15.09.2020 - 15:19 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Alte Glasschleif in Marktredwitz wird zum Kulturtreff

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Derzeit beherrscht ein riesiges Gerüst die alte Marktredwitzer Glasschleif. Das Dach wird isoliert und erhält große Glasflächen. Die Akustik wird für Veranstaltungen optimiert.

Inka-Maria Zeis technische Oberinspektorin von der Unteren Denkmalschutzbehörde, Architektin Dagmar Troglauer, Projektleiter Alexander Rieß und Daniela Pöhlmann von der Stadtentwicklungs- und Wohnungsbaugesellschaft (Stewog) sowie Martina Prucker von der Bauverwaltung der Stadt Marktredwitz (von links) freuen sich schon jetzt auf die erste Kulturveranstaltung in den historischen Hallen der Marktredwitzer Glasschleif.
von DTRProfil

Um das Dach der alten Marktredwitzer Glasschleif sanieren zu können, muss ein riesiges Gerüst in den kommenden Wochen durch die Halle wandern. Drei Bauabschnitte sind nötig, um die alte Dachkonstruktion zu entfernen und sie gegen einen modernen, akustisch optimierten und lichtdurchfluteten Aufbau zu ersetzen. Die alten Stahlträger werden restauriert und bleiben somit erhalten. Durch die neue großflächige First-Verglasung in gut 14 Metern Höhe fällt zukünftig mehr Licht in die Kulturhalle. Nach der geplanten Fertigstellung im vierten Quartal 2022 sollen hier große Veranstaltungen stattfinden. Mit 3300 Stehplätzen oder 1600 Sitzplätzen wäre eine bunte Mischung kultureller Angebote möglich.

Theater, Konzerte, Märkte

„Denkbar sind beispielsweise größere Konzerte, Gastspiele von Theaterbühnen, Kabarett, Kunst- und Projekt-Ausstellungen, Symphoniekonzerte oder Märkte“, sagt Claudia Hiergeist, die Leiterin der Pressestelle der Stadt Marktredwitz. Wegen der enormen Größe sei das Gebäude bei schlechtem Wetter auch eine mögliche Alternative für Veranstaltungen, die normalerweise draußen stattfinden würden. Selbst Film-Dreharbeiten seien hier möglich.

Vorher gibt es aber noch eine Menge Arbeit: „Trotz der Modernisierung soll der Industriecharakter der Halle erhalten bleiben. So werden die alten Musterfenster bewahrt und nur isoliert und mit Schallschutz versehen“, erklärt Alexander Rieß, Projektleiter von der Stadtentwicklungs- und Wohnungsbaugesellschaft (Stewog). Parallel zur Dachsanierung gehe es auch im Talgeschoss mit den Arbeiten weiter. „Hier entstehen Sanitäranlagen, Künstlerumkleiden, Technikräume, Treppenhäuser und ein Aufzug.“ Natürlich müsse auch die komplette technische Infrastruktur auf den aktuellen Stand gebracht werden. „Bevor die Bodenplatten erneuert werden können, werden Wasser- und Abwasserleitungen sowie zahlreiche Kabelkanäle verlegt.“

Weil der „Tag des offenen Denkmals“ an diesem Sonntag coronabedingt ohne die gewohnten Rundgänge durch Marktredwitz stattfinden muss, hat sich die Stadt etwas Besonderes überlegt: Unter www.stewog.de können die Seitenbesucher ein Video zum Thema „Glasschleif früher – heute – künftig“ bestaunen. Oberbürgermeister Oliver Weigel erzählt darin von der spannenden Geschichte der Glasschleif.

