21.06.2018 - 17:13 Uhr

In maximal 18 Tagen ans Nordkap

Der Rothenstädter Extrem-Radsportler Wolfgang Stöckl will als erster Einarmiger alleine die 3333 Kilometer lange Tour an den nördlichsten Punkt Europas bewältigen. Der Startschuss dazu fällt am 29. Juni.

Daumen hoch: Der Rothenstädter Wolfgang Stöckl will als erster einarmiger Radfahrer alleine ans Nordkap radeln. Stephan Landgraf
Daumen hoch: Der Rothenstädter Wolfgang Stöckl will als erster einarmiger Radfahrer alleine ans Nordkap radeln.

Auf 71° 10’ 21’’ nördlicher Breite ragt ein Schieferfelsen der Insel Magerøya 308 Meter aus dem Polarmeer heraus. Sein Name: Nordkap. Oben auf seinem Plateau steht die metallene Kugel, die das Ende der Welt markiert. 1553 entdeckte der englische Schiffskapitän Richard Chancellor diesen Felsen. Mittlerweile pilgern jedes Jahr rund 200 000 Menschen dorthin.

Vor allem in den Sommermonaten ist das Nordkap – der nördlichste Besichtigungspunkt Europas – eines der hoch frequentierten Ausflugsziele Norwegens. „Deshalb habe ich mich entschieden, ab 29. Juni meine Tour dorthin zu unternehmen. Es ist der Ritterschlag für Radsportler“, sagt Wolfgang Stöckl, passionierter Biker, Extremsportler und ehemaliger Paralympics-Teilnehmer aus Rothenstadt.

Radfahrer sind Träumer. Sie träumen von der Pan America, dem Race Across America (RAAM) und natürlich vom Nordkap. Letzteres war eines der Traumziele für Stöckl, der sich diesen Traum nun endlich erfüllt. Der heute 51-Jährige verlor bei einem Unfall im Alter von eineinhalb Jahren seinen linken Oberarm und blickt dennoch auf eine unglaublich erfolgreiche Sportlerkarriere zurück. Mit 13 Jahren begann er seine Laufbahn mit dem Luftgewehr.

Bei den Paralympics 2000 in Sydney gewann er die Silbermedaille. 2004 in Athen war er nochmals Teilnehmer der Behinderten-Olympiade. Danach stieg er aufs Rad und gehörte seit 2005 der Deutschen Nationalmannschaft an. 2009 gewann er den Weltmeistertitel auf der Mountainbike-Marathon-Distanz. In der 4000-Meter-Verfolgung war er im gleichen Jahr deutscher Meister, ehe er 2012 und 2014 am RAAM teilnahm.

„Ich wollte und will immer noch Grenzen überschreiten, neue Herausforderungen suchen“, sagt der Rothenstädter, der es in den letzten Jahren „etwas ruhiger“ angehen ließ. Allerdings schwirrte da ständig der Gedanke ans Nordkap im Hinterkopf des 51-Jährigen, der diese Tour als erster einarmiger Sportler alleine bewältigen will.

„Vor fünf Jahren konkretisierten sich schließlich die Pläne“, blickt Stöckl zurück, der Startschuss für die aufwendige Organisation der Reise fiel, die Suche nach Sponsoren begann. Und nachdem der Extremsportler nach eigener Aussage „normal einfach nicht kann“, gibt es für das Nordkap-Abenteuer, bei dem er immerhin exakt 3333 Kilometer und rund 20 000 Höhenmeter zu bewältigen hat, einen durchaus straffen Zeitplan. „Ich möchte in 14 bis 18 Tagen von Rothenstadt aus mein Ziel erreichen. Zurück geht es dann mit Bahn und Fähre“, steckt er sich zum Ziel. Bedeutet konkret, dass er pro Tag rund 250 Kilometer radeln muss – und das mit Gepäck.

Ob er dazu einen Gepäckanhänger („Weber monoporter“) einsetzt, hat er noch nicht entschieden. „Das hängt davon ab, wie ich mit dem zurechtkomme. Ich habe letzte Woche von meinem Sponsor „Ghost“ aus Waldsassen mein neues Rad erhalten und werde es nach einigen Spezialumbauten austesten. Falls nicht, werde ich mir für das Bike die entsprechenden Packtaschen besorgen“, so Stöckl.

Damit die Tour problemlos über die Bühne geht, sind aber nicht nur Modifizierungen am Rad wie Bremskraftverstärker, breitere Reifen, zusätzliche Spiegel oder eine andere Schaltung, erforderlich, sondern auch eine neue Armprothese nötig. „Es geht um jedes Gramm. Je leichter alles ist, desto einfacher wird das Radeln“, weiß der Rothenstädter.

Daher entwickelte ihm die befreundete und unterstützende Firma Ortho Reha Neuhof aus Nürnberg eine neue Leichtbau-Prothese mit lediglich 1,3 Kilogramm Gewicht, die Stöckl auf der Messe in Leipzig „OTWorld“ präsentiert und testet. Vor Ort ist dort auch ein einbeiniger Athlet des „Cirque du soleil“ aus Las Vegas, der das „Bein-Pendant“ zu Stöckls Armprothese vorstellt.

Aber das ist nur ein Teil der Vorbereitung auf die Nordkap-Tour. Seit zwei Jahren trainiert Stöckl fast täglich auf dem Rad, absolviert Touren mit über 200 Kilometer pro Tag und geht regelmäßig zum Muskelaufbau ins Fitness-Studio.

Und er hat sich 2016 einem ersten Härtetest unterzogen, als er vom Zillertal aus mit 15 Kilogramm Gepäck nach Sizilien gefahren war. „Damals habe ich exakt die gleichen rund 20 000 Höhenmeter bewältigt“, sagt er. „Das hat mir gezeigt, dass ich es ans Nordkap schaffen kann.“

Am 29. Juni um 6 Uhr morgens fällt in Rothenstadt der Startschuss. Die erste Etappe führt ihn noch nach Waldsassen zum Radhersteller Ghost, ehe dann Rügen das Zwischenziel sein wird. Mit der Fähre geht es dann gen Norden, ehe dann aufs Rad umgestiegen wird.

Dass die Reise sicherlich kein lockerer Sonntagsausflug werden wird, ist dem 51-Jährigen bewusst. Vor allem wegen des Unsicherheitsfaktors „Wetter“. Auch im Juni und Juli sind in Schweden und Norwegen Dauerregen und niedrige Temperaturen keine Seltenheit.

„Ich bin hoffentlich auf alles vorbereitet“, sagt Stöckl, der per WhatsApp, Facebook und Youtube über seine 14-jährige Tochter Kontakt zur Heimat und zu Freunden halten wird. „Das ist auch gut für die Moral“, weiß Stöckl, der dann am 17. Juli hoffentlich ein Foto von der metallenen Kugel nach Hause senden wird. (lst)

Viele Modifizierungen am Rad sind nötig, damit Wolfgang Stöckl sicher nach Norwegen unterwegs sein kann. Stephan Landgraf
Viele Modifizierungen am Rad sind nötig, damit Wolfgang Stöckl sicher nach Norwegen unterwegs sein kann.
 
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