14.03.2021 - 15:05 Uhr
MitterteichOberpfalz

Zwölf Schlussfolgerungen für Landkreis Tirschenreuth und Gesellschaft sind Ergebnis der Corona-Studie des Netzwerk Inklusion

Welche Herausforderungen gab es in der Zeit des ersten Lockdowns für Menschen mit Behinderung, Angehörige und soziale Einrichtungen? Eine Studie des Netzwerk Inklusion fand auf diese Fragen Antworten durch Betroffene aus dem Landkreis.

Friedrich Wölfl (von links) arbeitete mit Christina Ponader an der Studie "Inklusion unter Corona-Bedingungen im Landkreis Tirschenreuth: Situationen - Erfahrungen - Folgerungen." Die Präsentation der Ergebnisse begleiteten Franz Malzer, Zweiter Vorsitzender der Lebenshilfe KV Tirschenreuth, Berthold Kellner, Geschäftsführer der Lebenshilfe KV und Landrat Roland Grillmeier, Erster Vorsitzender der Lebenshilfe KV.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

"Mein Sohn ist schwerbehindert. Er lebt in einem Wohnheim außerhalb des Landkreises", berichtet Franz Malzer, Zweiter Vorsitzender der Lebenshilfe Kreisvereinigung (KV) Tirschenreuth. "Als Corona im März 2020 losging, war er übers Wochenende bei uns zu Besuch." Es folgte ein Anruf des Wohnheims: Der Sohn sollte schnellst möglich in das Heim zurückkehren, sonst dürfe er wegen den geltenden Kontaktbeschränkungen nicht mehr hinein. Die Eltern taten wie geheißen, auf die Beschränkungen folgte das Besuchsverbot. "Zwölf Wochen haben wir unseren Sohn nicht mehr gesehen", schildert Malzer bei der Präsentation der Studie "Inklusion unter Corona-Bedingungen im Landkreis Tirschenreuth".

Studie mit 147 Seiten

Zwölf Schlussfolgerungen haben Christina Ponader und Friedrich Wölfl vom Netzwerk Inklusion erarbeitet. Sie haben ab Sommer vergangenen Jahres 30 Personen aus 23 Haushalten und 45 Einrichtungen zu ihren jeweiligen Situationen und Erfahrungen befragt. Ihre Studie untersucht die Bedeutung und Folgen der Coronakrise in der Zeit des ersten Lockdowns für Menschen mit Behinderung, Angehörige sowie Personen mit öffentlichen Funktionen im Bereich Inklusion und sozialen Einrichtungen. "Ihr habt das kompakt und auch mit viel Herzblut erarbeitet", lobt Landrat und Erster Vorsitzender der Lebenshilfe KV Roland Grillmeier. Die Studie umfasst 147 Seiten und hat eine Auflage von 150 Exemplaren. Sie wurde nicht mit statistischen Befunden erhoben, sondern Portraits und persönliche Eindrücke von Lebenssituationen und Arbeitsfeldern zeigen Herausforderungen, Ängste, Forderungen an Entscheidungsträger und auch positive Aspekte. Es bestehe Anspruch auf "anekdotische Evidenz". "Diese Studie ist mustergültig für ganz Bayern", betont Grillmeier.

"Ich möchte, dass auch ich und meine Tochter von der Gesellschaft und vom Staat als systemrelevant anerkannt werden."

Alleinerziehende Mutter einer erwachsenen Tochter mit Behinderung

Zu den Studienteilnehmern gehörten auch eine pflegende Mutter und ihre erwachsene Tochter, die in der Regel im Rollstuhl sitzt. Die Tochter kann sich mit anderen Menschen nur schwer verständigen. Bis zum März 2020 war sie täglich in der Fördergruppe einer Behinderteneinrichtung. Die Mutter arbeitet in einem Pflegeheim. Seit März habe sie nur zwei Info-Briefe von der Förderstätte erhalten. Sie habe versucht persönlich Kontakt herzustellen. "Ich war dort, da war niemand erreichbar", wird die Frau in der Studie zitiert. Die Tochter musste auf Therapien verzichten. Damit sie keine Rückschritte in ihrer Beweglichkeit machte, trainierte die Mutter mit ihr. Die Alleinerziehende hätte sich gewünscht, dass bei ihr mal jemand nachgefragt hätte: "Wie geht's euch denn so?" Stattdessen hatte sie das Gefühl, dass alle denken: "Die sind's eh gewohnt, allein zurechtzukommen." Für die Zukunft wünscht sie sich zuverlässigere Informationen durch Medien und soziale Einrichtungen. "Ich möchte, dass auch ich und meine Tochter von der Gesellschaft und vom Staat als systemrelevant anerkannt werden."

Friedrich Wölfl stellte in seinen Interviews fest: "Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung kommen in der Politik selten vor." Präsenter waren stattdessen Probleme von Autohäusern, Einzelhandel oder der Bundesliga. Auch im zweiten Lockdown habe sich nicht viel verbessert, die Verantwortlichen sehen "Inklusion im Corona-Stresstest stark gefährdet". Deshalb werden die Erfahrungen aus dem Landkreis Tirschenreuth nun an Mandats- und Entscheidungsträger auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene geschickt. Ebenso geht die Studie an Behörden, Ämter, Organisationen und regionale wie überregionale Medien. So könne nicht nur vor Ort, sondern auch darüber hinaus aus den Schlussfolgerungen gelernt werden.

