11.06.2019 - 13:11 Uhr
MitterteichOberpfalz

Hightech für Sehbehinderte

Vor allem viele ältere Menschen haben Seh-Schwierigkeiten. Manchen droht sogar Blindheit. Dafür gibt es Beratung von Menschen, die selbst betroffen sind und ihre Erfahrungen mit diesem Leiden weitergeben.

Blindenberaterin Bettina Pichlmeier und Christian Kubitschek erklären den Gästen, wie das Lesegerät funktioniert. Bettina Pichlmeier ist selbst betroffen und gibt ihre Erfahrungen gern weiter.
von Ulla Britta BaumerProfil

Vor einigen Jahren hat Gert Kreil ein schwerer Schicksalsschlag getroffen. Seither ist er „rindenblind“. So nennt man die Krankheit, die sein Leben komplett verändert hat. Seine Frau Brigitte kümmert sich rührend um ihn. Beide sind Mitglied im Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenverbund, Bezirksgruppe Oberpfalz, der auch in den Landkreis kommt zur persönlichen Beratung.

Der Verein hat dabei auch Termine im Mehrgenerationenhaus. Die Ehefrau des in seiner Sehfähigkeit schwer eingeschränkten Fuchsmühlers ist froh darüber, denn diese Beratung erleichtert ihr und ihrem Ehemann das Leben. Gert Kreil hat eine Armbanduhr mit Sprachfunktion. „Auch sein Wecker kann sprechen“, erzählt seine Frau. Nur mit dem Handy sei es schwierig. Es gebe Sprach-Mobilfunktelefone. Nur schaffe ihr Mann die Bedienung leider nicht, obwohl er gern eines hätte.

Eine Mitterteicherin schaut sich um. Sie sieht nur noch auf einem Auge zehn Prozent. „Das reicht“, geht die 86-Jährige offen mit dieser Tatsache um. „Man muss sich abfinden, wenn es auch schmerzt“, sagt sie. Rudolf Pichlmeier und seine Frau Bettina sind die Berater. Der 62-jährige Bezirksgruppenleiter ist selbst betroffen. Medizinisch gesehen sei er blind, sagt er. Pichlmeier hat auf dem rechten Auge nur noch eine Sehstärke von zweieinhalb Prozent. Das linke Auge sei ein Glasauge.

Er habe als Kind eine starke Brille tragen müssen, berichtet er. „Dann wurde es immer schlechter.“ Pichlmeier geht im Mehrgenerationenhaus auf und ab, als sei er hier Zuhause. „Das lernt man“, schmunzelt er auf die Frage, wie dies möglich sei. Die Beratung macht er ehrenamtlich. „Wir sind alle ehrenamtlich tätig. Und alle Betroffene“, erklärt er. „Und wir kommen auch direkt nach Hause zur Reha-Beratung“, betont er. Im gewohnten Umfeld könne man oftmals besser darüber sprechen, was wichtig sei bei Blindheit oder schwerem Augenleiden.

Pichlmeier und seine Frau Bettina haben einen großen Tisch mit Sehhilfen aufgebaut, Sprechende Wecker und Waagen, aber auch einfache Hilfsmittel wie Sockenhaltern, Münzensortierer und mehr. Besonders im digitalen Bereich hat sich viel getan: Pichlmeier spricht eine spezielle Software an. Damit sei es möglich, weiter wie gewohnt am PC zu arbeiten. Die Software lese ihm seine E-Mails sowie jeden anderen Text vor. „Und auch, was ich selbst schreibe.“ Auf die Frage, was die Krankenkasse beisteure, meint Pichlmeier, die kleinen Geräte müsse man selbst zahlen. „Aber die kosten nicht viel, eine Uhr fünf oder zehn Euro.“

Weit teurere, digitale Hilfsgeräten hat Christian Kubitschek dabei. Er demonstriert live am Gerät, wie mit einer elektronischen Lupe oder einem großen Bildschirm ganze Bücher in individuellen Schriftgrößen gelesen werden. Die Bedienung sei immer sehr einfach und man könne nichts falsch machen, sagt er. „Und hier zahlt die Kasse mit.“ Der Förderbetrag schwankte von Gerät zu Gerät und von Kasse zu Kasse. „Aber selbst die Standardgeräte sind inzwischen technisch gut und ausreichend.“

Bettina Pichlmeier erklärt die Funktion der Leselupe. Die 47-jährige Ehefrau des Bezirksvorsitzenden sieht nur einen winzigen Punkt auf einem Auge. Gehirnwasser habe ihr die Sehnerven abgedrückt, berichtet sie über ihr Leiden. Das war vor 24 Jahren und es sei innerhalb kürzester Zeit geschehen. „Es war anfangs sehr schwer für mich. Ich musste meinen Beruf als Schneiderin aufgeben und ich war Frührentnerin“, sagt sie. Ihren Mann habe sie im Verein kennengelernt.

Auch Bettina Pichlmeier bewegt sich im MGH, als sei sie hier Zuhause. Der Frau ist nichts anzusehen von ihrem Leiden. Vielen Leuten sei es peinlich, wenn sie „dann sehen wir uns bald wieder“ oder „schauen wir einmal“ zu ihr sagen. Aber das sei nicht schlimm, es seien nur Floskeln. „Die benutzen wir auch im Verein“, lacht sie.

Hintergrund:

„Keiner muss sich schämen“

Rudolf Pichlmeier spricht von 5000 bis 6000 Betroffenen in der Oberpfalz. Viele seien Vereinsmitglieder. Aber es kämen zu den Beratungstagen auch häufig Betroffene, die noch Scheu hätten, darüber zu sprechen. „Keiner muss sich schämen“, spricht er diesen Mut zu, sich dem Verein zuzuwenden.

An Nicht-Betroffenen hat der Mann ein Appell. „Wenn Sie eine Person mit dem Blindenabzeichen oder einem Stock sehen, die offensichtlich Hilfe benötigt, gehen Sie einfach hin und sprechen sie diese Person an.“ Die Sehbehinderten seien sehr dankbar dafür, weil sie selbst niemanden zu Last fallen möchten. Der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund ist seine Beratungsstelle und einen Reha-Dienst in Regensburg. Die Bezirksgruppe Oberpfalz ist über die Telefonnummer 0941 595650 oder per E-Mail regensburg[at]bbsb[dot]org erreichbar.

Zahlreiche Hilfsmittel erleichtern das Leben mit Sehbehinderung.
Rudolf Pichlmeier (rechts) zeigt dem Ehepaar Gert und Brigitte Kreil aus Fuchsmühl die neuen Geräte für Sehbehinderte.
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