03.01.2019 - 11:43 Uhr
Oberpfalz

Ein Lied zum Feierabend

Eine ursprünglich religiöse Bedeutung hat der Ausdruck "Feierabend". In vielen Redewendungen ist er verewigt. Ein Mann aus dem Erzgebirge widmet ihm sogar ein Lied, das heute noch vielerorts gespielt wird.

Am Grab des berühmten Dichters Anton Günther in Boží Dar /Gottesgab stehen stets frische Blumen. Vorn am Grab liegt ein Wanderstock.

Wer im Duden nachschlägt, findet für "Feierabend" folgende Erklärungen: "Freizeit im Anschluss an den Arbeitstag" oder "Dienstschluss; Schluss der täglichen beruflichen Arbeit". Oft spricht man vom "Genießen des Feierabends". Auch in Redewendungen und Sprichwörtern kommt der "Feierabend" häufig vor: "Für mich ist nun Feierabend!" Was auch bedeuten kann: "Ich kann und mag nicht mehr weitermachen. Für mich ist es aus, und vorbei!" "Bei mir ist Feierabend" meint umgangssprachlich: "Diese Sache interessiert mich nicht mehr, ist für mich abgeschlossen und erledigt."

Ursprünglich hatte der Ausdruck "Feierabend" eine religiöse Bedeutung. Es war der Abend vor einem Feiertag. Daraus leitete sich die Umdeutung für die Muße-, Frei- und Ruhezeit am Abend ab. Vom 17. bis ins 19. Jahrhundert sind außer dem gemeinsamen Gebet zahlreiche Feierabendbräuche und Feierabendgeschichten und -lieder belegt. Seit dem 12. Jahrhundert gibt es das Wort "vir-abent", Vorabend eines Feiertages. Im Judentum ist es üblich, dass ein Feiertag schon am Vorabend beginnt. Die heutige Bedeutung des Wortes kommt aus der Sprache der mittelalterlichen Handwerker. "Ich hab' ausgespunnen. Ich hab' Feyerabend", heißt es bei dem Dichter Gerlingius 1649.

"Feierabendheime"

In der ehemaligen DDR wurden Altersheime dezent "Feierabendheime" genannt. Die SED-Funktionäre meinten damit die Armenhäuser, in denen sie vor allem alte Menschen unterbrachten. In den Jahren nach der Gründung der DDR besserten sich die Lebensbedingungen für die Bewohner nur langsam: Zwei- und Vierbettzimmer mit Ofenheizung, zwei Bäder für 116 Personen, Gaskocher und eine alte Küche waren die ersten Errungenschaften. Das Pflegepersonal war unterbesetzt, die medizinische Versorgung oft unzureichend. Versorgungsengpässe waren an der Tagesordnung. 105 Ostmark kostete der Platz in einem Feierabendheim monatlich. Dank kräftiger staatlicher Zuschüsse zum Betrieb der Heime blieb den Bewohnern ein guter Teil ihrer Rente zur freien Verfügung.

Der Volksdichter des Erzgebirges, Anton Günther, setzte im Jahr 1903 mit seinem Lied "s'is Feieromd" dem Wort ein musikalisches Denkmal. Verfasst hat er den Text in seiner Mundart, dem Erzgebirgischen. In vielerlei Umschriften ist er bis heute verbreitet. Der Autor Günther selbst schrieb zunächst "Feieromd", später Feierohmd, und glättete ihn in der Buchausgabe seiner Lieder letztlich zu "Feierobnd". Das Lied beschreibt in vier Strophen bildhaft die passende Umgebung und das Befinden. Viele Interpreten und Chöre im deutschsprachigen Raum nahmen es in ihr Repertoire auf. Günthers Lied beschreibt gemütvoll längst vergangene Zeiten. Ein Grund, warum es auch immer wieder bei Beerdigungen mit Blasinstrumenten gespielt wird.

Lied von Anton Günther

Anton Günther kam 1873 im böhmischen Gottesgab, heute Boží Dar, zur Welt. Hier verbrachte er seine Kindheit. Da sein Vater durch Musizieren Geld zu seinem kargen Gehalt dazuverdiente, wurde der kleine Anton schon früh an Gesang und Liedgut seiner Heimat herangeführt. Seine Schulbildung erhielt er in der Bürgerschule in Joachimsthal. Er war eines von sieben Kindern. Als er zwölf Jahre alt war, starb seine Mutter.

Ursprünglich wollte er Förster werden, weil er eine große Liebe zur Natur und zum Wald hegte. Aber sein Zeichentalent und die Sorge um die Familie führten ihn zur Lehre zu dem Lithografen Eduard Schmidt ins sächsische Buchholz. Nach dreijähriger Lehre zog es ihn 1895 nach Prag an die k-u.-k-Hoflithografie-Anstalt Haase. Das Heimweh nach den Bergen und Wäldern machte ihn dort zum Dichter. Mit anderen Gottesgabern und böhmischen Erzgebirglern, die wie er in Prag lebten, traf er sich regelmäßig zum "Guttsgewer Obnd" ("Gottesgaber Abend"). Für eines dieser Prager Treffen verfasste Anton Günther 1895 eines seiner bekanntesten Lieder, "Drham is' drham" ("Daheim ist daheim"). Durch die große Resonanz auf dieses Lied hatte er eine neue Idee. Statt den Text zum Weitergeben immer wieder abzuschreiben, zeichnete er ihn 1895 auf Lithographie-Stein und ließ ihn als Postkarte drucken.

