08.07.2021 - 20:41 Uhr
Luppersricht bei HahnbachOberpfalz

Entsetzen über Katzen-Horror: Tot, krank, blind, ansteckend

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Die Nachbarn sprechen von toten, verstörten oder verstümmelten Katzen. Der Tierschutzverein schlägt Alarm, das Veterinäramt weiß Bescheid: In Hahnbach scheint eine Frau die Kontrolle über ihre Katzenhaltung völlig verloren zu haben.

Ingrid Lehner bringt die fremden Katzen aus Mitleid oft selbst zum Veterinär - die eigentliche Besitzerin kümmert sich nicht.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Schenkt man den Nachbarn glauben, dann spielt sich in Luppersricht bei Hahnbach seit mehreren Jahren ein geradezu beispielloses Katzen-Drama ab. Doch damit stehen sie nicht allein: Sabine Falk, die Vorsitzende des Tierschutzvereins Amberg-Sulzbach spricht vom „momentan schlimmsten Fall von Katzenhaltung im ganzen Landkreis“. Was also geht in dem kleinen Dorf vor?

Oberpfalz-Medien haben Anrufe von Nachbarn erreicht, die seit Jahren in ihren Augen untragbare Zustände beobachten. Demnach lebt dort in einem Zweifamilienhaus mit Garten eine arbeitslose Frau mit psychischen Problemen, der circa 30 Katzen zugeordnet werden (Name ist der Redaktion bekannt).

Am Telefon redet Ingrid Lehner (Name geändert, auch bei Bildangaben) Tacheles, die ihren echten Namen keinesfalls in der Zeitung lesen will: „In unserer Nachbarschaft weiß das jeder. Wie es da zugeht, ist kein Geheimnis. Aber ich will anonym bleiben, ich habe Angst um meine Kinder und um meinen Hund“, sagt die Mutter.

Katzenleichen im Teich

Die Katzen der Frau, die für eine Anfrage nicht erreichbar war, sollen Lehner zufolge nicht kastriert sein und sich deshalb jeden Frühsommer unkontrolliert vermehren. Zudem seien sie oft lebensbedrohlich krank, verstört und verletzt. „Eine rennt mit einem abgetrennten Schwanz rum, andere sind total abgemagert und ihre Zunge hängt ständig raus“, sagt die geschockte Nachbarin. Und weiter: „Viele haben Schürfwunden von Kämpfen oder sind blind, weil ihre Augen total zugeeitert sind. Deshalb fallen sie bei uns oft in den Keller, weil sie nichts mehr sehen.“ Ein weiterer Nachbar habe seinen Gartenteich still gelegt und darin drei Katzenleichen entdeckt.

„Die Situation ist hochdramatisch, die Katzen sterben regelmäßig – auch bei uns am Grundstück“, berichtet Lehner. Schon oft habe sie alleine oder mit Anwohnern die sichtlich leidenden Tiere zum Tierarzt Dr. Lukas nach Amberg gebracht. „Dort ist die Katzenseuche festgestellt worden. Die ist übertragbar, auch auf unseren Hund. Wir haben selbst zwei Katzen, lassen die aber nicht mehr raus, damit sie sich nicht infizieren.“

Diese Gefahr ist durchaus gegeben, bestätigt Sabine Falk. Die Chefin des Tierschutzvereins sagt, dass sie bereits vor drei Jahren gemeinsam mit dem Amberger Veterinäramtsleiter Dr. Werner Pilz und weiteren Mitarbeitern in der Wohnung der Halterin gewesen sei. „Wir haben dort mehrere Katzen mitgenommen“, sagt Falk. Aber: „Die Tiere haben ausgeschaut, als hätte sie ein Auto überfahren. Es hat sich dann herausgestellt, dass sie die Katzenseuche haben. Es schockiert mich zutiefst. Ich kann es nicht fassen, dass so ein Tier überhaupt noch lebt.“

Seuchentod im Tierheim

Die Katzen seien im Tierheim Gailoh gelandet und nach wenigen Tagen alle an der virusbedingten Krankheit gestorben. Bei dem Besuch habe sich die Frau aggressiv und teils handgreiflich gezeigt. „Sie ist total uneinsichtig, wir brauchen die Polizei dazu“, so Falk.

