregelt war, von zu Hause aus zu arbeiten. Zeitungsfahrer H. Bär brachte bei der Anlieferung der Tageszeitung beim Austräger, dem Nachbar unserer Mitarbeiterin, die Arbeit, und am nächsten Tag nahm er sie wieder mit. Beide Seiten waren froh: die einen für die Mitarbeit und die andere, dass „endlich die Zeit bis zur Geburt schneller vergeht“.

Frühe Initiativen fürs Home-Office:

Heimarbeit gerade auf dem Land wichtig

Home-Office sei der CSU-Frauen- Union mit Bezirksvorsitzender Emilia Müller (von 1995 bis 2006 im Amt) ein großes Anliegen gewesen, betont die ehemalige FU-Kreisvorsitzende Sieglinde Schärtl. Bei einer ganztägigen Veranstaltung bei der Firma Conrad in Wernberg sei festgestellt worden, wie wichtig Home-Office gerade auf dem Land sei. „Leider waren diese Mühen fast vergebens, und es hat sich nicht viel getan“, bedauert Schärtl.

Als sie 2006/2007 erkrankte und an das Haus gebunden war, „war das Internet, der Computer, für mich ein Segen“, sagt sie. „Ich konnte von daheim meinen FU-Kreisverband als Kreisvorsitzende weiterführen. Ich war fast mit der ganzen Welt verbunden, konnte auch weiterhin unter (sl) weiterschreiben und war also damals in Home-Office." So seien die Krankheit und das Alleinsein leichter zu ertragen gewesen. Schärtl: „Es war damals die Generalprobe, und heute ist es die Premiere, der Coronavirus. Auch das wird vergehen.“

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.