Nach dem Tod seines Vaters 1901 kehrte Günther nach sechs Jahren in Prag in sein Elternhaus in Gottesgab zurück, weil er sich um seine Familie und vor allem die Geschwister kümmern musste. Die kleine Landwirtschaft reichte nicht zum Unterhalt. Darum ergänzte Anton Günther seine Einkünfte ähnlich wie sein Vater mit Auftritten als Sänger und Musiker. Außerdem verkaufte er seine Liedpostkarten im Selbstverlag. 1908 heiratete Anton Günther Marie Zettl. Der Ehe entstammen drei in Gottesgab geborene Kinder.

Das Erzgebirge wurde damals zunehmend beliebt als Urlaubs- und Kurregion. Gaststätten, Hotels und Vereine luden Günther zu Unterhaltungsabenden für Einheimische und Gäste vor allem ins sächsische Erzgebirge ein. Der Erfolg war groß. Einen nicht unwesentlichen Teil der Einnahmen brachte Günther 1911 in eine Stiftung für Kranke, Alte und Arme in seinem Heimatort ein.

Den 1. Weltkrieg erlebte Günther als österreichischer Soldat an der serbischen Front. Durch eine Verletzung am Fuß wurde er zum Kriegshilfsdienst abkommandiert. Im Herbst 1918 kehrte er nach Gottesgab zurück. Mit der Gründung der 1. Tschechischen Republik konfrontiert, musste er verbittert die immer schlechter werdenden Verhältnisse der nationalen Minderheiten erleben. Dies verletzte den heimatverbundenen Künstler sehr und wurde auch Gegenstand seiner Lieder.

Besondere Würdigung

Auch nach dem Krieg blieb der Sänger und Unterhalter Anton Günther beliebt, ebenso seine Lieder. Er hatte Engagements in Berlin, Wien und Dresden. Sehr erfolgreich waren Schellack-Schallplatten mit Aufnahmen seiner Lieder. Eine besondere Würdigung seines Schaffens zu Lebzeiten erfuhr er am 5. Juni 1936 zu seinem 60. Geburtstag. Höhepunkt war die Einweihung des noch heute erhaltenen Gedenksteins auf dem Marktplatz von Gottesgab.

In dieser Zeit ließ sich der Volkssänger von den aufstrebenden deutschen Nationalsozialisten trotz deren Werbens nicht vereinnahmen.

Günther wurde vielleicht auch zunehmend schwermütig. Am 29. April 1937 nahm er sich das Leben, bestattet wurde er auf dem Friedhof in Gottesgab. Günthers Familie wurde nach Kriegsende 1945 vertrieben und ließ fast alles zurück - auch Noten und Zeichnungen - und siedelte sich im nahen Oberwiesenthal an. Dort starb seine Frau Maria 1958, ohne jemals wieder nach Gottesgab gekommen zu sein. Sohn Erwin trat später in die Fußstapfen seines Vaters und wurde Mundartsprecher im Volkskunst-Ensemble "Heiteres Erzgebirge".

Liedpostkarte

Durch seine Ausbildung als Lithograf kam Anton Günther auf die Idee, Postkarten mit einfachen Notenbildern und Texten herauszugeben. Er gilt als Begründer der Liedpostkarte. Er war der Erste, der 1895 ein komplettes Lied (zunächst noch ohne Noten) auf eine Postkarte brachte. Wie viele dieser Karten er absetzte, ist nicht bekannt. Noch heute tauchen bis dahin unbekannte Versionen mit Liedern, Gedichten oder Sinnsprüchen auf. Zwar sind die Karten fast durchweg nummeriert, allerdings geriet die Ziffernvergabe oftmals durcheinander, was für Sammelfreunde eine besondere Herausforderung ist, einen detaillierten Katalog aber nahezu unmöglich macht. Kenner gehen davon aus, dass es um die 160 Karten mit Liedern, Gedichten und Sprüchen von ihm gibt. 134 sind in verschiedenen Versionen bekannt. (cr)

Lied: "Feieromd":

Da Sonn steicht hentern Wald drüben nei,

besaamt da Wolkn rut,

a jeder lecht sei Warkzeich hie

on schwenkt zen Gruß sän Hut.

Refrain: ’s is Feieromd, ’s is Feieromd

’s Tochwark is vullbracht,

’s gieht alles seiner Hamit zu,

ganz sachta schleicht da Nacht.

On üwern Wald a Vöchela

Fliecht noch sän Nastl zu.

Ven Därfl drübn a Glöckl klengt,

Dos maant: lecht eich ze Ruh.

(Refrain)

Do zieht’s wie Friedn dorch dr Brust,

’s klengt als wie a Lied,

Aus längst vergangina Zeitn rauscht’s

Gar hamlich dorch’s Gemüt.

(Refrain)

Gar manichs Harz hot ausgeschlogn,

Verbei is Sorch on Müh’,

On üwern Grob ganz sachta zieht

A Rauschn drüwer hie.

(Refrain)

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