„Erfolgsgeschichte“ nennt das Klinikum Fichtelgebirge das Schlaganfall-Netzwerk mit Telemedizin in Nordbayern (Steno). Seit dem Start 2007 ist das Haus Marktredwitz dabei. Allein in den ersten zehn Jahren seien bereits über 3000 Schlaganfallpatienten in Marktredwitz behandelt worden, 25.000 im gesamten Netzwerk. Fraglich ist, ob kleinere Häuser wie das in Marktredwitz Schlaganfallpatienten dauerhaft weiter Soforthilfe auf dem bisherigen Niveau bieten können. Denn die Zielvorgaben für einen finanziellen Ausgleich würden immer anspruchsvoller, sagt Geschäftsführer Martin Schmid.
Heute kooperierten im Steno-Netzwerk 18 Kliniken, die sich keine eigene neurologische Fachabteilung leisten können, telemedizinisch mit überregionalen Schlaganfallzentren in Bayreuth, Erlangen und Nürnberg. Da spezialisierte Schlaganfall-Einheiten – Stroke-Units – zu weit entfernt seien, untersuchten Neurologen per Videokonferenz die Marktredwitzer Patienten schnell und wohnortnah, erklärt der Chefarzt der Medizinischen Klinik, Dr. Bertram Krüger. Ein Internist aus dem Marktredwitzer Klinikum unterstütze die zugeschalteten Experten. Ein spezialisiertes Team aus Ärzten, Pflegekräften sowie Physio-, Ergo- und Logotherapeuten betreue die Patienten in jedem Krankenhaus des Netzwerks auf eigens eingerichteten Schlaganfall-Stationen weiter. Auch die nötigen Geräte hielten die Kliniken vor.
Diese Zusatz-Investitionen vergüteten die Krankenkassen zunächst mit einer Komplexpauschale in Höhe von 1100 Euro pro Schlaganfall-Patient. Doch obwohl der Großteil der Betroffenen weiterhin ohne Verlegung ausschließlich im Klinikum Fichtelgebirge therapiert werde, verweigerten die Krankenkassen seit 2014 die Bezahlung dieses Fixums, sagt Geschäftsführer Schmid. Grund sei, dass ein kleiner Baustein in der ellenlangen Anforderungs-Kette für die Zertifizierung fehle: Das Haus Marktredwitz könne keine neurologische Visite an sieben Wochentagen garantieren – manchmal müsse diese am Samstag oder am Sonntag ausfallen, da es zu wenig Fachärzte in der Region gebe. Dieses kleine Stück, „das nichts an der medizinischen Qualität, der Patientenversorgung und den Zusatz-Kosten für das Schlaganfall-Netzwerk ändert“, führte zur Streichung der kompletten Summe, ärgert sich Schmid.
Ab sofort müssen jedoch viele weitere Kliniken ebenfalls ohne diese Pauschale auskommen. Denn nachdem das Bundessozialgericht sich für eine strengere Regelung der Transport-Frist ausgesprochen hat, geht der Abrechnungs-Kampf zwischen Kassen und Kliniken in die nächste Runde. Experten der deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) und der Schlaganfall-Hilfe warnen jetzt davor, dass die Richter mit ihrem Urteil die vorbildliche Qualität der Schlaganfallversorgung in Deutschland gefährden könnten. Bisher erhielten Krankenhäuser eine zusätzliche Vergütung, wenn sie schwer betroffene Schlaganfall-Patienten in 30 Minuten in eine Stroke-Unit transportieren konnten, erklärt DSG-Vorsitzender Professor Armin Grau. Nun gelte das Zeitlimit bereits ab der Entscheidung des Arztes, den Patienten zu verlegen, und ende mit der Übergabe in der Spezialklinik. Häuser, die dies nicht rund um die Uhr gewährleisten könnten – unabhängig von der medizinischen Notwendigkeit – dürften keine Komplett-Behandlung mehr abrechnen.
Doch es sei für Krankenhäuser in ländlichen Regionen wie in Ballungsräumen schwierig, dieses neue Zeitlimit zu erfüllen, weiß auch die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml – selbst Medizinerin. Deshalb hat sie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn um eine Änderung des Kriterienkatalogs gebeten. Martin Schmid will mit anderen Klinik-Chefs gegen das aktuelle Urteil vorgehen – obwohl es sein Haus nicht betrifft, da Marktredwitz bereits 2014 aus dem Raster gefallen sei. Zu hoffen bleibt, dass die Gesundheitsministerin ihr Versprechen hält: „Mit aller Kraft“ will sie sich dafür einzusetzen, dass die „im Freistaat bestehende qualitativ hochwertige Schlaganfallversorgung erhalten wird“.
In Deutschland erleiden jährlich etwa 270.000 Menschen einen Schlaganfall, etwa ein Drittel stirbt innerhalb eines Jahres. Laut Informationen des Klinikums Fichtelgebirge braucht rund die Hälfte der Überlebenden dauerhaft Hilfe, 15 Prozent leben in einer stationären Pflegeeinrichtung. Nach Krebs- und Herzerkrankungen ist der Schlaganfall dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Rascher Behandlungsbeginn ist oberstes Gebot. Treten Symptome wie Lähmungen, Taubheitsgefühle, Sprach- oder Sehstörungen, Schwindel und Gangunsicherheit oder plötzliche heftige Kopfschmerzen auf, sollte sofort der Notarzt unter der Telefonnummer 112 verständigt werden. Auch wenn die Beschwerden schnell verschwinden, sollten Betroffene umgehend eine Klinik aufsuchen.
Unter dem Titel „Zeit ist Hirn“ veröffentlicht die Ärztezeitung Meinungen zu dem umstrittenen Urteil, das Kliniken die Kassen-Pauschale nur zugesteht, wenn Diagnose und Transport des Patienten ins Schlaganfall-Zentrum in 30 Minuten erledigt sind. Ein Kommentar fordert, die Organisationsstruktur zu überdenken. Es mache bei Kapazitätsproblemen wenig Sinn, „durch rechnerische“ Zeitangleichung die reale Schädigungszeit des Gehirns verkürzen zu wollen“. Ausgedünnte Rettungswachen und Notarztstandpunkte führten zwangsläufig zu verlängerten Reaktionszeiten. Statt den aktuellen Verteilungskampf zu unterstützen, sollten sich die Verantwortlichen primär als „Unterstützung für die unter Sauerstoffmangel leidenden Gehirne“ verstehen, heißt es in der Ärztezeitung.













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