28.10.2018 - 13:38 Uhr
MehlmeiselOberpfalz

Steiniger Weg in die Ferne

Es ist ein Erlebnis, Adrian Roßner zu hören. Vor allem, wenn das Thema dann so spannend ist wie sein Vortrag " Aus der Heimat in die Neue Welt - Auswanderung aus dem Fichtelgebirge nach Nordamerika" im Freilandmuseum Grassemann.

Adrian Roßner beim Vortrag.
von Gisela KuhbandnerProfil

Die Stunden waren gespickt mit knallharten Fakten, viel Hintergrundwissen und lebendigen Schilderungen der Abläufe. Eingeladen hatte dazu der Naturpark Fichtelgebirge und der Historische Verein für Oberfranken. "Die Geschichte wiederholt sich", betonte der Referent. Immer wieder stoße man auf Ereignisse, die einander stark ähneln, wobei allen voran Bevölkerungsbewegungen ins Auge fallen.

Hier jedoch führen sie nicht nach Deutschland. Es gehe vielmehr um Menschen, die daraus wegzogen - die sich im 19. Jahrhundert aufmachten, vor allem aufgrund der beginnenden Industrialisierung und den damit einhergehenden sozialen Veränderungen und der Krise in der Landwirtschaft, um ihr Glück in der Neuen Welt zu finden.

Der Weg dahin war nicht leicht. Stolpersteine wie Verbote, falsche Agenten und Geldnot brachten sie auf der Suche nach einem besseren Leben immer wieder an den Rand des Ruins. Am Beispiel der Stadt Münchberg zeichnete der Referent ein Bild der damaligen Situation, das aber auch nahezu für das gesamte Fichtelgebirge galt. Auswanderer mussten zudem ein Ticket vorweisen können, wobei manch einer einem Betrüger, verglichen mit heutigen Schleusern, in die Hände fiel. Die "Reise" zu Fuß von Oberfranken nach Bremen samt Gepäck dauerte 20 bis 30 Tage. Später war die Eisenbahn eine große Erleichterung.

Die Auswanderer reisten in Verbünden mit 40 bis 50 Personen, oft unbequem in engen Lastkähnen, wobei die Überfahrt manches Mal ein großes Risiko oder gar reine Tortur war und manche nicht überlebten. In Amerika wurde ihnen Land zugemessen, oftmals wieder mit Betrug verbunden und das Geld war weg. Diejenigen, die meinten, Amerika wäre ein Land, in dem Milch und Honig flössen, mussten sich recht schnell der bitteren Realität stellen. "Es verwundert nicht, dass sie - vereint in der Fremde - meist unter sich blieben und innerhalb ihrer Nachbarschaften bzw. Townships einen Anklang an die alte Heimat aufrecht zu erhalten planten. Vermutlich war es diese recht eingeschworene Gemeinschaft, die mit dem Wirtshaus und der Kirche relativ schnell eigene Mittelpunkte des täglichen Gemeindelebens geschaffen hatte, verbunden mit tiefgreifenden kulturellen Vermischungen", erklärte der Referent.

In späteren Jahren waren auch aus Mehlmeisel zahlreiche Bürger in die USA ausgewandert, allerdings nicht aus Not, wie Hobby-Heimatforscher Josef Wiche betont. Sie gehörten alle zur reicheren Schicht des Dorfes und wanderten langfristig geplant und gezielt aus, meist mit Hilfe geregelter Existenzgründung durch die Mehlmeiseler in Ohio. Manche reichen Landwirte verkauften sogar ihren Bauernhof und gingen in die Vereinigten Staaten und wurden dort sehr wohlhabend. Die sozial Schwachen aus Mehlmeisel gingen nicht in die USA, sondern meist nach Bayreuth, Plauen, Magdeburg oder Leipzig", berichtete der Heimatforscher aus der von ihm und Bernhard Prechtl verfassten Mehlmeiseler Heimatchronik "Die ersten Anwesen". Sie erzählt auch von John Schinner, "der mit 40 Jahren bereits ein reicher Mann war". Josef Wiche ergänzte: "Kursierende widersprüchliche Erzählungen über ,Ölquellen' oder eine ,reiche amerikanische Ehefrau' entbehren jeder Grundlage.

Die Wahrheit ist: Der bodenständige Mann betrieb seit 1898 ein modernes, anspruchsvolles Kaffeehaus. So lesen wir im "Annual Labor Review" Dayton, Ohio, April 19, 1918 - vor 100 Jahren also: "John Schinner,132 East Third Street, Dayton, unter anderem: "His café is one of the most modern and best regulated in the city". Bis zum Jahr 1920 ging John dann als Unternehmer und Politiker nach Long Beach. Im Jahr 1923 ermöglichte er den Bau des neuen Mehlmeiseler Pfarrhofs durch eine Spende von 2230 US-Dollar.

Zeitlebens blieb er seiner Heimat verbunden und dem Mehlmeiseler Dialekt treu. Zum Erweiterungsbau der Kirche stiftete der überzeugte Katholik unter anderem das große Fenster mit dem Bildnis Johannes des Täufers. Bei seinen Besuchen in der Heimat, so ist es in der Chronik nachzulesen, staunte er, "dass Mehlmeisel immer größer werde: Ober d'Straouß is immer nu sua schlecht wäi fräier".

John Schinner Wohnhaus.

John Schinner.

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