17.05.2021 - 11:17 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Fenster der Glasschleif teurer als gedacht

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Der Prototyp ist jetzt gesetzt. Er kostet allerdings 19.000 Euro. Insgesamt wären 40 Fenster zu restaurieren. Ein Drittel des Dachs der Glasschleif ist mittlerweile fertig und sorgt für einen Wow-Effekt.

Projektleiter Alexander Rieß (links) und Architekt Uwe Gebhard vom Büro Kuchenreuther sind begeistert davon, wie sich die Halle im ersten Drittel, das bereits saniert ist, präsentiert. Die Holzdecke bleibt sichtbar, ebenso die metallenen Verstrebungen, die frisch überarbeitet worden sind.
von Autor FPHProfil

Auch wenn der Himmel grau verhangen ist, fällt helles Licht in die alte Glasschleif. Jetzt, wo das Gerüst in die Mitte verschoben worden ist, bahnt sich das Licht seinen Weg durch die neuen, viel größeren Glasgiebel in das 80 mal 45 Meter große Industriedenkmal. Beim Blick zur Decke lässt sich schon jetzt erahnen, welch geniale Kulturhalle in der städtebaulichen Dominante im Herzen von Marktredwitz entsteht. Auch der Prototyp eines Fensters ist eingesetzt – allerdings zu einem Preis, den die Stadt so nicht im Fokus hatte: 19.000 Euro.

Das erste Drittel des Dachs ist geschafft. „Die Holzdecke bleibt sichtbar“, erklärt Projektleiter Alexander Rieß, während an allen Ecken des mächtigen Gebäudes eifrig gewerkelt wird. „Sieben Firmen sind gerade bei der Arbeit“, ergänzt Architekt Uwe Gebhard, der für das Architekturbüro Kuchenreuther die Bauleitung hat. Die stählernen Träger, die aus dem Baujahr 1912 stammen, sind im ersten Abschnitt gebürstet und mit Öl eingelassen, um die nächsten Jahrzehnte zu überdauern. „Der rostige Eindruck ist gewollt“, verdeutlicht Gebhard.

Begeistert inspizieren er und Rieß das erste Fenster, das eine Spezialfirma aus Paderborn eingesetzt hat. Klares Glas zwischen den Rahmen wechselt an manchen Stellen mit Milchglas ab. „Der Charakter soll so erhalten bleiben“, verdeutlicht der Projektleiter. Bei dem ersten Fenster handelt es sich um einen Prototypen, der satte 19.000 Euro gekostet hat. Warum so viel, das erklärt Architekt Gebhard: „Bei den Rahmen handelt es sich um Steckverbindungen. Und ohne diese zu zerlegen, könnte man den Rost, der sich auch im Innern angesetzt hat, nicht abbürsten.“ Daher musste das große Fenster erst einmal entglast – „dabei ist einiges zu Bruch gegangen“ – und dann in sämtliche Einzelteile zerlegt werden. Nach der Reinigung hat die Firma, die auch Kirchenfenster restauriert, neue Glasscheiben eingesetzt.

"Die Fenster sind nun mal ein wesentlicher Bestandteil dieses Gebäudes.“

Projektleiter Alexander Rieß

Alexander Rieß weiß wohl, dass die hohen Kosten Kritik hervorrufen. „Immerhin müssen wir 40 dieser Fenster erneuern.“ Ursprünglich seien einmal 250.000 Euro für alle Fenster angesetzt gewesen. Das wären 6250 Euro pro Stück. Würde der Prototyp jetzt in Serie gehen, „kommen wir vielleicht auf 15.000 Euro pro Fenster“, meint Rieß.

Er und Architekt Gebhard favorisieren das Musterfenster – und bei dessen Anblick kann man die beiden durchaus verstehen. Es gebe auch Alternativen, sagt der Projektleiter, die zwar günstiger seien, allerdings den Charakter des Industriedenkmals nicht so recht widerspiegelten. „Die Fenster sind nun mal ein wesentlicher Bestandteil dieses Gebäudes.“ Demnächst werde man das Thema mit der Denkmalschutzbehörde diskutieren, kündigt Rieß an. „Die Entscheidung muss letztlich Oberbürgermeister Oliver Weigel oder der Stadtrat treffen.“ Denn vor dem Ausbau des ersten Fensters habe man nichts von den Steckverbindungen der Rahmen geahnt. Würde man die Fenster nicht ausbauen und nur oberflächlich sanieren, könnten die Gläser in den nächsten Jahren herausfallen, vermutet Architekt Gebhard, weil der Kitt bröckle. „Unterm Strich käme die Sache dann teurer.“ Vor die Fenster werde später innen noch einmal eine Verglasung gesetzt, „damit wir den Schall- und Wärmeschutz erreichen“.

Momentan haben die Gerüstarbeiter den Arbeitsplatz in die Mitte der Glasschleif gerückt. „Es ist prima, dass wir für die neuen Oberlichter mit der Firma Lamilux ein einheimisches Unternehmen bei der Sanierung haben“, freut sich Alexander Rieß. „Den mittleren Block schaffen wir wahrscheinlich bis August“, schätzt er. „Bis Jahresende wollen wir das Dach dicht haben“, fügt Gebhard hinzu. Bis alle 40 Fenster gesetzt sind, werde es auf jeden Fall 2022.

Das Haupt-Treppenhaus – es gibt auch noch ein Flucht-Treppenhaus – steht bereits, der gläserne Aufzug könne ebenfalls bald eingesetzt werden. Auch im Untergeschoss wird eifrig gearbeitet, buddeln sich kleine Mobile durch den Grund, um das Fundament zu schaffen, auf dem künftig die alte Dampfmaschine ihren Platz finden wird. Auf der anderen Seite unten stehen bereits die Mauern für die Künstler-Umkleiden, ebenso für das Besucher-WC. „Wir werden hier auch Büroräume und die Technik unterbringen“, kündigt Projektleiter Rieß an.

Eine Dampfmaschine aus Tirschenreuth findet in der Glasschleif ihren Platz

Marktredwitz

Am Nordflügel, der zum Großteil abgerissen worden ist, werden im Parterre gerade neue Wände hochgezogen. „Die Seite soll genauso aussehen wie der Südflügel“, verrät Alexander Rieß. Und hier an der Nordseite, wo man auf die Parkplätze von Scherdel blickt, soll der Haupteingang für die neue Kulturhalle entstehen. Weil das Dach an dieser Stelle ziemlich marode ist, wird es gerade von Facharbeitern abgetragen. Sie ziehen momentan ein hölzernes Zwischendach ein. „Später wird hier einmal eine große gläserne Pforte den Eingangsbereich bilden.“

Schon jetzt kann man sich vorstellen, welch vielfältige Möglichkeiten die alte Glasschleif bieten wird. Ginge es nach Alexander Rieß, würde zur Eröffnung 2023 Led Zeppelin spielen. Doch ob die 1980 aufgelöste Band noch einmal zusammenfindet, ist mehr als fraglich. Das letzte Wörtchen über das Programm wird wohl der Stadtrat haben.

19.000 Euro kostet die Restaurierung eines Fensters, wenn man die alten Sprossen komplett überarbeitet.
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