24.06.2020 - 19:25 Uhr
MitterteichOberpfalz

Raus aus dem Schlafanzug, rein in die Puschen!

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Rituale sind äußerst wichtig für geregeltes Lernen oder Arbeiten. Doch manchmal kann auch ein Bruch der Routinen hilfreich sein. Was wann wirkt, weiß der Lerncoach und Gedächtnistrainer Jürgen Blumberg aus Mitterrteich.

Eine große Rolle spiele der Lernort. "Die Eltern wollen das gern steuern. Die Kinder sollen in der Küche oder in ihren Zimmern lernen." Sitze der Bub plötzlich im Flur oder am Wohnzimmerfußboden, komme die elterliche Ermahnung, so könne man nicht lernen. "Man kann", betont Blumberg. Im Gegenteil würde ein Strategiewechsel gut tun.
von Ulla Britta BaumerProfil

Morgens um 8 Uhr im Schlafanzug an den Computer und mit Lernen oder Arbeiten beginnen: Das spielt sich momentan in vielen Häusern und Wohnzimmern ab. Home-Office und Home-Schooling ist in vielen Haushalten Alltag geworden. "Falsch", sagt Jürgen Blumberg und meint damit den Schlafanzug. Der Gedächtnistrainer und Lerncoach betreibt seit einigen Jahren neben seinem Beruf als Versicherungskaufmann Gedächtnistraining.

"Begonnen hat das im Betrieb für die Kollegen. Dann habe ich es ausgeweitet", berichtet der 47-jährige Mitterteicher. Inzwischen kommen Kinder, Prüflinge vor Abschlussprüfungen und auch Erwachsene zu ihm, die ihrem Gedächtnis aus unterschiedlichen Gründen auf die Sprünge helfen wollen. Der eine, sagt Blumberg, liest einen Text und kann ihn sofort auswendig. Der andere quäle sich ein Leben lang damit.

Für Jürgen Blumberg eine klare Sache. "Jeder hat seine Stärken." Sich daran zu orientieren, sei äußerst hilfreich beim Lernen. Wer visuell leichter lerne, könne zum Beispiel ein schwieriges Vokabel einer Fremdsprache farbig markieren oder sich eine Geschichte dazu ausdenken. Das helfe dem Mathematiker weniger, der zum Kartensystem greift.

„Jeder hat seine Stärken“, sagt Jürgen Blumberg. Sich daran zu orientieren, sei äußerst hilfreich beim Lernen.

Eine große Rolle spiele der Lernort. "Die Eltern wollen das gern steuern. Die Kinder sollen in der Küche oder in ihren Zimmern lernen." Sitze der Bub plötzlich im Flur oder am Wohnzimmerfußboden, komme die elterliche Ermahnung, so könne man nicht lernen. "Man kann", betont Blumberg. Im Gegenteil würde ein Strategiewechsel gut tun.

Dennoch plädiert er für klare Strukturen im Ablauf. Rituale, sagt er, seien äußerst wichtig für geregeltes Lernen oder Arbeiten. "Wenn man normal wie vor Corona zur Arbeit fährt, hat man diese auch. Man geht zuerst ins Bad oder macht das Radio an. Dann gibt's Kaffee, bevor man ins Büro geht. Oder der Kaffee wird im Büro vor der Arbeit gekocht." Lernen in Jogginghosen könne funktionieren, räumt Blumberg ein. "Aber nicht oft." Die Eltern hätten einen riesigen Vorsprung mit ihren Kindern beim täglichen Einhalten solcher Strukturen. "Am besten am Vortag planen. 8 bis 9.45 Uhr lernen, bis 10 kurze Pause, die Kinder dürfen kurz ins Handy schauen, dann geht's weiter."

Blumberg macht Gedächtnistraining für alle Altersklassen, vom 6- bis 86-Jährigen. "Der Kopf funktioniert immer gleich", weiß er. Sudokus und Kreuzworträtsel seien gut. "Aber auf Dauer fordern sie nicht mehr." Besser sei, das Verhalten zu wechseln. Und sei es nur, den Stift mal in die andere Hand zu nehmen. Vor allem bei den Senioren, die jetzt ohne soziale Kontakte daheim sitzen, könne das Denkvermögen rasch nachlassen.

Blumberg erzählt von seinem 84-jährigen Vater, dem er "laut zeichnen" angeraten habe. Dabei solle man auf ein Blatt Diagonalen zeichnen in alle Richtungen. Wer die Vorgänge laut ausspreche, aktiviere mehrere Sinne gleichzeitig. "Sehen, Motorik, Hören und Sprechen." Das sei pure Konzentration. Eine einfache Übung sei das Einkaufen ohne Merkzettel. Danach könne man schauen, was man geschafft habe. "Nicht, was er nicht geschafft hat", betont Blumberg lachend. Er lehnt Negativbeispiele rigoros ab im Hinblick auf positive Lernerlebnisse.

Jürgen Blumberg plädiert für klare Strukturen im Ablauf. Rituale seien äußerst wichtig für geregeltes Lernen oder Arbeiten. Wer im Büro arbeitet, kommt ja auch nicht im Schlafanzug zum Job.

"Machen Sie eine Nicht-Challenge am Wochenende. Sie werden merken, wie stark negative Aussprachen im normalen Alltag verankert sind." Einfaches Beispiel: "Lass das Glas nicht fallen" heißt dann "Halte das Glas fest." Positive Mitteilungen an die Kinder wirkten Wunder. Allein die Frage bei einer Schulnote "Welche Noten hatten die anderen?" würde sogar eine gute "Zwei" in Mathe sofort negativ schmälern.

Jürgen Blumberg denkt besonders an die Kindern und jungen Leuten, die nach acht Wochen Schulabstinenz Abitur schreiben oder sich für den Übertritt in eine weiterführende Schule qualifizieren müssen. "Da sind starke Ängste vorhanden." Helfen könne, sich auf die Stärken zu besinnen wie "Ich habe das bisher immer gut gemacht. Also kann ich es". Oder einfach Tricks anwenden wie einen Bleistift zwischen die Zähne klemmen. "Das aktiviert die gleichen Nerven wie beim Lächeln. Schon ist das Gemüt fröhlich, weil der Kopf denkt, der Mensch lacht."

Jüngere Schüler könnten sich einen "Zaubertrank" machen oder um sich herum einen visuellen "Schutzschirm" gegen Prüfungsangst aufbauen. "Und natürlich ist es wichtig, sich klar zu werden, was diese Angst überhaupt begründet", so Blumberg.

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