06.12.2020 - 12:40 Uhr
MitterteichOberpfalz

Landkreis Tirschenreuth: Inklusion in der Krise nicht übersehen

Die Inklusion im Landkreis Tirschenreuth wurde durch die Coronakrise ausgebremst. Menschen waren isoliert, fühlten sich gar abgeschnitten von der Gesellschaft. Das zeigen erste Erkenntnisse der Studie des Netzwerks Inklusion.

Friedrich Wölfl von der Demokratie-Werkstatt und Sozialpädagogin Christina Ponader erheben für das Netzwerk Inklusion eine Studie zur Coronakrise. Im Mittelpunkt stehen Menschen in besonderen Lebenssituationen.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

Seine Eltern beschreiben Samuel Hösl als "zurückgezogen in seine eigene Welt". Kontakte nimmt der 13-Jährige mit Autismus-Spektrums-Störung (ASS) über Berührungen, Laute und Gefühlsausdrücke wahr. Nähe zu anderen Menschen ist für den jungen Mann wichtig. Doch was bedeutet es, wenn genau das aufgrund der Coronakrise plötzlich wegfällt?

Das und noch viel mehr untersucht seit Juli die Studie "Inklusion in der Corona-Zeit 2020 im Landkreis Tirschenreuth". Kinder, Jugendliche, Eltern, Lehrer, Einrichtungsleiter, Therapeuten und Selbsthilfegruppen sprechen über ihre Erfahrungen. Die Frage: Was wurde aus Inklusion in der Krise?

Ankündigung der Corona-Studie des Netzwerk Inklusion im Landkreis Tirschenreuth

Tirschenreuth

Kleine persönliche Portraits

Sozialpädagogin Christina Ponader und Friedrich Wölfl vom Netzwerk Inklusion präsentierten in einem Pressegespräch erste Erkenntnisse. Mithilfe von Fragebögen und Interviews erstellen sie kleine persönliche Portraits. Jedes beleuchtet eine individuelle Lebenssituation, aber es gibt auch Gemeinsamkeiten in den Berichten. Ziel ist es, konstruktive Vorschläge zu entwickeln, wie Inklusion künftig auch in Krisenzeiten gemanagt werden kann. "Wir versuchen herauszufinden, was man an Einzelfällen für die allgemeine Situation erkennen kann", sagt Wölfl. Dabei gehe es nicht um Schuldzuweisungen.

"Diese Zeit hat uns auch gezeigt, wo Personen durch Digitalisierung abgehängt werden."

Christina Ponader, Sozialpädagogin, Projektleitung Netzwerk Inklusion

Friedrich Wölfl führte Interviews mit den Betroffenen. "In den ersten Monaten der Krise hatte jeder Verständnis für die Situation", sagt er. Zudem wurde eine große Solidarität empfunden, da Menschen daheim blieben, um Risikogruppen zu schützen. "Doch ab Mai ging es für viele nur noch um die Zahlen. Das Soziale ging unter." In den Gesprächen stellte er fest, dass Betroffene häufig ihre Situation erst beschwichtigten. "Erst bei genaueren Nachfragen wurde die Belastung vor allem für Pflegende deutlich." Gerade für Familien wurden Homeschooling, Therapie, Beruf, Haushalt und Betreuung zu einem enormen Mehraufwand. "Zusätzlich sind im ersten Lockdown kurzfristig sämtliche Einrichtungen weggefallen."

"In den ersten Monaten der Krise hatte jeder Verständnis für die Situation. Doch ab Mai ging es für viele nur noch um die Zahlen. Das Soziale ging unter."

Friedrich Wölfl vom Netzwerk Inklusion

Die Digitalisierung könne in solchen Fällen wenig Erleichterung bringen: "Diese Zeit hat uns auch gezeigt, wo Personen durch Digitalisierung abgehängt werden", sagt Ponader. So fehle Menschen mit Behinderungen oder psychischen Beeinträchtigungen oft der technische Zugang.

Davon war auch Samuel Hösl aus Reuth betroffen. Aufgrund seiner Behinderung kann er digitale Kontakte nicht wahrnehmen. Er besucht das Förderzentrum für geistige Entwicklung in Mitterteich. In der Zeit des Lockdowns war auch diese Schule zeitweise geschlossen. Mithilfe der Beratung durch Lehrkräfte und Betreuer übernahmen die Eltern die Ausbildung. Gleichzeitig war Samuels Bruder, der eine Regelschule besucht, im Homeschooling. Da Mutter und Vater berufstätig sind, empfanden sie die Übertragung des Bildungsauftrags als Belastung. Sie sind der Meinung, dass Schule daheim mehr als Beratung der Eltern, Betreuung und Unterricht ausgestaltet sein sollte, anstatt nur Hausaufgaben zu verteilen.

Berthold Kellner, Geschäftsführer der Lebenshilfe-Kreisvereinigung, spricht aus Sicht der Einrichtungen. "Wir haben Tablets und Leihgeräte für Schüler angeschafft", sagt er. Das Problem: "Von unseren Schülern ist keiner in der Lage, die Geräte alleine zu nutzen." Rechtlich wurden die Einrichtungen der Lebenshilfe im Lockdown wie andere Schulen oder Kindergärten behandelt. "Unsere Schüler lernen lebenspraktische Dinge wie Kleidung anziehen, Wohnen oder Zusammenleben." Über digitalen Unterricht ließe sich das nicht lernen. Christina Ponader sieht hier einen Nachholbedarf, Digitalisierung barrierefrei zu gestalten.

