06.10.2020 - 15:37 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Trauer um begnadete Künstlerin

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Ursula Benker-Schirmer ist mit 93 Jahren durch Covid 19 gestorben. Die große Gobelin-Künstlerin hat mit ihren Werken Spuren weit über die Region hinaus hinterlassen.

Ursula Benker-Schirmer war eine der ganz großen Künstlerinnen, die den Namen der Stadt Marktredwitz weit über die Grenzen hinausgetragen hat.
von Autor FPHProfil

Eine der ganz großen Künstlerinnen der Region ist tot: Ursula Benker-Schirmer aus Marktredwitz, die Grande Dame der Tapisserie, ist am Sonntagmorgen im Alter von 93 Jahren im Klinikum Selb nach einer Infektion durch das Coronavirus gestorben. Mit ihrem Ableben verliert die Stadt eine bedeutende Gobelin-Gestalterin, die sich in den letzten Jahren verstärkt der Malerei gewidmet hatte. Sie hinterlässt die beiden Söhne Franz (62) und Maximilian (59).

Wer Ursula Benker-Schirmer gekannt hat, weiß um ihren unbändigen Tatendrang. Wenn sie auch in den letzten Jahren etwas gebeugt mit ihrem Rollator oder im elektrischen Rollstuhl in der Stadt unterwegs war, so widmete sie sich doch unentwegt ihrer Leidenschaft, der Kunst. In ihrer malerisch gelegenen Villa im Ortsteil Dörflas, eingerahmt von üppigem Grün, wurde die Künstlerin immer wieder aufs Neue inspiriert, mit ostpreußischer Akribie ans Werk zu gehen. Trotz ihres hohen Alters war Ursula Benker-Schirmer stets hellwach, sprühte vor Energie und hatte noch so viel vor.

Erst vor zwei Jahren begeisterte die Marktredwitzer Künstlerin mit einer letzten großen Ausstellung im Stadtarchiv, präsentierte zahlreiche ihrer Arbeiten – von der Malerei über Gobelins bis hin zu Grafiken. „Ich bin täglich dabei, meinen Lebenslauf zu vervollständigen“, verkündete die damals 91-Jährige. Hin und wieder setzte sie sich auch noch an den Webstuhl, denn mit Gobelins hatte sich Ursula Benker-Schirmer weltweit einen Namen gemacht.

Versöhnungs-Gobelin

Wer in den 80er Jahren die Fränkische Gobelin-Manufaktur in der früheren Textil-Fabrik Benker besuchte, vernahm das eifrige Klappern der Webstühle, wo Benker-Schirmer zusammen mit ihren Mitarbeiterinnen Kunstwerke schuf, die in vielen Galerien und auch öffentlichen Räumen zu bestaunen waren und es bis heute sind. Ihr größtes und wohl auch populärstes Werk ist der 40 Quadratmeter große Versöhnungs-Gobelin, der in der Kathedrale im englischen Chichester hängt.

Die Stadt Marktredwitz wird im Rahmen ihrer Möglichkeiten dazu beitragen, das Werk der Künstlerin Ursula Benker-Schirmer zu bewahren und der Nachwelt zu erhalten.

Oberbürgermeister Oliver Weigel

„Ursula Benker-Schirmer war eine außergewöhnliche Persönlichkeit und Künstlerin, deren Schaffen weltweit Beachtung fand“, unterstreicht Oberbürgermeister Oliver Weigel. Die Stadt könne sich glücklich schätzen, „dass Frau Benker-Schirmer jahrzehntelang Marktredwitz zum Mittelpunkt ihres künstlerischen Schaffens gemacht hat“.

Ausstellung bei Gartenschau

Mit der Gründung der Fränkischen Gobelin-Manufaktur in Marktredwitz 1975 habe eine Ära begonnen, die ihren Höhepunkt im Jahr 2006 gefunden habe, als mehr als 60.000 Besucher im Rahmen der Grenzenlosen Gartenschau Marktredwitz/Eger einen repräsentativen Querschnitt ihres Werks in der Ausstellung „Kunst-Textil-Industrie“ bewundern konnten. „Die Stadt Marktredwitz wird im Rahmen ihrer Möglichkeiten dazu beitragen, das Werk der Künstlerin Ursula Benker-Schirmer zu bewahren und der Nachwelt zu erhalten“, versichert der Oberbürgermeister.

