17.01.2019 - 09:35 Uhr
MoosbachOberpfalz

Schwerstarbeit für Glockendiebe

Die Wieskirche bei Moosbach ist in der Vergangenheit immer wieder Opfer von Einbrechern geworden. Zwei Fälle erregten besonderes Aufsehen.

Beherzte Bürger retteten die Glocken der Wieskirche vor dem Einschmelzen. Den Tätern drohte die Todesstrafe. Das Bild zeigt die Wieskirche zum Zeitpunkt des „Glockendiebstahls“.
von Peter GarreissProfil

Vor 40 Jahren ereignet sich ein schwerer Kunstraub in der Wieskirche. Fast die Hälfte der Votivtafeln aus dem 18. Jahrhundert werden gestohlen. Sie sind bis heute verschwunden. Aber vor über 100 Jahren ereignete sich in der Wallfahrtskirche ein noch schlimmerer Einbruch, der für die Täter hätte ganz schlimm ausgehen können.

Im Ersten Weltkrieg geriet die Rüstungsindustrie im rohstoffarmen Deutschland bald in Materialnot. Deswegen erging die Anordnung, dass Kirchenglocken abzuliefern sind. Diese wurden dann eingeschmolzen und in Kriegswaffen umgegossen. In der Bevölkerung regte sich dagegen großer Widerstand.

1917 und 1918 retteten beherzte Bürger die Glocken der Wieskirche bei Moosbach sowie der Ortskirche Burgtreswitz und tricksten die Obrigkeit aus. Die Rettungstat bestand darin, dass sie selbst in die Kirchen „einbrachen“, die Glocken „stahlen“ und anschließend auf den Feldern vergruben. Brave Bürger also klauten die Kirchenglocken und das Volk jubelte. Berge von Akten der Staatsanwaltschaft erinnern an diese schlimme Zeit, als vor 100 Jahren die Kirchenglocken zu Kanonen umgeschmolzen wurden.

Durch die Sakristei in die Kirche

Am 14. März 1918 berichtete der Moosbacher Vizewachtmeister Adam Aug an die Staatsanwaltschaft Weiden: „Ende November oder Anfangs Dezember 1917 wurde aus der Wieskirche bei Moosbach eine Kirchenglocke gestohlen. Besagte Glocke war nicht mehr auf den Turm, sondern in der Wieskirche zur Abholung bereitgestellt. Die Täter haben die Sakristeitür eingesprengt und dann die Glocke entwendet. Ihr Gewicht betrug circa 7 bis 8 Zentner. Zur Fortschaffung mussten demnach mindestens 5 bis 6 starke Personen dabei gewesen sein. Anhaltspunkte zur Ermittlung der Täter sind gar keine vorhanden.

Es besteht aber der dringende Verdacht, dass die Glocke von Bewohnern der nahe gelegenen Ortschaft Grub beseitigt wurde. Denn die Ortsbewohner von Grub haben die Glocke auch gekauft und bezahlt. Außer diesen hätte niemand Interesse an der Glocke gehabt. Die Erhebungen werden fortgesetzt.“ Vier Wochen später wurde auch die zweite, circa fünf Zentner schwere, Glocke aus der Wieskirche gestohlen. Sie hing am 14. Januar 1918 noch im Turm. Am anderen Tag in der Frühe war sie weg, berichtet Adam Aug. Sein Protokoll lautet weiter: „Die Glocke wurde mit der im Dezember 1917 gestohlenen Glocke sicherlich vergraben. Die Täter begaben sich zu der unversperrten Sakristeitüre in die Kirche. Von da aus auf den Kirchturm, nahmen die Glocke ab und verschwanden damit. Verdacht gegen irgendeine Person kann niemand aussprechen.“

Tätern drohte Todesstrafe

Polizeiwachtmeister Adam Aug hatte damals sehr viel Arbeit, denn einen Tag zuvor wurde auch die zweite Glocke der Filialkirche Burgtreswitz beiseite geschafft. Im Protokoll des Beamten liest sich das so: „Die Glocke hing noch auf dem Kirchturm. Von den Tätern hat man keine Ahnung. Der Diebstahl wurde in folgender Weise ausgeführt: Die Täter stiegen mittels Leiter zum Sakristeifenster in die Höhe, drückten vom verschlossenen Fenster die Scheibe ein, reibelten sodann das Fenster auf und begaben sich durch das Fenster in die Kirche zum Turm. Nach Herabnahme der Glocke aus dem Turm haben sie sich durch Mitnahme der Glocke auf gleichem Wege wieder entfernt.

Die fragliche Glocke war einen Zentner schwer, konnte somit von zwei Männern leicht getragen werden. Trotz eingehenden Recherchen hat man bis jetzt keine Anhaltspunkte die zur Täterermittlung führen würde. Die Erhebungen werden fortgesetzt. Ein Ergebnis wird Herrn Staatsanwalt sofort mitgeteilt. Am 28. Januar 1918 wurden auf Anordnung des königlichen Bezirksamtes Vohenstrauß in Grub und Burgtreswitz durch Vinzenz Reitinger von Vohenstrauß und Sergeanten Schaad von Waidhaus Hausdurchsuchungen vorgenommen, die gänzlich resultatlos verliefen. „Sicherlich sind die Glocken auf den Feldern vergraben“, berichteten sie. Die Staatsanwaltschaft erkannte recht bald, dass sie gegen die „Glockendiebe“ nichts ausrichten konnte. Sie stellte deshalb viele Verfahren 1917/1918 einfach vorläufig ein und vermerkte „Wiedervorlage nach Kriegsende“.

Zum Glück der Täter, denn bei dem Glockendiebstahl handelte es sich um das Delikt „Wehrkraftzersetzung“, und darauf standen schwerste Strafen, bis hin zur Todesstrafe. Doch auch nach Ende des Krieges im November 1918 blieb es bei der Entscheidung, die Hintergründe über das vorübergehende Verschwinden der Kirchenglocken nicht mehr zu klären, denn mittlerweile hingen die gestohlenen Glocken zur Freude der Gläubigen wieder im Turm der Wieskirche und der Ortskirche Burgtreswitz.

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