05.06.2020 - 15:23 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Marktredwitzerin hilft mit Pferden, aus dem Hamsterrad zu entkommen

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Für die 55-jährige Marktredwitzerin Eva Fischer ist ihr neuer Beruf die Erfüllung. Vor allem, wenn sie sieht, wie sie Stress geplagten Menschen damit helfen kann.

Pferdecoach
von Autor FPHProfil

Gloria bläht die Nüstern und schnaubt zufrieden aus. Das hochgewachsene Pony reibt seine weiche Schnauze wohlig und fest am Arm der Klientin. "Du hast einen guten Platz ausgewählt, der gefällt ihr", meint Eva Fischer mit einem Strahlen. Pferde sind ihr Ein und Alles, seit sie ein kleines Mädchen war. Heute ist die 55-jährige Marktredwitzerin pferdegestützter Coach und Personal Coach in einem.

Im Reitstall Sankt Hubertus nimmt sie sich mit Hilfe von Pferden der Probleme an, mit denen ihre Klienten auf sie zukommen. "Es ist mir ein Anliegen, mich in deren Situation einzufühlen und sie dabei zu unterstützen, beruflich und privat neue Ideen und Möglichkeiten zu finden und diese mit Klarheit und Power umzusetzen. Dabei begleite ich die Menschen mit oder ohne Pferd auf dem Weg durch ihre individuelle Persönlichkeitsentwicklung - höchst vertraulich natürlich."

Keine Scheu vor großen Tieren

Gloria trottet gemächlich an der Leine neben der Klientin her, die keine Scheu vor dem großen Tier zeigt. "Das würde ich sofort merken", betont Eva Fischer, die sich mit 55 Jahren noch einmal komplett verändert und endlich ihre Berufung gefunden hat, einen Job, "der mich voll und ganz erfüllt". Eine wechselvolle Laufbahn liegt hinter der zweifachen Mutter, deren Töchter nach dem Studium bei Rundfunk und Film in Leipzig und München gelandet sind. "Gelernt habe ich bei der Firma Müssel, und zwar Industriekauffrau." Mit ihrem damaligen Mann war sie eine Zeitlang in Heidelberg, "wo ich in einem pharmazeutischen Betrieb gearbeitet habe". Zurück im Fichtelgebirge, wechselt sie zur VR-Bank, bekommt ihre Kinder und arbeitet dann in Teilzeit. Ein Abstecher führt sie ins Steuerbüro, später ist Eva Fischer vor der Eröffnung der K & S-Seniorenresidenz in den Aufbau des neuen Pflegeheims involviert, ehe sie im Seniorenheim Siebenstern bis zu dessen Verkauf arbeitet.

"In der arbeitslosen Phase ist mir eigentlich bewusst geworden, dass es höchste Zeit ist, eigentlich das zu machen, was ich wirklich will: nämlich mit Menschen und Pferden arbeiten." Zwei Jahre lang hatte die Marktredwitzerin schon nebenberuflich eine Ausbildung zum psychologischen Berater und Personal-Coach an einer Fern-Universität gemacht. "Da habe ich jetzt noch den pferdegestützten Coach draufgesattelt", erzählt sie. Eva Fischer konzentriert sich auf Kinder und Jugendliche. "Aber auch Erwachsene sind zum Einzel-Coaching ebenso willkommen wie zum Familien-Coaching." Manager könnten dadurch ihre Führungsqualitäten verbessern, versichert die Pferde-Freundin, die auf fünf Tiere im Stall Hubertus zurückgreifen kann. Sie selbst hat als kleines Mädchen dort schon bei Hartenstein das Reiten gelernt. "Mein großer Traum ist es, einmal drei eigene Pferde auf einem eigenen Hof zu haben, um dort das pferdegestützte Coaching anbieten zu können."

Schritt in die Selbstständigkeit

Vor dem Schritt in die Selbstständigkeit - "seit März mache ich das, und seit 15. Mai bin ich hauptberuflicher Coach" - hat sich die 55-Jährige nie gefürchtet, wie sie beteuert. Sei ihr in früheren Jobs schnell langweilig geworden, so sei das beim pferdegestützten Coaching nie der Fall: "Jedes Pferd ist an jedem Tag ganz anders, jeder Klient ist anders. Das ist immer ein neues Erleben, ein neues Sich-Einlassen auf neue Individuen."

Manchmal genüge der Blick von außen auf die Situation eines Menschen, der sich gerade im Hamsterrad befindet. "Wenn sie dann mit dem Pferd an der Seite über die Koppel laufen, geht das Öffnen viel einfacher. Pferde sind so sensibel, dass sie auf den Zustand des Menschen neben sich sofort reagieren und dessen Befindlichkeit widerspiegeln", erzählt Eva Fischer, die auf der Koppel mit Hula-Hoop-Reifen, Schwimm-Nudeln und Hütchen hantiert, über die ihre Klienten das Pferd lotsen. "Über gezielte Fragen und die Reaktion des Pferdes dringe ich zu den Menschen vor und kann ihnen Lösungen aufzeigen, wie sie sich aus ihrer momentanen Situation befreien können."

Es gibt in der Region viele Menschen, die gerne Freizeit mit Pferden verbringen:

Tirschenreuth

"Wunderbare Therapie

Gute Erfolge habe sie vor allem bei Kindern und Jugendlichen erzielt, die Angst vor der Schule oder vor Prüfungen haben, betont die Pferdeflüsterin. "Durch das Coaching kann ich ihre Stärken, Potenziale und Ressourcen herausfinden. Mit therapeutischem Reiten hat das aber rein gar nichts zu tun. Und einen Psychotherapeuten kann ich auch nicht ersetzen. Aber um Lösungen zu erarbeiten, ist das pferdegestützte Coaching eine wunderbare Therapie."

Wer allerdings glaubt, dass er sich auf ein Pferd setzt während des Coachings, der irrt. Die Tiere - in diesem Fall Gloria - schreiten brav neben den Klienten einher, lassen sich problemlos führen, wenn sich diese darauf einlassen, ihre Probleme loszulassen. In der herrlichen Umgebung von Sankt Hubertus, zwischen plätscherndem Wasser und viel Grün, kommt die Seele zur Ruhe. Und wenn das alte Mädchen Gloria - sie ist bereits 22 und wirkt dennoch äußerst jugendlich - ihre Schnauze genüsslich an dem Menschen reibt, der sich eben noch hinter seinen Problemen verbarrikadiert hat, erscheint doch ein Silberstreif am Horizont. "Es gibt immer eine Lösung. Manchmal muss man nur ein bisschen anders denken", betont Eva Fischer.

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