Eine enge Wegbegleiterin in den letzten 15 Jahren war Stadtarchivarin Edith Kalbskopf, die Ursula Benker-Schirmer als eine Institution bezeichnet, nicht nur in Marktredwitz. Ihr Name sei weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und geschätzt. „Sie war durch und durch Künstlerin. Dies zeigte sich nicht nur in den strahlenden Farben ihrer Tapisserie und der Vielfalt ihres Werkes, das konnte man auch erleben, wenn sie auf ihre Kunst zu sprechen kam. Es war faszinierend, sie aus ihren Erinnerungen erzählen zu hören, zu verstehen, wie einzelne Inspirationen zustande kamen und welche persönlichen Eindrücke sie in ihren Bildern verarbeitet hat.“ Dabei habe immer eine große Begeisterung im Vordergrund gestanden. „Darüber hinaus waren ihre Arbeiten getragen von einer tiefen Spiritualität und einer guten Portion Humor, die sich oft erst auf den zweiten Blick erschließen.“

Eine Kämpferin

Ursula Benker-Schirmer sei aber auch eine beeindruckende Kämpferin gewesen, betont Kalbskopf. Unbeirrt sei sie ihren Weg gegangen, angefangen von Ausbildung und Studium in einer Zeit, die es Frauen nicht unbedingt leicht gemacht habe, ihren eigenen Weg zu finden. „Für die Kunst des Bildwebens hat sie sich ein Leben lang aktiv eingesetzt. Und sie hatte viele internationale Kontakte, mit denen sie beispielsweise noch 2012 namhafte tschechische Textilkünstler nach Marktredwitz holte. Bis zuletzt kämpfte sie für ihr großes Ziel, die Tapisserie-Kunst in Deutschland am Leben zu erhalten und neu zu beleben.“

Das Kunsthaus Waldsassen präsentiert derzeit eine interessante Gemeinschaftsausstellung

Waldsassen
Der künstlerische Werdegang:
  • Ursula Benker-Schirmer wurde 1927 in Ragnit (Ostpreußen) geboren. Sie studierte in den Jahren 1947/48 an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle (Saale) und wechselte 1949 an die Meisterschule für Kunsthandwerk in Berlin-Charlottenburg.
  • Ein deutsch-französisches Stipendium ermöglichte ihr 1951 bis 1953 einen Studienaufenthalt an der Ecole Nationale d’Arts Decoratifs in Aubusson bei Jean Lurçat.
  • Später studierte sie in Paris bei den Künstlern Marc Saint-Saëns und Marcel Gromaire, die sie in Tapisserie und Malerei unterrichteten. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland war Benker-Schirmer Meisterschülerin bei Irma Goecke.
  • 1957 gründete die Künstlerin in Marktredwitz, wo sie mit Karlheinz Benker, dem Miteigentümer des Textilunternehmens Joh. Benker GmbH & Co KG, verheiratet war, ihr eigenes Atelier.
  • 1971 übernahm sie für drei Jahre die Leitung der Nürnberger Gobelinmanufaktur. In dieser Zeit beeinflusste sie den Stil der Manufaktur mit dem während ihres Aufenthalts in Frankreich erworbenen Stil.
  • 1975 gründete Ursula Benker-Schirmer in Marktredwitz die Fränkische Gobelin-Manufaktur. Hauptwerk Benker-Schirmers ist der monumentale Versöhnungs-Gobelin für die Kathedrale im südenglischen Chichester. Weitere Werke befinden sich im Rathaus von Bayreuth, in der Johanneskirche von Erlangen, der Stephanuskirche in Hagen sowie in der Universität Regensburg.
  • Die Arbeiten der Künstlerin wurden auch mit Auszeichnungen honoriert. So erhielt Ursula Benker-Schirmer 1990 den Kulturpreis der Oberfrankenstiftung, 1995 die Verdienstmedaille der Stadt Marktredwitz, 1998 den Kulturpreis der oberfränkischen Wirtschaft, 2003 das Bundesverdienstkreuz am Bande und 2007 den Bayerischen Verdienstorden.
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