Was wäre gewesen, wenn es im Dritten Reich schon Computer und den gläsernen Menschen gegeben hätte? Mit dieser Frage beschäftigt sich der deutsche Bestseller-Autor Andreas Eschbach ("Das Jesus-Video") in seinem Nazi-Thriller "NSA". Das Buch zählt zu der ausgewählten Literatur, die Chefin Maria Rupprecht in der gleichnamigen Buchhandlung in Marktredwitz beim Wein-Leseabend vorstellt. Der Ansturm der Lese-Freunde ist enorm: Immer wieder müssen die Mitarbeiter Stühle heranschleppen für über 150 Besucher.
Was die Nazis aus der totalen Vernetzung machen, und wie sie Big Data für die "Endlösung", also die Ermordung aller Juden, nutzen, das erzählt Eschbach auf knapp 800 Seiten. Eine durchaus beklemmende Lektüre, die Maria Rupprecht als "beunruhigend und fesselnd zugleich" beschreibt. Erfreulicher als dieses düstere Kapitel der Geschichte ist ihr Tipp "Die Verwandlung der Dinge", wo der Leser eine Zeitreise in die jüngste Vergangenheit von 1950 bis morgen unternimmt. "Opa, wie seid ihr denn damals ins Internet gekommen, als es noch keinen Computer gab?", fragt der Enkel in Bruno Preisendörfers Buch.
Es ist eine "ganz subjektive Auswahl", keine Orientierung an der Bestseller-Liste, die Maria Rupprecht, Julia Benkhardt und Jörg Stifter vorstellen. Bücher, die sie begeistert haben. "Ans Meer" etwa ist eine Lektüre mit Leichtigkeit und Tiefe, humorvoll und melancholisch zugleich. Ein konservativer Busfahrer springt über seinen Schatten und fährt mit Annika und ihrer krebskranken Mutter, die noch einmal ans Meer möchte, einfach los.
"Manchmal blutig, manchmal sehr blutig" geht es in Lindsey Fitzharris' "Der Horror der frühen Medizin" zu. Der Protagonist ist ein Arzt, der 1846 dabei ist, als ein Patient erstmals mit Äther betäubt wird. Vorher wird im Sekundentakt gnadenlos ohne Narkose amputiert. Nichts für schwache Gemüter.
Das scheint auch in Julia Benkhardts Empfehlung "Vox" der Fall zu sein. "Pro Tag spricht der Mensch etwa 16 000 Wörter. Hier sind nur 100 pro Tag erlaubt." Alle Frauen werden entmündigt, müssen ein Armband tragen, das ihnen mit jeder überzogenen Silbe einen Stromschlag versetzt. "Lassen Sie sich verwirren", empfiehlt die Buchhändlerin den Titel "Das Buch der Spiegel", in dem 1987 ein Ermordeter in seiner Wohnung gefunden wird. 25 Jahre später wird in der Sache erneut ermittelt - und jeder Zeitzeuge erzählt eine komplett andere Geschichte.
"Und es schmilzt" lautet der Tip von Jörg Stifter. In den verkorksten Verhältnissen geht es über die Scham- und Schmerzgrenzen hinaus, "ohne plump zu werden". Stifter kann das "Lese-Gefühl körperlich spüren". Im nächsten Buch entführt er in "eine Welt, in der es keine Verschnaufpause vom Grauen gibt". Nami heißt der Protagonist in Bianca Bellovás Geschichte "Am See". Er lebt in der Sowjet-Zeit in einer Welt von Naturzerstörung. "Das Buch zeigt in glasklarer Sprache auf, wie sich der Umgang mit einer Landschaft in die Körper der Menschen schleicht", beschreibt Stifter.
Autor Erling Kagge nimmt in "Stille", einer Empfehlung von Maria Rupprecht, den Leser mit zum Südpol, zum Nordpol und auf den Mount Everest. "50 Tage verbringt er mutterseelenallein in der Antarktis, nachdem er sich mit dem Flugzeug hat absetzen lassen. Die Batterien aus seinem Funkgerät nimmt er vorher raus."
"Manchmal muss alles niederbrennen, damit man von vorn anfangen kann", verweist sie auf "Kleine Feuer überall". Celeste Ng entführt in eine amerikanische Vorstadt, wo alles geregelt und gepflegt scheint. Doch da gibt es ein schwarzes Schaf, die jüngste Tochter einer Familie. Und die ist plötzlich verschwunden, nachdem das Elternhaus abgebrannt ist.
Seine Bücher wurden verbrannt im Dritten Reich: Erich Kästner hat von 1941 bis 1945 ein geheimes Kriegs-Tagebuch geführt, das viele Jahre später auftaucht. Es ist in blaues Leinen eingeschlagen, weshalb es der Kästner-Biograf Sven Hanuschek unter dem Titel "Das Blaue Buch" herausgegeben hat. Maria Rupprecht ist gefesselt von den Notizen: "Es gibt einen guten Einblick ins Alltagsleben während der Diktatur."
Mit der Empfehlung, doch öfter mal zu Erich Kästner zu greifen, lädt die Chefin der Buchhandlung zum Wein, während sich die große Besucherschar munter in Bücher vertieft, Gedanken austauscht und schon das ein oder andere Weihnachtsgeschenk mit nach Hause nimmt.









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