Kapplwirt-Pony Maxl hat Gaudi in Münchenreuth ins Rollen gebracht

Der Michareither Faschingszug fällt aus. Besonders bitter ist das für die Pioniere, die teils 60 Jahre lang dabei sind. Sie erzählen in der Serie mit Geschichten aus dem Michareither Fosnatbladl aus alten Tagen.

von Ulla Britta BaumerProfil

Zum 49. Mal sollte am Faschingsdienstag der Gaudiwurm in Münchenreuth stattfinden. So erhofften es sich die Akteure des Schlüsselclubs. Doch der Faschingshöhepunkt im Kappldorf ist abgesagt. Sehr traurig darüber sind auch die Pioniere, die vor Jahrzehnten in Münchenreuth alles ins Rollen gebracht haben.

Die 83-jährige Agnes Bartl zählt zu den Gründerinnen. Damals eine junge Mutter, wollte sie zu Fasching mit den anderen Frauen im Dorf für die Kinder was auf die Beine stellen. Agnes Bartl erinnert sich an das Pony vom Kappl-Wirt. "Wir haben es vor einen Wagen gespannt und die Kinder damit in Kostümen durchs Dorf gefahren. Dieser Ein-Wagen-Umzug in Begleitung der Münchenreuther Bauernkapelle sollte Geschichte machen.

„Die Raupe habe ich noch. Ich kann sie nicht wegwerfen.“

Agnes Bartl über eine ihrer Verkleidungen

Agnes Bartl erinnert sich noch an den Bratwurststand, den ihr leider kürzlich verstorbener Mann Josef betreut habe. Um ausgefallene Faschingskostüme war die junge Mutter nie verlegen. Von den „Sieben Schwaben“ bis zur sechs Meter langen grünen Raupe hat sie jede Menge lustige Verkleidungen zusammengeschustert, für sich und die Familie. „Die Raupe habe ich noch. Ich kann sie nicht wegwerfen“, erinnert sie sich gern zurück.

Die Konfettikanone

Konrad Männer, heute 80 Jahre alt, war in den Gründerjahren acht Jahre lang Schlüsselclub-Vorsitzender. Männer denkt gern daran zurück und erinnert sich lachend an die große Konfettikanone, die er gebaut hat. Aus anfänglich vier, fünf Motivwagen, erzählt er, seien über 20 geworden.

Immer in Erinnerung behält Konrad Männer das Derblecken der Eingemeindung von Münchenreuth. „Wir haben den damaligen Waldsassener Bürgermeister Fischer beim Angeln dargestellt. Im Teich saß ein Bub und winkte mit dem Schild ,Münchenreuth, Kondrau und Querenbach‘.“ Alle drei Dörfer wurden eingemeindet, was für viel Empörung unter den Dorfbewohnern geführt habe. Konrad Männer mag es, dass Münchenreuth immer das Derblecken der Kommunalpolitik in den Vordergrund stellt. Das sei das Besondere, sagt er.

Kartoffelfeld auf dem Themenwagen

Mit ein wenig Wehmut in der Stimme erzählt er vom VW Käfer, der 45 Jahre als Prinzenwagen durchgehalten habe. „Den haben wir 1958 beim Enslein geholt“, so Männer. Für ihn als Kfz-Mechaniker sei es leicht gewesen, das Auto für den Fasching umzubauen. Da anfänglich das Schulhaus noch benutzt war, sei der Umzug gen Kappl-Wirt oder Panzen gezogen, wo es immer hoch herging danach.

"Jeder im Dorf hat mitgemacht," freut sich Männer über den Zusammenhalt. Ehefrau Barbara erzählt von authentisch nachgeahmten Politikern wie Franz Josef Strauß oder Stars wie Heino oder „Gottlieb Wendehals“. Einmal, erinnert sie sich, sei ein ganzes Feld auf einen Themenwagen gebaut worden. „Wir Frauen haben dann nach Kartoffeln gegraben." Der Hingucker sei die Rüschchen-Unterwäsche gewesen, lacht sie heute noch über derart viel "Freizügigkeit" im Fasching vor 50 Jahren.

Rote Röckchen, weiße Schärpen

Stolz ist Barbara Männer auf ihr Mitwirken in der „Silbernen Jubiläumsgarde“ zum 25. Geburtstag des Gaudiwurms. Wunderschön seien die Kostüme geworden, erzählt sie. „Wir nähten alles selbst, rote Röckchen und weiße Schärpen.“

Genäht wurde meistens beim Kappl-Wirt. Daran erinnert sich noch gut Traudl Rosner. Die Kapplwirt-Seniorin könnte einen abendfüllenden Roman über den Münchenreuther Fasching schreiben. Nächtelang habe sie hinterm Tresen durchgearbeitet, sagt sie. Das Pony mit dem ersten Gaudiwagen sie ihr Maxl gewesen. Und als Bratwurststand habe damals ein einfacher Biertisch ausreichen müssen.

Tochter die erste Faschingsprinzessin

Beim Gedanken an die überfüllte Wirtshausstube gerät die Kappl-Wirtin ins Schwärmen. „Keine Maus hat mehr reingepasst. In jede Ecke, auf jedes Fensterbrett quetschte sich jemand. Das war jedes Mal ein Zirkus, bis alle wieder gegangen sind.“ Stolz erzählt sie von ihrer Tochter Gertraud. Sie sei die erste Faschingsprinzessin des Umzugs gewesen, mit Robert Zinnecker als Prinz.

Auch Konrad Wifling, der 18 Jahre lang Dirigent der Münchenreuther Bauernkapelle war und deren Mitgründer, wird die Pionierjahre nie vergessen. Regelmäßig sei er auch als Alleinunterhalter mit der Quetsch’n oder einer Trommel am Buckel aufgetreten, erzählt er. Und er habe manche Büttenrede gehalten. Schmunzelnd bezeichnet sich Wifling selbst als den „größten Narren von Münchenreuth“. Seine Aufgabe sei es gewesen, die Schriftzüge für die Themenwagen auszusuchen und zu texten.

Absage wegen Golfkriegs

Heute, nach 60 Jahren Fasching, hilft der 79-jährige Entertainer seinem Enkel beim Herrichten von Faschings-Wagen. Es sei aber nicht das erste Mal in den 50 Jahren, dass ein Umzug ausfalle, weiß Wifling.

Vor einigen Jahrzehnten, während des Golfkrieges, habe der Schlüsselclub schon einmal einen Umzug absagen müssen. Auf die Frage, warum er dem Fasching ein Leben lang treu geblieben sei, überlegt Konrad Wifling nicht lange. „Die Gaudi. Es ist immer was los bei uns im Dorf.“

Der achte Teil der Fosnatbladl-Serie

Münchenreuth bei Waldsassen

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