Feste Ansprechpartner wichtig

Aber was könnte helfen, die Situation zu verbessern? Christina Ponader spricht einige Beispiele an. "Bei vielen ging es um das Thema Grundversorgung. Das bedeutet aber nicht nur Wohnen und Essen, sondern auch feste Ansprechpartner." Sie erklärt, dass sich Menschen mit psychischen Erkrankungen oft abgehängt fühlten. Einige Befragte sagten in der Studie: "An mich ist nicht gedacht worden."

Ein weiteres Problem: Behörden stehen sich in der Krise oft im Weg. "Unterschiedliche Regelungen führten zu Verwirrungen." Das bestätigt auch Berthold Kellner, Geschäftsführer der Lebenshilfe KV und betont: "Viele Informationen kamen zu spät. Unsere Einrichtungen haben zwei Mal geschlossen, aufgrund von Pressemitteilungen. Die Verfügung haben wir oft erst erhalten, als schon alles zu war." In seiner Funktion als Bezirkssprecher der Oberpfälzer Lebenshilhe sagt er zudem: "Auch der Kontakt zu der Politik ist uns komplett verloren gegangen." Sozialpolitiker, Bezirkspolitiker oder Landtagsabgeordnete antworten nicht auf Anfragen. "Wir werden in Entscheidungen nicht einbezogen."

Landrat Roland Grillmeier hat Verständnis: "Es wird zu wenig kommuniziert. Die Pandemie ist die Zeit des schnellen Handelns. Behörden, die alles regeln wollen, stehen im Weg." Für ihn bräuchte es mehr Pragmatismus vor Ort. Ihm gefällt der Vorschlag von regionalen runden Tischen mit Krisenstäben, Politikern, Betroffenen und Verbänden, um Erfahrungen konstruktiv zu sammeln und aufzuarbeiten. Friedrich Wölfl wollte von ihm wissen: "Sehen sie eine Chance einen Inklusions-Gipfel durchzuführen." Der Landrat: "Die Erfahrung hat gezeigt, dass es Ansprechpartner für dieses Thema gibt." Die Corona-Studie sei dafür ein guter Anlass.

Hier lesen Sie noch mehr über die Corona-Studie des Netzwerk Inklusion in Tirschenreuth

Mitterteich
Hintergrund:

Die zwölf Schlussfolgerungen im Überblick

  • Kontaktbeschränkungen differenziert nach existenziellen Bedürfnissen regeln. Soziale Kontakte und Beziehungen sind ein Grundbedürfnis und sichern die psychische Gesundheit.
  • Verständnis von Grundversorgung erweitern. Dazu gehören Wohnen Einkaufen, Schule Arbeit, Therapie, Freizeitangebote, körperliche und psychische Gesundheit, finanzielle Absicherung, Information sowie die Erreichbarkeit von Behörden und Ämtern. Grundversorgung sollte barrierefrei und niedrigschwellig zugänglich sein.
  • Besondere Bedürfnisse und Entlastungsmöglichkeiten bei jeder Entscheidung mitdenken. Menschen die auch unter Normalbedingungen unter hoher Belastung stehen (wie Pflegende, Angehörige, Familien, Alleinerziehende) müssen auch in der Krise berücksichtigt werden. Sie brauchen entsprechende Unterstützungsmöglichkeiten.
  • Hilfs- und Unterstützungsstrukturen gerade für Menschen mit Behinderung absichern.
  • Einheitliche Regelungen zwischen Behörden und Einrichtungen sicherstellen.
  • Schutzausrüstungen und Notfall-Strukturen dauerhaft auf Standby-Modus halten - präventiv agieren. Notwendige Ausrüstung sollte im Krisenfall schnell greifbar sein.
  • Bei jeder Entscheidung auf jeder Ebene deutlicher differenzieren. Rahmenvorgaben und Leitlinien sollten weiter auch einen selbstständigen Umgang in der Ausgestaltung vor Ort zulassen.
  • Jede Entscheidung auch unter Zeitdruck begründen und verständlich für alle Bevölkerungsgruppen veröffentlichen.
  • Entscheidungen im Vorfeld partizipativ erarbeiten statt nur behördlich verfügen.
  • Kontinuierlich "inklusiv denken": Synergieeffekte zwischen staatlich und gesellschaftlichen Akteuren finanziell, personell, organisatorisch unterstützen. Der Nutzen für alle Menschen sollte im Mittelpunkt stehen. Es braucht eine gesellschaftlich inklusive Haltung.
  • Interessen von Menschen mit Behinderung nachhaltig wahrnehmen und ihre Bedürfnisse mutig und öffentlichkeitswirksam artikulieren.
  • An regionalen Runden Tischen (zum Beispiel "Inklusions-Gipfel Tirschenreuth") Erfahrungen sammeln und kritisch-konstruktiv aufarbeiten.

 

 

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