02.09.2018 - 13:53 Uhr
Lintach bei FreudenbergOberpfalz

Bio-Utopie, die funktioniert

SoLaWi – c'est la vie? Dürre Zeiten für Landwirte und die Frage nach der Herkunft von Lebensmitteln führen zu einem Aufschrei Richtung Politik. Dabei wird eine Alternative oft nicht in Betracht gezogen: die Solidarische Landwirtschaft.

Sandra Kleimann und Stefan Beßler auf dem Demeterhof Walz in Schäflohe. Sie sind nicht nur die kaufmännischen Initiatoren, sondern koordinieren auch die Kommunikation zwischen Verbraucher, Ernteteiler und Landwirt.

(dwi) Eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung, gefördert durch das Bundeslandwirtschaftsministerium, belegt, dass der deutsche Konsument pro Jahr mindestens 55 Kilogramm Lebensmittel wegwirft - fast 40 Prozent davon Gemüse. Insgesamt landen in Privathaushalten 4,4 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Gleichzeitig bangen Landwirte um ihre Existenz. Laut dem Verband der Landwirtschaftskammern reichen die Gewinne des vergangenen Wirtschaftsjahres vielerorts nicht aus, um die eingesetzten Produktionsfaktoren wie Arbeit, Boden und Kapital voll zu entlohnen.

Jetzt sicheres Einkommen

Nicht so auf dem Biohof Walz in Schäflohe. Andreas Walz hat gut lachen. Seit vier Jahren weiß der Landwirt bereits zu Beginn eines Wirtschaftsjahres, was er am Ende ausbezahlt bekommt. Dabei war ein sicheres Einkommen nicht die einzige Motivation, dem Verein "SoLaWi Stadt, Land, Beides" aus der Region Nürnberg beizutreten. Bei einem AOVE-Vortrag in Lintach stellen die Initiatoren Sandra Kleimann und Stefan Beßler sowie der Amberger Bio-Bauer die Vorteile einer Vertragslandwirtschaft auf regionaler Ebene vor.

Nur ökologische Betriebe

Zur Gründung einer solchen braucht man lediglich Engagement, Idealisten und ein Stück Land. Erwünscht sind ausschließlich ökologische Betriebe, die aber keine Zertifizierung vorweisen müssen. Der Konsument wird zum Helfer, und es entsteht eine regionale Gemeinschaft von Verbrauchern und Landwirten ohne Konkurrenzsituation.

Staatliche Fördergelder für die öffentliche Arbeit erleichtern den Beginn. Alle Beteiligten teilen sich Ernte, Kosten und Risiko. Dabei erhalten Mitglieder hochwertige Lebensmittel, Zugang zu Bildung und fördern die regionale Nachhaltigkeit. Landwirte können ihre Ideale ausleben - durch artgerechte Haltung der Tiere oder indem der Boden fruchtbar bleibt und Monokulturen vermieden werden. Außerdem hat auch das hässliche Gemüse, das im Discounter keinen Platz findet, eine Daseins- und Verzehrberechtigung. Weg von Hybridsorten zurück zu samenfestem Saatgut wie zu Großmutters Zeiten. Wertschöpfung und Ernährungssouveränität bleiben in der Region.

Die Zusammenarbeit von Ernteteilern und Bio-Bauern fördert zudem die Kommunikation auf Augenhöhe. Hier ist es nicht die Politik, die verkündet, was Landwirt und Verbraucher angeblich wollen. Ein direkter Ideenaustausch innerhalb der Kommune klärt die individuellen Bedürfnisse. Derzeit sind 150 Ernteteiler an sechs Höfen und drei Abholstellen beteiligt. Zu Jahresbeginn wird vertraglich festgelegt, wie viel der Landwirt verdient und was der Verbraucher von welchem Hof kaufen möchte. Zwischen 11 und 120 Euro zahlt der Ernteteiler an die Gemeinschaft.

"Da war ich sehr erstaunt, dass die Mitglieder meine finanziellen Erwartungen weitaus höher ansetzten", sagt Andreas Walz. Durch die Transparenz und Beteiligung entstehe beim Verbraucher eine höhere Wertschätzung der landwirtschaftlichen Arbeit. "Wenn man seinem Gockel erst einmal einen Namen gegeben hat und dann Otto dabei beobachten kann, wie glücklich er bei Walz aufwächst, entsteht ein Bewusstsein, das man durch verbale Aufklärung alleine nicht erreichen kann", weiß Sandra Kleimann. Fast automatisch würden sich Mitglieder der Wegwerfgesellschaft widersetzen.

Aber keine Avocados

Der einzig ersichtliche Nachteil entsteht nur für den veganen Hipster: Avocados gibt es das ganze Jahr nicht. Aber diese in unseren Weiten zu kaufen, ist aus ökologischer Sicht sowieso fragwürdig. Eine SoLaWi ist das, wonach viele rufen: saisonal, regional, nachhaltig und transparent mit Mitspracherecht. Auf www.stadt-land-beides.de gibt es mehr Informationen zu den dazugehörigen Höfen.

Andreas Walz ist einer von sechs Bio-Bauern, die der Solidarischen Landwirtschaft "Stadt, Land, Beides" vor vier Jahren beigetreten sind. "Absolut empfehlenswert für jeden Landwirt." Davon ist er überzeugt.

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