04.06.2019 - 15:20 Uhr
Oberpfalz

Mehr als "böhmische Dörfer"

Die nördliche Oberpfalz und Böhmen sind über Jahrhunderte verbunden gewesen. Doch von dieser Geschichte ist nach Kriegen und Vertreibung nur mehr wenig allgemein bekannt.

Bei der Restaurierung wurden die Schädel taxiert. Der Kastellan von Sedlec ist überzeugt, dass es sich hier um Knochenreste der ersten Waldsassener Mönche handelt.
von Rainer ChristophProfil

Die nördliche Oberpfalz und Böhmen, das ist die Geschichte einer Nachbarschaft in der Mitte Europas. Politischer, wirtschaftlicher und kultureller Austausch haben in beiden Regionen Spuren hinterlassen. Die Beziehungen zueinander verliefen bis 1918 - klammert man die Hussiten-Einfälle einmal aus - meist friedlich. Von dieser Geschichte der Nachbarschaft über Wechselbeziehungen, Zusammenhänge und Gegensätze ist auf beiden Seiten der Grenze nur wenig bekannt.

Das geflügelte Wort von den "Böhmischen Dörfern" - also von etwas Unbekannten - konnte sich bis heute gehalten. Das passt zu Schillers "böhmischen Wäldern" als Inbegriff des Unfassbaren, des Schrecklichen. Wer sie erwandert hat, weiß, dass sie sich keineswegs von den anderen europäischen Mittelgebirgswäldern unterscheiden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kluft - bedingt durch den "Eisernen Vorhang" und die Vertreibung der deutschstämmigen Bevölkerung - noch größer. Das abendländische Denken der Politik Adenauers in den fünfziger Jahren - die Westintegration stand im Mittelpunkt aller Ziele - drängte unser Nachbarland an die Peripherie des Balkans. Den Grundstein legte bereits die Politik Bismarcks, die Weimarer Politik kümmerte sich ebenso wenig um die deutsch-tschechischen Probleme, ja sie betrachtete sie als inner-tschechische Angelegenheit. Richtigerweise aber handelte es sich um die Problematik der tschechisch-habsburgischen Gegensätze.

Böhmischer Spiegel

Ferdinand Seibt, der große Kenner der böhmischen Geschichte schreibt: "Jede Epoche der europäischen Geschichte hatte im böhmischen Spiegel ein eigenes Gesicht." Die nördliche Oberpfalz und Franken waren stets davon berührt. So dehnte sich Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends ein keltisches Siedlungsgebiet von England aus ostwärts und schloss Böhmen mit ein. Aus dem Südosten kamen um die Zeitenwende die Germanen. Markomannen übten Druck auf Rom aus, zogen dann weiter nach Westen, ein Teil - so erzählen alte Sagen - ließ sich unterhalb des Parksteins nieder. Meerbodenreuth, eine Siedlung des berühmten Führers Marbot?

Exakt 1000 Jahre lang, mit Karl dem Großen, nach dessen Namen sich das tschechische Wort für König (kral) ableitet, bis zur Resignation des Habsburgers Franz 1806, besaß Böhmen eine besondere Stellung zum deutschen Reich.

Im 6. Jahrhundert kamen die Slawen. Ortsgründungen und slawische Namen finden wir auch in der Oberpfalz. Das sind die Orte mit den Endungen "itz" (Marktredwitz, Döllnitz) oder den Wortteilen "Wenden", "Windisch" (Windischeschenbach, Wendersreuth). Dann gab es auch Namen, mit denen der Oberpfälzer gar nichts anfangen konnte. Zum Beispiel der kleine Ort Thomasgschieß bei Eslarn. Darin steckt der Name des Apostel Thomas und das kaum aussprechbare tschechische Wort "kríž"(Kreuz). So wurde aus dem Ort Tomaskríž der Ort Thomasgschieß.

Deutsche Bergleute

Vor rund 800 Jahren zogen Deutsche durch die Oberpfalz nach Böhmen und Mähren, nicht als Eindringlinge oder gar Eroberer, sondern auf Bitten der Premisliyden-Fürsten. Zunächst kirchliche Orden, wie die Zisterzienser, Benediktiner oder Prämonstratenser, dann Kaufleute, später Bauern und Handwerker. Iglau, Kuttenberg und Joachimsthal - deutsche Bergleute machten Böhmen zum reichsten Silberland Europas. Von Waldsassen aus wurden die Klöster Osek in Nordböhmen (1192) und 1143 Sedlec bei Kuttenberg (1143) besiedelt, Kloster Kladrau/Kladruby, wurde vom schwäbischen Zwiefalten aus gegründet. Das geschah unter König Wratislaw, sein Enkel Sobieslav II., Herzog der Böhmen (1173 bis 1178) tat in seinem berühmten Freiheitsbrief kund, dass alle Deutschen, die unter der Burg von Prag siedelten, unter seinem Schutz stünden und "eine besondere, von den Böhmen unterschiedliche Nation bleiben sollen". "Sie können sich in Gesetzen und Bräuchen von diesen unterscheiden".