Nachbarin Ingrid Lehner hat auch den Eindruck, dass die Frau verwirrt ist. „Sie wirft regelmäßig Dinge in unsren Garten, zum Beispiel Tiefkühlfisch. Vermutlich, weil sie glaubt, dass wir unseren Hund nicht gut versorgen oder weil sie ihm was Gutes tun will.“ Möglicherweise realisiere die Halterin gar nicht, wie schlecht es ihren Tieren geht und dass sie oft noch in jungen Jahren sterben. Allein seit vergangenem Sommer habe Lehner auf eigene Faust zehn Kitten (Katzenbabys) zum Veterinär gebracht. Das aber sei nicht einfach, weil die Tiere verschreckt reagieren und oft Panik hätten. „Sie verstecken sich oft auf unserem Grundstück und suchen ein stilles Örtchen, wo manche dann auch sterben.“

Kater jagen Kitten

Die Nachbarin hat weitere Horror-Geschichten auf Lager: „Eine Katze hat ihr Baby bei uns im Gartenschupfen zurückgelassen. Die streunenden Kater machen Jagd auf sie und fressen die Babys, weil sie ausgehungert sind.“ Lehner will die Öffentlichkeit aufmerksam machen: „Wir können das nicht mehr länger mit anschauen.“

Tierschützerin Sabine Falk sagt, dass Anwohner schon Unterschriften gesammelt und bei Bürgermeister Bernhard Lindner eingereicht hätten. Auch das für solche Fälle zuständige Veterinäramt sei seit Langem informiert und – wie erwähnt – bereits vor Ort gewesen. Doch wirklich geändert habe sich nichts. „Wir wollen den Tieren helfen, seit drei Jahren versuchen wir, etwas zu bewegen, aber es ist bislang nichts passiert“, kritisiert die 49-Jährige.

Veterinäramt soll eingreifen

Dem Tierschutzverein selbst seien die Hände gebunden. „Wir können nicht hoheitlich handeln und einfach Katzen holen. Die Frau ist nicht kooperativ, wir würden uns strafbar machen.“ Zudem komme hinzu, dass die Halterin oft abstreite, dass die Tiere überhaupt ihr gehörten, obwohl dies klar sei.

Ein weiteres Problem seien die exorbitanten Kosten in solch dramatischen Fällen. Falk drängt auf eine amtliche Beschlagnahmung. Dann würde das Veterinäramt auch die Kosten tragen. Die tierärztliche Behandlung, das Entlausen, die Medikamente, die Unterbringung – die Versorgung der Luppersrichter Katzen würde Falks Schätzungen zufolge circa 30 000 Euro kosten. „Uns als Verein würden solche Kosten ruinieren.“

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Hintergrund:

Die Reaktion des Veterinäramts

  • Während der Recherchen zu diesem Artikel erreichte die Redaktion die Nachricht, dass Mitarbeiter des Veterinäramts Amberg am Mittwoch, 7. Juli, in Luppersricht waren.
  • Bei einem Vor-Ort-Besuch sollen vier Katzen mitgenommen worden sein. Ob es sich dabei um eine amtliche Beschlagnahmung oder eine freiwillige Abgabe gehandelt hat, ist noch nicht klar.
  • Der Behörde liegt ein Fragenkatalog vor – unter anderem dazu, wie im Falle der verwahrlosten Katzen weiter verfahren wird, ob Rechtsverstöße festgestellt, Strafen verhängt wurden und warum nicht früher und umfangreicher eingegriffen wurde.
  • Bis Redaktionsschluss sind noch keine Antworten eingegangen. Sobald möglich, wird in den kommenden Tagen über neue Entwicklungen berichtet.
Kommentar:

Entsetzliches Katzenleiden in Luppersricht nicht weiter dulden

Mit solchen geradezu reißerischen Begriffen wie „Horror“ oder „Drama“ sollten zur Neutralität verpflichtete Journalisten äußert sparsam hantieren, das ist mir bewusst. Im selten dramatischen Fall von Tierleid in Luppersricht ist das aber nötig. Andere Formulierungen kämen geradezu einer Verharmlosung der dortigen Zustände gleich.

Die hier abgebildeten Fotos sind sorgsam zurückhaltend ausgewählt – sie zeigen nur einen Bruchteil der Verletzungen. Von Nachbarn wurden unserer Redaktion Aufnahmen zugespielt, die selbst Hartgesottene entsetzen müssen: Einem komplett verlotterten Wesen mit verklebtem, lichtem Fell – als Katze kaum mehr zu identifizieren – quillt darauf ein gelblicher Tumor circa zwei Zentimeter aus der linken Augenhöhle. Aus presseethischen Gründen haben wir dieses und zahlreiche ähnliche Fotos nicht gedruckt.

Der Anblick der Tiere mit solchen Verletzungen ekelt an und schockiert. Dass dieses Tierleid seit Jahren bekannt ist und dennoch nicht wirklich durchgegriffen wird, ist zum einen den Anwohnern schwer vermittelbar, zum anderen, allem Anschein nach, auch rechtlich fragwürdig. Die Nachbarn haben schon vor Jahren die Gemeinde, Polizei und Veterinäramt informiert. Nun wenden sie sich an die Öffentlichkeit – mit der Hoffnung, dass sich endlich etwas ändert.

Von Tobias Gräf

„Es schockiert mich zutiefst. Ich kann es nicht fassen, dass so ein Tier überhaupt noch lebt.“

Sabine Falk, Vorsitzende des Tierschutzvereins Amberg-Sulzbach

Sabine Falk, Vorsitzende des Tierschutzvereins Amberg-Sulzbach

 

 

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