Suche nach Beschäftigung

"Viele Betroffene suchten nach Beschäftigungsmöglichkeiten und Abwechslung", ergänzt Friedrich Wölfl. So fühlten sich einige Befragte isoliert und einsam. Aus der Perspektive von Samuels Eltern war es von Vorteil, ein Haus mit Garten zu haben. Ihnen war die Abwechslung zwischen digitaler Beschäftigung und Bewegung im Freien wichtig. Trampoline, ein Pool im Garten oder Wanderungen sorgten dafür, dass der 13-Jährige den Besuch von Festen, Freizeitparks und Spielplätzen nicht so sehr vermisste. "Diese Möglichkeiten hat aber nicht jeder", betont Wölfl.

Zur generellen Unterstützung von pflegenden Angehörigen organisiert der Verein "Offene Behindertenarbeit - Familienentlastender Dienst" in Mitterteich Betreuung und Freizeit. Berthold Kellner weiß, dass die Nachfrage enorm steigt. "Der Verein betreut 50 Kinder und Erwachsene." Mitarbeiter sind oft direkt in den Familien. Inzwischen werden aber auch Einzelbetreuungen in den Räumlichkeiten der Lebenshilfe angeboten. "Gott sei Dank haben wir die Räume und Mitarbeiter dafür", sagt Kellner.

Auch die zweite Welle sorgt für weniger Beschäftigungsmöglichkeiten. "Die Selbsthilfegruppe Behinderte/Nichtbehinderte hat bis Februar alle Veranstaltungen in ihren 13 Gruppen abgesagt", weiß Ponader. Das Problem: Viele Menschen mit Behinderung oder psychischen Beeinträchtigungen leben allein. Die Gruppenveranstaltungen waren für die Betroffenen oft das einzige Highlight in der Woche. "Werkstätten, Selbsthilfegruppe und Schulen puffern viel, aber das war monatelang nicht greifbar."

Zu wenig Rückmeldung

Zudem fand Friedrich Wölfl heraus, dass Betroffene von Behörden, Schulen, Werkstätten oder Politikern zu wenig Rückmeldung erhalten haben: "Viele Stellen sind unterbesetzt." Es gab Verwirrung wegen unterschiedlicher Regelungen in den Einrichtungen. Familien hatten mehr organisatorischen Aufwand, fühlten sich nicht informiert und gar abgewiesen. Besuchsverbote und Schließungen waren für viele undifferenziert ausgearbeitet. Menschen mit Behinderungen, die in Heimen untergebracht waren, wurden ebenso behandelt wie Senioren in Altenheimen. Das führte zur Isolation und zum Ausschluss am Arbeitsplatz. So kamen finanzielle Sorgen hinzu. Wegen Personalmangels in den Wohnheimen wurden Einzelne auch durch die außergewöhnliche Situation vernachlässigt. Ebenso fühlten sich Betroffene in den Medien nicht wahrgenommen. "Auch die Kirche war zu leise", sagt Wölfl. Das Sprachrohr für die Schwächeren in der Gesellschaft habe gefehlt.

Positives als Kollateralnutzen

In ihrer Zwischenbilanz beurteilen die Verantwortlichen der Studie die Inklusion im Landkreis als vernachlässigt oder gar ausgebremst. Positives gibt es nur wenig. "Es gibt eher Kollateralnutzen", sagt Wölfl. So berichteten einige Familien, dass sie durch die Krise mehr Zeit füreinander hatten oder Entschleunigung erlebten. Andere hatten mehr Zeit für Kreativität, Bewegung oder neue Kontakte über digitale Wege. "Das beinhaltet aber eine Zweischneidigkeit", gibt Christina Ponader zu bedenken. "Zwar hatten einige weniger zu tun als vorher, aber auch die Angst stieg, Depressionen zu bekommen." Zudem hatten viele die Befürchtung, Rückschritte zu machen.

"Es braucht einen besser organisierbaren Apparat", fordert Wölfl. Bevor wieder alle Einrichtungen auf einmal geschlossen werden, sollte stufenweise zurückgefahren werden. Das gebe Familien Zeit zur Vorbereitung. Statt genereller Besuchsverbote in Wohnheimen könnten Schnelltests eingesetzt werden. "Es sollte auch mehr differenziert werden. Menschen mit Behinderungen gehören nicht immer zu einer Risikogruppe", sagt Christina Ponader. Die Bedeutung von emotionaler Nähe dürfe nicht unterschätzt werden.

Samuel Hösl (rechts) beim Wandern mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder.
Hintergrund:

Studie: "Inklusion in der Corona-Zeit 2020"

Christina Ponader und Friedrich Wölfl haben bislang mit 25 Personen Interviews geführt und von 25 Einrichtungen Fragebögen erhalten. „Ein paar stehen noch aus“, sagt Ponader. Die Studie „Inklusion in der Corona-Zeit 2020 im Landkreis Tirschenreuth“ ist im Juli gestartet und dauert noch bis Ende des Jahres. Gemeinsam mit Nora Kellner und Erhard Zemsch geht es dann an die Auswertung und Veröffentlichung der Daten. „Wer sich beteiligen will, kann gerne noch mitmachen“, sagt Ponader. Kontakt kann über die E-Mail-Adresse christina.ponader[at]lh-tir[dot]de oder unter 09633/923198-882 aufgenommen werden.

 

 

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