Der Grund für dieses Anwerben der Deutschen hatte nach Ansicht von Professor Ferdinand Seibt vor allem eigennützige Hintergründe, die wachsende Bevölkerung stärkte die Wirtschaftskraft und zugleich die Herrschaft in Mitteleuropa. Im 11. und 12. Jahrhundert versprachen böhmische und mährische Grundherren den deutschen Siedlern Rode- und Stadtfreiheiten. Auch die Orden trugen zur Kräftigung des Landes bei.

Handschuh als Faustpfand

Glanzvoll war die Regierungszeit des aus dem Hause Luxemburg stammenden Karl IV. (1346 bis 1378). Durch seine Heirat mit Anna von der Pfalz, durch Tausch und Kauf erwarb er Ländereien bis vor die Tore Nürnbergs. Sulzbach, als Hauptstadt Neuböhmens, Auerbach und Erbendorf waren Orte, die noch sein Sohn Wenzel mit Münzrecht und Förderung des Bergbaus stärkte. Hirschau, Weiden, Neustadt/WN, Bärnau - sie alle profitierten von den Erlassen des Kaisers. Noch heute liegt sein Handschuh als Faustpfand für die ununterbrochene Nutzung des Bürgerwaldes im Museum der Kreisstadt Neustadt/WN. Übergeben wurde er vom Kaiser vor genau 664 Jahren.

Seine tschechischen Pfleger auf den Burgen Parkstein und Störnstein hatten die Anweisung, die Gebräuche der Menschen zu achten, sie steuerlich nicht auszubeuten. Die Goldene Straße wurde zu einer der bedeutendsten Verbindungswege zwischen Frankfurt, Nürnberg, Weiden, Prag und Breslau, noch heute sind ihre Spuren lebendig. Viele alte Handelswege führten durch die Oberpfalz ins Böhmische. Studenten aus Auerbach, Weiden, Neustadt und vielen anderen Orten studierten nachweislich an der Karlsuniversität.

In Auerbach, der späteren Hauptstadt Neuböhmens, hielt sich nach dem Verkauf des südlichen Teils Neuböhmens und der Aufgabe von Sulzbach durch seinen Vater Karl IV., auch öfters sein Sohn König Wenzel IV. von Böhmen auf. Wenzel verlieh 1397 den Auerbachern das Recht, eine 14-tägige Herbstmesse vom 1. bis 15. September eines jeden Jahres abzuhalten. Ziel war es, den damals florierenden Handel zu stärken. Diese Messe ging nach dem Tode Wenzels wieder ein.

Dumme Männer

Zu Erinnerung wurde bis ungefähr vor dem 1. Weltkrieg am 1. September nach 12 Uhr mit der großen Glocke eine viertel bis halbe Stunde die ehemalige Messe eingeläutet. Es werde aber aus Trauer geläutet, sagten die Leute. Der Grund lag daran, dass der Auerbacher Magistrat die Messe um schnödes Geld an die Nürnberger verkaufte. Im Volksmund wurde dazu erzählt: "Solange die Glocke läutet, darf jede Ehefrau ihren Ehemann prügeln, weil die Männer die Dummheit begingen, ihre Messe zu verkaufen." (Quelle: Die Oberpfalz Jg. 1910, Nr. 1, Seite 20, aufgeschrieben in Anlehnung an Georg Mühldorfer) Ob diese Geschichte historisch nachweisbar ist, ist nicht gesichert. Amüsant ist sie dennoch. (cr)

Der Handschuh von Karl IV. im Museum in Neustadt/WN wurde für die Landesausstellungen in Prag und Nürnberg 2017 eigens restauriert.
Die Klosterkirche Maria Himmelfahrt in Sedlec hat sogar bis heute das Patronat von Waldsassen übernommen. Seit 1995 ist sie Unesco-Weltkulturerbe.
Eine Karte der Region im 14. Jahrhundert unter Karl IV., zu sehen im Archiv des Geschichtsparks in Bärnau.

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