Heute nicht mehr vorstellbar

„Unsere Glasschleif, die 1912 erbaut wurde, zählt zweifellos zu den national wertvollen Kulturdenkmälern in Deutschland. Sie ist zwar heute ein imposantes Baudenkmal, hat aber seinerzeit als Industriebetrieb der Fürther Unternehmerfamilie Bendit maßgeblich zur Entwicklung der Kulturlandschaft in Marktredwitz und der Region beigetragen“, erklärt der Oberbürgermeister im Film. „Im Jahre 1928, zur Hochzeit der Glasschleif, arbeiteten hier rund 300 Beschäftigte an der Glasherstellung bis hin zur Veredelung zum fertigen Tafel- oder Spiegelglas. Was mich immer wieder beeindruckt, ist die – wegen des Produktionsablaufs so geplante – stützenfreie Überbrückung der großen Spannweite des Daches. Solch großartige Bauweisen sind heute schlicht nicht vorstellbar und kaum bezahlbar. Von außen wirkt die Glasschleif aktuell ja eher unscheinbar. Wenn man dann jedoch die Ausmaße von 69 Mal 33 Meter und die Deckenhöhe von 14 Metern nimmt, kommt man auf rund 50 000 Kubikmeter umbauten Raum. Das heißt, in der Halle hätten zirka 68 Einfamilienhäuser Platz. Und das zeigt dann doch sehr deutlich die unglaubliche Dimension des Gebäudes.

2500 Einwohner, 15 Industriebetriebe

Die große Zahl an Arbeitskräften und deren Familien musste erstmal untergebracht werden. Daher wurde in direkter Nähe ein großer Wohnblock am heutigen Glashüttenweg errichtet, der in den Jahren 1994/1995 saniert wurde und noch heute als Wohnanlage dient. Wegen der damaligen Großfamilien kommt man zur Blütezeit 1928 auf rund 1800 Hütterer. Um diese Bedeutung zu erkennen, muss man gegenüberstellen, dass Marktredwitz 1887 nur rund 2500 Einwohner, aber sage und schreibe 15 Industriebetriebe hatte. Die „Hütterer“ waren eine Gesellschaftsklasse für sich – mit wirklich gutem Selbstbewusstsein. Es gab zum Beispiel einen eigenen Sportverein oder einen Taubenzuchtverein.

Ich persönlich freue mich schon jetzt auf eine möglichst bunte Mischung kultureller Veranstaltungen. Ich bin überzeugt, das wird richtig toll!

Oberbürgermeister Oliver Weigel

Für die Familie Bendit war der Standort in Marktredwitz sicher wegen der Nähe zum Bahnhof sowie zum Gaswerk von Vorteil. Ab 1927 machten es neue, kostengünstigere Produktionstechniken aus den USA, aus Frankreich und Belgien immer schwerer, auf dem Weltmarkt zu bestehen. Der Markt wurde mit günstigem Flachglas überschwemmt.

Auch der aufkommende Nationalsozialismus machte es jüdischen Unternehmern schwer, eine unternehmerische Perspektive zu sehen. 1931 meldete die Firma der Regierung von Oberfranken, dass der Betrieb wegen Auftragsmangels teilweise stillgelegt werden müsse. 1932 wurde die Fabrikationsanlage dann ganz aufgegeben – ein herber Schlag für Marktredwitz.

1983 wurde dann endgültig Konkurs angemeldet. Im gleichen Jahr kaufte die Stewog das Gelände und nutzte es ab 1984 als Provisorium für die Unterbringung des städtischen Bauhofs. Eine Sanierung war ja für die Stadt Marktredwitz lange Zeit weder denkbar noch finanzierbar. Und es waren viele Gespräche und viele engagierte Personen nötig, um dank verschiedener Fördergeber nun das Wachküssen der wunderschönen Halle angehen zu können. Das Talgeschoss wurde bereits entkernt und der baufällige Nordflügel abgebrochen. Nun beginnt die Sanierung.“ Der Oberbürgermeister abschließend: „Ich persönlich freue mich schon jetzt auf eine möglichst bunte Mischung kultureller Veranstaltungen. Ich bin überzeugt, das wird richtig toll!“

Ein Ehrenplatz in der sanierten Glasschleif ist für eine besondere Maschine vorgesehen

Marktredwitz

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