27.05.2020 - 10:14 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Krippenfiguren erwachen zum Leben

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Die alte Tradition des Krippenschauens erhält durch "Virtual Reality" eine neue Dimension. Ende des Jahres soll es im Egerland-Museum in Marktredwitz soweit sein.

Auf einer Drehscheibe werden die Figuren aus allen Perspektiven fotografiert.
von Autor FPHProfil

Die Zukunft des Krippenschauens hat begonnen - und zwar, wie sollte es anders sein, in Marktredwitz. Die Große Kreisstadt ist weit über die Region hinaus bekannt für ihren Krippenweg und ihre immer noch aktiven "Kripperer", die die alte Tradition pflegen. Hier, im Egerland-Museum, entsteht nun die erste virtuelle Landschaftskrippe weit und breit. Wenn alles wie geplant läuft, dann werden sich Besucher bereits in der kommenden Vorweihnachtszeit mit Hilfe der Virtual-Reality-Technologie eine eigene Landschaftkrippe zusammenstellen und mit einer VR-Brille auf dem Kopf quasi in ihr spazieren gehen können - auf Augenhöhe mit der Heiligen Familie, den Hirten und den zahlreichen volkstümlichen Figuren, für die die Marktredwitzer Krippen so bekannt sind, und die dann gewissermaßen zum Leben erwachen.

Damit dies alles wie geplant funktioniert, sind umfangreiche Vorarbeiten notwendig. Was da genau geschieht, erläuterten jetzt Museumsleiter Volker Dittmar und der Wunsiedler Filmemacher und Produzent Stefan Frank bei einem Pressegespräch mit Oberbürgermeister Oliver Weigel.

Frank kümmert sich nicht nur um die technische Umsetzung, er hatte auch die Idee, eine virtuelle Krippe zu erschaffen. Als Junge sei es für ihn immer faszinierend gewesen, die Familienkrippe mit Rawetzer Tonfiguren aufzubauen, berichtet er. Wenn man sich komplett ausgestaltete Krippen anschaue, falle der kreative Akt des Aufbauens allerdings weg. In der virtuellen Krippe komme er nun wieder hinzu.

Und mit der neuen Technologie sei es leichter, auch Jugendliche wieder an die Krippentradition heranzuführen, ergänzt Museumsleiter Dittmar, der sofort von Franks Idee begeistert war. Schließlich wolle man mit innovativen Projekten den Besuchern digitale Wege ins Museum eröffnen - wie zum Beispiel mit der Museums-App, die im Jahr 2013 entwickelt wurde.

Die virtuelle Krippe wird nun ein weiterer Schritt sein. Seit gut zwei Jahren gärt die Idee in den Köpfen von Frank und Dittmar. Mithilfe einiger Geldgeber - die Leader-Aktionsgruppe Sechsämterland Innovativ, Sparkasse Hochfranken, Oberfranken-Stiftung - und mit einem Eigenanteil der Stadt wurde das rund 80 000 Euro teure Pilotprojekt "Die virtuelle Marktredwitzer Landschaftskrippe" auf den Weg gebracht.

Stefan Frank und eine Mitarbeiterin haben 100 der rund 2400 Figuren aus dem Museums-Fundus aus möglichst vielen Perspektiven fotografiert. Rund 30 000 Bilder sind bislang entstanden. Aus den Einzelbildern werden mit Hilfe einer entsprechenden Software dreidimensionale Figuren geschaffen, die man auf dem Computer-Bildschirm beliebig vergrößern und dadurch an ihnen Details entdecken kann, die man bislang nicht erkannte. Dies sieht Museumsleiter Dittmar ebenso als schönen Nebenaspekt wie die optimale Archivierung.

Gebäude, Steine, Moos - ganze Landschaftsteile werden noch digitalisiert. In die kann man dann die Figuren stellen und sich so seine eigene virtuelle Landschaftskrippe erschaffen - so wie das der "Kripperer" Albin Artmann analog und real alljährlich mit der Landschaftskrippe im Museum tut. Sobald man die VR-Brille aufsetzt, befindet man sich in der eigenen Wahrnehmung an dem künstlich geschaffenen Ort. Bewegt man sich vorwärts und wendet man den Kopf, dann folgt das wahrgenommene Bild der geänderten Blickrichtung.

Damit das virtuelle Krippenleben möglichst realistisch wirkt, wird es mit einer Geräuschkulisse ausgestattet: Musikanten spielen zum Tanz auf, ein Schaf blökt, das Kind in der Krippe lacht - und es knallt ein Schuss, wenn der Jäger einen Truthahn ins Visier nimmt. "Da geht es ab wie im Film", verspricht Dittmar.

"Das ist ein unheimlich spannendes Thema", freut sich Oberbürgermeister Weigel schon jetzt auf den virtuellen Spaziergang durch die Marktredwitzer Landschaftskrippe. Und der soll nicht nur im Museum möglich sein: Es ist geplant, die mobile VR-Station mit PC, Bildschirm, VR-Brille und Smartphone-Station auch außerhalb des Hauses einzusetzen - etwa in Schulen. Schließlich will man jüngere Leute für die Krippen interessieren und zu einem Museumsbesuch bewegen. Wie jedoch zum Ende des Jahres die Präsentation tatsächlich aussehen wird, ist angesichts der ungewissen Entwicklung in der Corona-Krise noch recht unsicher. Trotz alledem: Die Verantwortlichen versprechen sich einen weiteren Meilenstein für den Kulturtourismus in der Stadt Marktredwitz - nachdem vor Kurzem ja bereits der Marktredwitzer Krippenweg in das immaterielle Kulturerbe Bayerns aufgenommen worden ist.

Auch in Mitterteich lebt die Krippenschnitzer-Kultur

Mitterteich
Museumsleiter Volker Dittmar (vorne) und Filmemacher Stefan Frank demonstrieren mit einem Truthahn und einem Jäger, wie kleine tönerne Krippenfiguren zu beliebig dreh- und vergrößerbaren Akteuren in der virtuellen Realität des Computerbildschirms werden.
Info:

Bayerischer und orientalischer Teil

Die Eröffnung der virtuellen Landschaftskrippe ist Ende November/Anfang Dezember geplant. Die mobile VR-Station wird ergänzt durch eine Museumskiste mit realen Objekten und Krippenfiguren. Die Marktredwitzer VR-Krippe wird aus einem orientalischen und einem bayerischen Teil bestehen. Im orientalischen Teil werden folgende Szenen und Figuren zu sehen sein: Paradies, Verkündigung an die Hirten, Stall und Anbetung durch die Hirten, Engelskranz, Herodes vor dem Tempel und die Heiligen Drei Könige - zu Pferde und dem Jesuskind huldigend.

Der bayerische Teil bietet Jäger, Wilderer, Sommerfrischler, Wanderer und Kraxenträger im Gebirge; Waldarbeit mit Brotzeit, Holztransport und Köhlerei; Feldarbeit mit Schnitter und Heuwagen; Dorfleben mit Wirtshaus, Musikanten, Tanz, Müller, Mühle, Imker, Schmiede und Handel; Kirchgang mit Kapelle, Pfarrer und Ministranten; Persönlichkeiten wie der "Schwitzer" sowie kuriose "Stickla" und Scherzszenen.

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