09.07.2020 - 18:50 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Nun kommt im Landkreis Tirschenreuth die dritte Coronastudie

Was ist aus der Inklusion in der Coronakrise geworden? Dieser Frage geht das Netzwerk Inklusion im Landkreis nach. "Es geht dabei nicht um Schuldzuweisungen", betont Netzwerk-Leiterin Christina Ponader.

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Was wurde aus der Inklusion in der Coronakrise? Wie haben Kinder, junge Leute und Erwachsene mit Behinderungen die letzten Monate erlebt? Wie ging es ihren Eltern, Geschwistern, Lehrkräften? Was lief gut für sie, was sollte sich so nicht wiederholen?

Der von der Coronakrise besonders belasteten Landkreis Tirschenreuth ist nach Ansicht des Netzwerks Inklusion genau der richtige Ort, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Es ist geplant, das Thema mit einer eigenen Studie aufzugreifen. "Unser Fernziel ist dabei, dass das Bemühen um eine inklusive Gesellschaft auch in Stress-Situationen stärker im Blickfeld bleibt", erläutert Netzwerk-Leiterin Christina Ponader.

Viele Aspekte beleuchten

Um möglichst viele Aspekte beleuchten zu können, sollen vor allem die Betroffenen selbst zu Wort kommen. "Wir müssen alle aus der Krise der letzten Monate lernen", sagt Christina Ponader: "Zwar waren alle in der Region von den verschiedenen Einschränkungen betroffen. Aber Menschen mit Behinderungen und in besonderen Lebenssituationen waren zusätzlichen Erschwernissen ausgesetzt. Das gilt auch für Angehörige, das Personal in den Einrichtungen und andere Personen, die sich für sie beruflich oder ehrenamtlich einsetzen."

Die Sozialpädagogin startet zusammen mit Friedrich Wölfl von der Demokratie-Werkstatt im Netzwerk Inklusion im Juli eine Studie, mittlerweile die dritte im Landkreis, die sich mit der Coronakrise beschäftigt. Das renommierte Robert-Koch-Institut arbeitet an einer Expertise, welche die Krankheits- und Todesfällen auswerten soll. Die Universitäten Regensburg und Erlangen wollen mit der Antikörper-Studie "Prospektive Covid-19-Kohorte Tirschenreuth" (TiKoCo19) die Ausbreitung der Virenkrankheit erforschen. Christina Ponader und Friedrich Wölfl schätzen den Wert der beiden medizinisch orientierten Studien im Landkreis als sehr hoch ein. "Wir sehen bei der Aufarbeitung der letzten Monate aber ein Manko: Bislang kümmert sich noch niemand um die sozialen, psychischen, psychologischen Auswirkungen auf Menschen mit Behinderungen und ihre Familien." Diese Lücke wollen sie für den Landkreis füllen.

Viele Themen auf der Liste

Themen sind dabei die Folgen der Schließung von Behinderteneinrichtungen, die Regelungen für Familien, das Ausmaß und die Folgen der Kontaktbeschränkungen. Nachgehen will man auch der Qualität der digitalen Möglichkeiten für Menschen mit Einschränkungen, den Chancen und Grenzen von Videotherapien sowie der Zuverlässigkeit von Kommunikations- und Informationswegen. Der Wille zu einer "inklusiven Gesellschaft" müsse sich auch in Stress-Situationen zeigen und bewähren. Die Initiatoren gehen davon aus, dass die Corona-Regelungen in verschiedenen Lebenssituationen sehr unterschiedlich erlebt wurden. Deswegen arbeiten sie bei den Recherchen bevorzugt mit der bewährten Methodik qualitativer Erhebungen. Inzwischen steht das Konzept für die Expertise, die 2021 vorliegen soll. Geplant ist eine Dokumentation mit Daten, Interviews, Fragebögen und Porträts von Menschen in besonderen Lebenssituationen. Adressaten sind Öffentlichkeit, Behindertenorganisationen, Kooperationspartner des Netzwerks, behördliche Stellen und Mandatsträger auf den verschiedenen Ebenen.

Ein Zwischenfazit wollen die Initiatoren Ende November im Rahmen einer Veranstaltung der Volkshochschule ziehen. Dazu werden Betroffene eingeladen. Das Netzwerk will dabei auch herausfinden, was in den vergangenen Monaten gut gelaufen ist, welche Einrichtungen und Organisationen zuverlässig weiter funktioniert haben. Vor allem will es aber Verbesserungsvorschläge für die Zukunft sammeln.

Unwucht in der Gesellschaft

Friedrich Wölfl sieht auch eine gesamtgesellschaftliche Unwucht: "Mehrere Interessengruppen konnten in verschiedenen Corona-Phasen ihre Positionen in der Öffentlichkeit lautstark vertreten und waren damit zum Teil sehr erfolgreich. Dagegen blieben die "stillen Interessen" in Politik und Gesellschaft oft unberücksichtigt." Das Netzwerk Inklusion könne das Sprachrohr von Menschen sein, deren Interessen bisher kaum zu hören waren.

Die Teilnahme an der Erhebung ist freiwillig. Der Erfolg hängt deshalb von der Bereitschaft der Betroffenen ab, über Fragebögen und Interviews Auskunft über ihre Erfahrungen zu geben. Die Initiatoren werden nun auf verschiedene Personengruppen zugehen. "Wir freuen uns aber auch, wenn sich jemand von sich aus meldet", betont die Leiterin des Netzwerks Inklusion.

Ponader und Wölfl suchen auch noch Mitstreiter, die Daten und Erfahrungen zusammentragen. Wer bei der Erhebung mitmachen oder mithelfen will, soll Christina Ponader eine E-Mail schreiben (Adresse christina.ponader[at]lh-tir[dot]de) oder sich bei ihr telefonisch melden (09633/923 198 -882).

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