23.07.2018 - 15:36 Uhr
MehlmeiselOberpfalz

"Giftzettel" mit Geschichte

Heimatforscher Josef Wiche berichtet über die Mehlmeiseler "Sonn- und Feiertagsschule" – dazu hat er den "Giftzettel" von 1889, das alte Zeugnis des Einser-Schülers August Pscherer ausgegraben.

Feiertagsschüler 1909: Sie stellen sich nach dem Sonntagsgottesdienst dem Fotografen Oeberst aus Hof, mit ihrem Lehrer Josef Binapf (wirkte in den 1930er Jahren als Bezirksschulrat in Kemnath).
von Gisela KuhbandnerProfil

„Giftzettel“ hießen sie früher, die Zeugnisse, die am kommenden Freitag, dem letzten Tag vor den Sommerferien mehr oder weniger aufgeregte Schüler entgegennehmen und mehr oder weniger stolzen Eltern vorzeigen werden. Ob das auch im Jahr 1889 so gewesen ist, als der Mehlmeiseler August Pscherer sein Zeugnis über die Entlassung aus der Sonn- und Feiertagsschule bekommen hat? Seine Eltern jedenfalls hatten allen Grund, stolz auf den Vorzeige-Einser-Schüler zu sein.

Hobby-Heimatforscher Josef Wiche hat sich anlässlich der bevorstehenden Zeugnisausgabe die Mühe gemacht, August Pscherers altes Zeugnis aus seiner immensen Sammlung hervorzuholen und an die längst vergessene Tradition der Sonn- und Feiertagsschule, die viele Jugendliche auch nach Ende der siebenjährigen Schulzeit begleitete, zu erinnern: „Diese drei Jahre dauernde Ergänzung war bei vielen Heranwachsenden beliebt und gern besucht. Zu einer Zeit, als es noch keine sozialen Netzwerke gab, konnte sich die Dorfjugend hier einmal die Woche treffen und Erfahrungen austauschen, auch wenn, und das wird immer wieder betont, streng auf Geschlechtertrennung geachtet wurde.“

Ein Esser weniger

Gerade junge Mädchen seien ansonsten die ganze Woche über nicht von zu Hause oder von der Arbeitsstätte weggekommen. Andererseits gab es Jugendliche, die diese Einrichtung nur widerwillig besuchten, denn der Sonntag war der einzige arbeitsfreie Tag der Woche. „Diese Schule war nicht auf Mehlmeisel beschränkt sondern seit den Napoleonischen Reformen im gesamten Königreich Bayern üblich.“ Interessant wäre deshalb, zu erfahren, welche Überlieferungen in den umliegenden Ortschaften erhalten sind.

„In Mehlmeisel war für die ärmeren Kinder nach sieben Jahren regulärer Schulzeit Schluss und sie bekamen den Schulentlassungsschein, mit dem sie, im Alter von 13 bis 14 Jahren, die Heimat verlassen konnten, um als Dienstboten, Knechte und Mägde irgendwo eine Anstellung zu finden. Dieses Zeugnis hieß offiziell ‚Werktagsschul-Entlaßungsschein‘. Viele Eltern waren aus materieller Not gezwungen, ihre Kinder mit diesem Schein irgendwo in Stellung zu geben, damit zu Hause ein Esser weniger am Tisch saß“, weiß Josef Wiche.

„Wer weiterhin in seinem Heimatort wohnte, war verpflichtet, die Sonn- und Feiertagsschule zu besuchen. Die Schülerzahl war wegen der beschriebenen Hintergründe gesunken und drei Jahrgänge konnten gemeinsam unterrichtet werden“, berichtet der Hobby-Heimatforscher.

Streng getrennt

Die 1912 geborene Anna Pscherer besuchte diesen Unterricht sehr gern: Ihre Erzählungen hat Josef Wiche festgehalten „In der Feiertagsschule wurde in zwei Klassenzimmern unterrichtet, eines für Mädchen, das andere für Buben. Nach den sieben Schuljahren war es notwendig, die tugendhafte Jugend sittenrein getrennt nach Geschlechtern zu unterrichten. Gemeinsame Veranstaltungen gab es nicht. Der Unterricht begann jeden Sonntag bereits um 6 Uhr morgens und er dauerte bis um 9 Uhr. Dann ging man geschlossen hinauf zur Pfarrkirche, um den Gottesdienst zu besuchen, auch hier Mädchen und Buben streng getrennt.“

„Erst nach drei Jahren Sonn- und Feiertagsschule bekam man das ordentliche Zeugnis übe die Entlassung aus der Sonn- und Feiertagsschule“. Als Ergänzung zur Sonn- und Feiertagsschule berichtet Josef Wiche noch, „dass bei uns Lehrjungen nicht frei gesprochen wurden, wenn sie nicht das Abschlusszeugnis der Sonn- und Feiertagsschule vorweisen konnten. In Mehlmeisel war offenbar der katholische Religionsunterricht das wichtigste Fach der Sonntagsschule und der Ortspfarrer unterrichtete jeweils eine Stunde bei den Jungen und Mädchen“.

Info:

Tatzen

Disziplin, Gehorsam, Fleiß und Ordnung waren damals die wichtigsten Erziehungsziele, während heute dagegen selbstständiges Denken, Kreativität, eigene Ideen und Kritikfähigkeit entwickelt werden. Gerade sitzen, Ohren spitzen, Hände falten, Mund halten, hieß es seinerzeit in den Klassenzimmern.

Erst 1983 wurde in Bayern die körperliche Züchtigung wegen mangelnder Disziplin und schlechten Leistungen abgeschafft. Und die Älteren wissen sicher noch was „Tatzen“ sind, ohne die wohl kaum ein Schüler von der Schule ging: „Schläge mit dem „Steckerl“ oder dem Lineal auf die Handfläche. Heute unvorstellbar – aber damals hatte sich kaum einer beschwert, weil auch in vielen Elternhäusern die Prügelstrafe gang und gäbe war. (gis)

August Pscherer im Alter von 30 Jahren.

Info:

Zur Person

August Pscherer übernahm aus dem väterlichen Erbe die bekannte Ziegelhütte und die Paterlhütte von Unterlind und führte so den Titel „Fabrikbesitzer“. Er heiratete 1903 die Braumeisterstochter Elisabeth Pscherer, die zehn Söhne und sieben Töchter zur Welt brachte. August starb 1937 in Unterlind im Alter von 65 Jahren. Zu seinen zahllosen Urenkeln gehören heute der Mehlmeisler Diakon Franz Lautenbacher und der Regensburger Domkapitular Thomas Pinzer. (gis)

Zeugnis über die Entlassung aus der Sonn- und Feiertagsschule.

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