01.06.2020 - 09:35 Uhr
Luhe/Luhe-WildenauOberpfalz

Göttliches Attribut an Biedermeiertor in Luhe

Wer sich auf der A 93 Luhe-Wildenau nähert, wird schon von weitem auf barocke Sehenswürdigkeiten des Marktes Luhe hingewiesen. Neben der Pfarrkirche St. Martin sind auch andere Kleinode zu finden.

Biedermeiertor in Luhe vor der Restaurierung
von Autor SEFProfil

Die Denkmalliste des Freistaates enthält für Luhe eine ganze Reihe von bedeutsamen geschichtlichen Hinterlassenschaften. Auf dieses elitäre Verzeichnis schaffte es auch ein Holztor, das in das Biedermeier verortet wurde.

Das Biedermeier ist eine um 1850 geprägte Bezeichnung für den Lebens- und Kunststil des „Vormärz“ in Deutschland, also der Jahre von 1815 bis 1848. Nach den Freiheitskriegen gegen Napoleons Herrschaft war eine Zeit äußerer Ruhe eingekehrt. Der ursprünglich ironische, eine spießbürgerliche Engherzigkeit verspottende Begriff wandelte sich später zum Positiven und Ernsthaften.

Er umschreibt die gediegene Kultur des Bürgertums und bedeutet keineswegs Beschränktheit. Vielmehr betont er nach dem Überschwang des Barock und der Romantik das Maßvolle. Der Biedermeierstil offenbart sich vornehmlich in der Ausstattung von Innenräumen und Möbeln, wobei er großen Wert auf solide Verarbeitung und gutes Material legt. Jetzt will man mehr sein als scheinen.

Bauantrag

Am 9. August 1928 vernichtete ein Großbrand 44 Anwesen in Luhe. Weitgehend verschont blieb als eines von wenigen Gebäuden das Haus Nr. 2 (heute Marktplatz 22). Das geht aus einem historischen Foto und dem Bauantrag der Kaufmannswitwe Maria Weigl hervor, den sie kurz nach der Katastrophe dem Landbauamt Weiden vorlegte. Die Nachbarin der Tafernwirtin Barbara Kiener und des Landwirts Anton Paulus musste nämlich „nur“ die abgebrannte Scheune samt Waschküche für 1.600 RM neu errichten. Bis 1985 war im Haus der Gemischtwarenladen von Barbara Forster untergebracht. Nach ihr zog die Firma „Bastelbedarf Prell“ ein. Daran erinnern sich der vormalige Eigentümer Felix Schmerber und Nachbarin Olga Kammerer.

Holztor übersteht Feuersbrunst

Den Brand hatte erstaunlicherweise auch das massive Tor aus Eichenholz überlebt. Das doppelflügelige Konstrukt ist – dem Zeitgeschmack der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gemäß – zurückhaltend gegliedert und dekoriert. In den rechteckigen Blendfüllungen sind dezente Schleifenmotive und Wirbelrosetten zu entdecken. Das untere Ende lockert ein Zahnschnitt auf. Öffnet man nach dem rechten noch den linken Flügel, klappt ein ausgeklügelter Mechanismus aus dem 19. Jahrhundert gleichzeitig auch das Oberteil zurück. Nun präsentiert sich die Öffnung in voller Breite und Höhe. Seit 1993 gehört Bertram Meier das Haus. Er engagierte Georg Arnold, der das Biedermeiertor restaurierte.

Hermesstab

Hingucker im Zentrum der Torhälften sind die Hermesstäbe, Symbole des Gottes Hermes, den die Römer Merkur nannten. Um seinen Zauber- oder Heroldstab ringeln sich symmetrisch zwei Schlangen mit einander zugewandten Köpfen. Oft wird er mit dem Äskulapstab ohne Flügel verwechselt, um den sich nur ein Reptil windet.

Hermesstab im Zentrum der Torflügel eines Hauses in Luhe.

