Oberpfälzer Pfleger warnen: "Wir werden immer die Verlierer sein"

Der Pflegebevollmächtige der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, referiert in Kastl leidenschaftlich über Pflege. Dann ist die Oberpfälzer Pflegebranche am Zug - sie hat einiges zu kritisieren.

Andreas Westerfellhaus, der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, zeigt in Kastl ein Plakat der neuen Pflegekampagne.
von Julian Trager Kontakt Profil

Es gibt wahrscheinlich schönere Termine im Kalender von Andreas Westerfellhaus als das Fachgespräch über Pflege in Kastl (Kreis Amberg-Sulzbach). Dort musste er sich von der Oberpfälzer Pflegebranche einiges anhören - Lob war nur einmal dabei.

Alois Karl, der Bundestagsabgeordnete für Amberg, hatte zu dem Gespräch eingeladen, Leiter von verschiedenen Einrichtungen folgten der Einladung. Die Basis also, die sonst eher selten mit der großen Politik in Berührung kommt. Westerfellhaus ist der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung. Jetzt, in Kastl, bekam er mit, was die Oberpfälzer Pfleger belastet.

Die pflegenden Angehörigen würden nicht einbezogen in die Reformarbeit, hieß es etwa. Die Bürokratie sei viel zu hoch, bis zu 20 Seiten für einen Antrag kosteten zu viel Zeit für Menschen, die diese Zeit eigentlich zum Pflegen anderer bräuchten. Die Bezahlung der Pfleger sei zu niedrig, Gesellschaft und Politik schätzten die Branche zu wenig. "Merkel sollte einmal eine Altenpflegermesse eröffnen", sagte ein Seniorenheimleiter. Und natürlich fehle es an Personal. Schätzungen zufolge fehlen in den kommenden Jahren immer mehr Fachkräfte, im günstigsten Fall 100 000, im schlimmsten eine Million. "Es ist 15 nach 12", warnte der Mann. "Das Ding fällt uns dermaßen auf die Füße." Der Leiter einer Behinderteneinrichtung sagte mit Blick auf die zahlungskräftigere Konkurrenz aus der Wirtschaft: "Wir werden immer die Verlierer sein." Applaus.

Man merkt, dass Staatssekretär Westerfellhaus zwiegespalten ist. Einerseits muss er die Entscheidungen der Politik verteidigen, er steckt ja selbst mit drin. Andererseits kennt er die Probleme. Er kommt selbst aus der Branche, startete seine Karriere in den 70er Jahren selbst als Altenpfleger und redet in seiner Rolle als Pflegebevollmächtigter viel mit den Menschen vor Ort. Als "Seismograph in den Ländern" bezeichnete sich der Staatssekretär selbst. Er hört viel zu und will daraus Schlüsse ziehen, die Dinge verbessern.

Viele Reformen und Vorschläge

In seinem mehr als einstündigen Vortrag referierte Westerfellhaus leidenschaftlich über den aktuellen Zustand der Pflege in Deutschland. Fazit: Es gebe viele Probleme - aber Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und er seien daran, diese zu lösen. Er selbst habe viele Vorschläge eingereicht, gerade erst die Neuaufstellung der Kurzzeitpflege. Seit längerem fordert er einen "Pflege-Co-Pilot". Spahn drückte seit Monaten kräftig aufs Gaspedal, was Reform angeht. Erst kürzlich eröffnete der Minister die Deutsche Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe, durch die ausländische Pflegekräfte einfacher und schneller eingestellt werden können. Zudem soll eine großangelegte Werbekampagne im nächsten Jahr anlaufen - Vorbild sei die Bundeswehr, so Westerfellhaus.

Den Pflegenotstand könne die Politik allein allerdings nicht beenden. Auch die Gesellschaft müsse dabei sein - selbst dann, wenn auch Kosten auf sie zukommen. "Da ist es aber dann schnell vorbei mit der Solidarität", meinte der Staatssekretär.

Am Ende der Diskussion bekam Westerfellhaus Lob von einem Klinikleiter. Er mache einen guten Job. Und die Chefin eines ambulanten Pflegedienstes fand: "Wir dürfen nicht nur schimpfen und jammern, wir müssen uns auch besser darstellen." Argumente gebe es genug: "Wir haben einen tollen, krisenfesten Job. Und der macht Spaß."

Pflege genauso wichtig wie Klimawandel:

Viele Reformen, aber die Basis ist trotzdem extrem unzufrieden. Wie kommt’s?

Andreas Westerfellhaus: Die Menschen vor Ort erwarten natürlich Lösungen, die jetzt sofort greifen. Aber komplexe Lösungen entwickeln in einer derzeitigen Situation braucht politische Meinungsbildung. Ich bin dafür zuständig, das in die Große Koalition mit hineinzubringen. Das braucht viel Überzeugungsarbeit. Es gibt eine Idee, eine Diskussion in Ausschüssen, einen Referentenentwurf und ein Gesetzgebungsverfahren. Dann muss es in die Veröffentlichung gehen. Ja, leider Gottes dauert es, bis es vor Ort wirkt.

Ist das Thema Pflege genauso wichtig wie der Klimawandel?

Andreas Westerfellhaus: Ich finde ja. Der Klimawandel hat ja jetzt eine ganz andere Präsenz. Aber es muss die gleiche Präsenz haben. Kaum ein Mensch ist nicht mittel- oder unmittelbar vom Thema Pflege betroffen.

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