31.12.2018 - 11:47 Uhr
MehlmeiselOberpfalz

Ein Stück Musikgeschichte

Altbürgermeister Günter Pöllmann ruft Mehlmeiseler Neujahrslied in Erinnerung. Und alle Gäste einer besonderen veranstaltung singen mit.

Geschichte des Mehlmeiseler Neujahrslieds
von Gisela KuhbandnerProfil

In gemütlicher Runde über Gott und die Welt plaudern, in aller Ruhe eine Tasse Kaffee trinken, über Geschichten schmunzeln, Musik hören (heuer von Trompeter Thomas Kilgert). So präsentiert sich seit Jahren schon das Silvestercafé im Haus des Gastes, ein echter Geheimtipp, veranstaltet vom örtlichen Fremdenverkehrs- und Ortsverschönerungsverein – und mit einem „Extra“:

FFV-Vorsitzender Altbürgermeister Günter Pöllmann hatte vorab bereits Liedblätter mit Text und Noten ausgeteilt. Sicher war er sich dennoch nicht, ob sein geplanter Versuch gelingen wird. Aber gleich vorweg: Er gelang, und schließlich sangen alle – Einheimische und Urlauber zusammen – lediglich mit einem kleinen „Stolperer“ am Schluss - das alte „Mehlmeiseler Neujahrslied“, dessen Geschichte bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts zurückgeht und heute noch in der Fichtelgebirgsgemeinde zum Jahresschluss in der Pfarrkirche und im Hammerkirchl gesungen wird.

So weiß Günter Pöllmann aus Erzählungen seines Großvaters, dem „Geissler Stoffel (Christof Pscherer), dass der Mehlmeiseler Hirte, „d´hinkert Franz“ zu den Arbeitern in die Patterlhütte kam, - die Glasschmelzöfen brannten werktags wie feiertags rund um die Uhr – um sich aufzuzwärmen. Und da sang er ihnen das Lied vor, dessen Text ihm in Anlehnung an das alte Lied „Hört ihr Herrn und lasst euch sagen“ zugeschrieben wird. Die Patterlmacher haben nach Schichtende mit diesem Lied, von Haus zu Haus gehend – das Neue Jahr angesungen und wurden dafür mit einem kleinen Obolus belohnt. Dieser alte Brauch, das weiß Günter Pöllmann aus „eigener Erfahrung , wurde in Mehlmeisel noch bis in die 70er Jahre gepflegt:. „Aber am Neujahrtag mussten wir pünktlich in der Frühmesse sein“. Sein Großvater (1888 – 1969) erzählte ihm auch, dass früher beim Silvestertanz im „alten Sängerheim“ nach dem Glockenschlag um 12 Uhr der Tanz unterbrochen, ein „Vater unser“ gebetet und voller Inbrunst obiges Neujahrslied gesungen wurde. Dann erst spielte die Musik weiter zum Tanz auf.

Hintergrund:

Hobby-Heimatforscher Josef Wiche hat bezüglich des Mehlmeiseler Neujahrslieds in Chroniken und Schriften geblättert und herausgefunden, dass die Ursprünge des Mehlmeisler Neujahrsliedes bei den Gemeindehirten zu suchen sind (s. oben). Wiche berichtet: „Hirten hatten das Recht, einmal jährlich bei den Bauern im Dorf eine freiwillige Gabe einzusammeln. „Der Umgang soll öfters nicht als zum Neuen Jahr erlaubet sein!" vermerkt dazu die Hirtenordnung des Jahres 1747. Mit etwas Fantasie kann man sich vorstellen, wie der Hirte mit seinem Stab an Neujahr durch den Schnee stapft, an den Haustüren klopft und ein Lied anstimmt. Es war sein Recht, nach dem Gesang einen kleinen Geldbetrag zu erbitten“.

Der alte Lied "Hört ihr Herrn und lasst euch sagen" war in seiner Melodie einem Choral aus dem Jahr 1608 nachempfunden. Im Lauf der Generationen wurde es von Nachtwächtern und Hirten im Sinn eines echten Volksliedes immer wieder verändert und bekam in unterschiedlichen Landstrichen eine ganz typische lokale Prägung.

In Mehlmeisel hat sich eine ganz eigene Variante des Liedes bis heute erhalten, wobei Melodie und Text durch den "hinkerten Franz" um die Mitte des 19. Jahrhunderts bearbeitet und gesungen wurden (s. oben). So zumindest beschreibt es Josef Pscherer 1927 in der Zeitschrift "Die Oberpfalz".

Pscherer war gebürtiger Mehlmeisler und hatte eine Anstellung als Lehrer in der Schule von Bruck i.d.Opf. gefunden. Aus seiner Jugend kannte er die damals noch lebendigen Erzählungen und brachte sie in seinem kurzen Aufsatz "Das Neujahrslied der Mehlmeisler" erstmals zu Papier.

Info:

„Die Identität des geheimnisvollen "hinkerten Franz" kennt heute niemand mehr. Josef Wiche ging dem Hinweis in Pscherers Aufsatz nach, wonach Franz "Gemeindediener und Nachtwächter" war. Und tatsächlich findet sich in den Unterlagen der Häuserchronik ein Mann namens Franz Anton Glaser, geboren am 26. Juli 1831 als Sohn des besitzlosen Operarius Florian Glaser. Dieser Mann wurde 1864 in einem lateinischen Schriftstück als "Famulus Communitates" bezeichnet, also "Gemeindediener", was ziemlich sicher für eine Identifizierung spricht., zitierte der Hobby-Heimatforscher und informiert, dass Franz Glaser Anna Ehlich aus Fischlohe heiratete. Doch das arme Ehepaar war nicht vom Glück gesegnet. Anna brachte drei Töchter zur Welt: Die kleine Anna lebte nur vier Tage, Margareth wurde nur drei Wochen alt (Todesursache: Frais) und Tochter Theresia starb mit fünf Jahren an Typhus. Nach diesen Schicksalsschlägen starb auch Franz' Ehefrau im Jahr 1869 mit nur 35 Jahren. Vor diesem Hintergrund verwundert es, dass Pscherer in seinem Aufsatz an einen "lustigen Gesellen" erinnerte, mit "unverwüstlichen Humor". Vielleicht war es dieser Humor, der Franz Glaser die Kraft gab, weiter zu machen. Oder er trug nur die Maske eines "lustigen Gesellen", nachdem ihm das Leben so schwer mitgespielt hatte. Das Hinken und sein "krummes Knie" lassen auch körperlichen Schmerz befürchten“.

In jedem Fall zeugt der Text seines Liedes vom unerschütterlichen christlichen Glauben des "hinkenden Franz von Mehlmeisel". Zwar fragt er sich "Wie viele werden unter uns ein neues Jahr erleben?" doch über allem stehen "Lob, Ehr und Dank" an die Heiligste Dreifaltigkeit.

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