Die antike Mythologie erklärt das göttliche Attribut folgendermaßen: Hermes erhielt von seinem rivalisierenden Bruder Apollo einen Stab. Als er damit nach Arkadien kam, sah er zwei miteinander kämpfende Schlangen. Er warf den Stock dazwischen, so dass sie innehielten und sich wieder vertrugen. Daher wurde er ein Friedenszeichen. Die Berührung mit dem Hermesstab brachte Segen und Reichtum. Nach der Rückkehr auf die Insel Ithaka lässt Homer seinen Helden Odysseus dem Sauhirten Eumaios erklären: „Durch Hermeias‘ Gnade, des Göttergesandten, der alles, was die Menschen beginnen, mit Ehre schmücket und Anmut, kann der Sterblichen keiner mit mir wetteifern.“ In allen Dingen gewandt und mit sämtlichen Wegen vertraut, eignete sich Hermes als Mittler zwischen den Göttern und Menschen. Er wurde Bote der Götter und als solcher mit Flügelschuhen, Reisehut und Heroldstab dargestellt. In der Regel ist deshalb der Stab – wie in Luhe – an der Spitze mit einem Flügelpaar geschmückt. Er fungierte später als Symbol für Wirtschafts- und Handelskontakte.

1842 gehörte Georg Schenkel, dem Besitzer des Anwesens Nr. 2, die Ziegelhütte "in der Sucherin" südlich von Luhe gehörte. Außerdem wurde der Gemeindevorsteher ( Bürgermeister) 1854 erster Expeditor der königlichen Brief- und Fahrpostexpedition. Vielleicht hat er das Holztor mit dem Hermesstab in Auftrag gegeben. Von 1948 bis 1958 führte Erwin Pistory eine Drogerie und Apotheke, aber nicht wie manchmal irrtümlich angenommen im Haus Nr. 2, sondern gegenüber im Haus Nr. 106.

Das Biedermeiertor in Luhe nach der Restaurierung.
Barocke Sehenswürdigkeiten:

Zweifellos einen Abstecher wert ist in Luhe die Pfarrkirche St. Martin. Ursprünglich im gotischen Stil erbaut, wurde sie im 18. Jahrhundert barockisiert und mit sieben Altären sowie zwei Katakombenheiligen ausgestattet. Daneben sind auch die Wallfahrtskirche St. Nikolaus von 1696 samt Einsiedlerkapelle und der repräsentative Pfarrhof des Waldsassener Baummeisters Philipp Muttone von 1790 zu beachten. Mit dem alten Rathaus, Hussturm, Richterschwert und manch anderen Objekten stehen sie auf der Denkmalliste des Freistaats Bayern. (sef)

Der Großbrand 1928 verschonte weitgehend das Wohnhaus Nr. 2 (mit x gekennzeichnet) und mit ihm das Biedermeiertor.
Das Haus Nr. 2 (ganz links) ziert eine kolorierte historische Postkarte.
Keramiker Karl berät Fünftklässlerinnen bei der Ausarbeitung von Luher Fassadenreliefs.
Ehemalige Schüler fertigen Reliefs:

Am 1. September 1989 wurde in der Aula der Volksschule Luhe-Wildenau die Ausstellung „Kinder-Künstler-Heimat“ eröffnet. Zur Vernissage war Ministerialrat Dr. Dieter Göldner als Vertreter des Schirmherrn, Kultusminister Hans Zehetmair, gekommen. Im Vorfeld hatten vier heimische Künstler der Vereinigung „Die Gabel“ mit Schulkindern zusammengearbeitet. Unter Anleitung des 2013 verstorbenen Erwin Pohl malte eine zweite Klasse „Luher Fenstergucker“. Mit Kohle und Kreide gestalteten Drittklässler „Zunft- und Wahrzeichen von Luhe“. Beraten wurden sie von dem 1991 verstorbenen Alfred Bierling. Der Anregungen des 2007 gestorbenen Klaus Peter Karl erfreuten sich Fünftklässler beim Thema „Häuser am Luher Marktplatz“. Vor Ort erstellten sie Skizzen von Fassaden und widmeten sich besonders ihrer Tor- und Fensterrahmen. Angetan hatte es ihnen vor allem der Eingang zum Haus Nr. 2. Im Werkraum übertrugen sie die Vorzeichnungen auf Tonplatten. Der Töpfer stand ihnen bei der Ausarbeitung der Reliefs beratend zur Seite. Der 2009 verstorbene Künstler Jorg-Georg Gruber malte mit Sechstklässlern auf große Gipsplatten „Luher Feste im Jahreslauf“. (sef)

Quellen:

Denkmalliste des Freistaats Bayern

Staatsarchiv Amberg, Bezirksamt Neustadt/WN 4990

Homer, Odyssee, XV. Gesang, Vers 318 - 320

Expertise von Dr. Frank Matthias Kammel, Generaldirektor des Bayerischen nationalmuseums. Er ist bekannt durch die BR-Kultsendung „Kunst und Krempel“. (sef)

Ein ganz besonderer barocker Schatz

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