16.10.2018 - 14:39 Uhr

Den Mut zur Lücke finden

Die Zeit ist reif für "Minimalismus". Martha M. ist auf dem besten Weg dazu. Sie trennt sich von allen Dingen, die sie nicht braucht - und hat jetzt plötzlich viel Zeit zu leben.

Die Zeit ist reif für den „Minimalismus“. Wer sich von überflüssigen Dingen trennt, hat mehr Zeit zum Leben. Bild: By Paul – stock.adobe.com
Die Zeit ist reif für den „Minimalismus“. Wer sich von überflüssigen Dingen trennt, hat mehr Zeit zum Leben.

Der Dachboden war schuld. Mit ihm hat es angefangen. Wenn auch zu keinem Zeitpunkt die Gefahr bestand, er könne ihr auf den Kopf fallen. Am Ende war er der letzte, der an die Reihe kam. Eine lange Reihe von kleinen Schritten, die Martha M. (Name der Red. bekannt) gegangen ist auf ihrem Weg zu einem einfacheren Leben.

Der Begriff "Minimalismus" bringt bei Google aktuell ein Suchergebnis von mehr als 7 Millionen Seiten. Das Wort ist in aller Munde. Aber was ist Minimalismus? Ist Martha M. eine Minimalistin, nur weil sie seit Jahren weggibt, verkauft, verschenkt, was sie nicht mehr braucht? Was sie noch nie brauchte? Was sie nur hatte, um andere zu beeindrucken? Sie selbst bezeichnet sich "nur unter Vorbehalt" als Minimalistin, sie sei noch meilenweit entfernt davon, sich auf das Notwendige zu beschränken, sagt sie.

Bücher angehäuft

Martha M. war noch nie eine Sammlerin, sieht man von den Büchern ab, von denen sie in Jahrzehnten um die 3500 angehäuft hat ("ich habe in einer Bücherei gelebt"). Von diesen Büchern dachte sie, sich niemals trennen zu können. Bis der Dachboden sie eines Besseren belehrte.

Auf diesem Dachboden befanden sich allerhand Deko-Gegenstände, ausgemustertes Computer-Zubehör und Dinge wie Lebendfallen für Mäuse oder eine nie benutzte Küchenmaschine samt Zubehör. Sie litt unter diesem Dachboden, den sie als Müllhalde empfand. Immer wieder unternahm sie in Gedanken einen Versuch, die Deko-Ente wie auch die Mäuse-Lebendfalle und all den anderen Kram herunterzuholen und zum Sperrmüll zu stellen, immer wieder verwarf sie den Gedanken jedoch, wenn sie an die Hühnerleiter dachte, die sie zigmal hinauf und hinunter hätte klettern müssen. "Ich hab' mich schon mit gebrochenem Hals, die Ente unter dem Arm, am Fuß dieser schrecklichen Treppe liegen sehen."

Dann begann Martha M. ernsthaft mit dem Ausmisten - und sie tat das über drei Jahre hinweg so gründlich, dass sie einmal gefragt wurde, ob sie wegziehe. Sie gab die Rosenthal-Tassen ihrer Mutter weg (nie benutzt), sie verschenkte ihre riesige CD-Sammlung und staunte, dass junge Leute sich dafür interessierten - und sie trennte sich von ihren Büchern.

Alles am richtigen Platz

Martha M. nahm sich als erstes ihren Schuppen vor und staunte am Ende eines sehr staubigen und anstrengenden Tages darüber, wie ein Gartenschuppen aussehen kann, wenn alles an seinem Platz steht oder hängt. Besonders gefiel ihr, dass das "alles" nur noch aus den wenigen Gartengeräten bestand, die sie in Verwendung hatte.

Wochenlang zehrte sie von dem so herrlich übersichtlichen Schuppen. Keine vermüllten Ecken mehr, keine übereinander gestapelten Dinge. In M.s Schuppen sah man auf Anhieb, was er enthielt. Was man nicht sah, gab es nicht. Damit entfiel fortan das lästige Suchen nach Gerätschaften, die unter anderen verborgen waren. Martha M. weiß heute genau, was sie hat und wo es lagert. Seither sind Spaten und Baumschere sauber geputzt, nichts rostet mehr, denn die wenigen verbliebenen Werkzeuge lassen sich ohne großen Zeitaufwand pflegen.

Überflüssiges verschenken

"Wenn man einmal angefangen hat mit dem Ausmisten, mit dem Beschränken auf das, was man wirklich benutzt, wird das regelrecht zur Sucht", sagt sie. "Und man findet dauernd wieder etwas, was man nicht braucht." Dabei hatte M. noch nie mehrere Kaffee- und Speise-Services, wie in vielen Haushalten üblich, keine drei Kaffeemaschinen, keine zehn Blumenvasen, die allenfalls in Haushalten Sinn machen, die regelmäßig Gesellschaften geben. Trotzdem findet Martha M. seit Jahren immer wieder Sachen, die sie verschenkt oder verkauft.

Und was bleibt dann? Eine leere Wohnung? "Überhaupt nicht. Es geht ja nicht um ein Weggeben um des Weggebens willen", sagt M. Jedes Ding, um das man sich nicht mehr kümmern müsse, mache freier. Und kümmern müsse man sich um jedes Ding, das man anschaffe, wolle man es nicht verrosten, verstauben oder sonstwie verrotten lassen. "Man macht sich in irgendeiner Form zum Sklaven all seiner Dinge." Martha M. hat früher Autos geliebt, hatte jahrelang einen Oldtimer neben dem Alltagswagen. "Die waren wunderschön, aber wenn ich an den Zirkus denke, dass man bei jedem schönen Wetter überlegt hat, ob man den Oldtimer ausfährt, dann musste man zur Garage fahren, die Autos wechseln und so weiter."

Leerer Dachboden

M. hat inzwischen mit der Hilfe von Freunden auch den Dachboden leergeräumt. Und es war tatsächlich nichts dort oben, das bleiben durfte. "Der Satz, dass man alles weggeben kann, was man ein Jahr lang nicht benutzt oder angezogen hat, der stimmt wirklich. Das ist eine riesige Selbsttäuschung, dass man glaubt, das oder das braucht man vielleicht irgendwann wieder."

Und was bleibt wirklich nach all dem Ausräumen und Beschränken? "Es bleibt auf einmal unerhört viel Leben übrig, wenn man sich nicht mehr um so viel Kram kümmern muss." (eig)

So mag Martha M. ihren Schreibtisch: „Da verirren sich die Gedanken nicht in einem Papierstapel.“ Bild: Gabi Eichl
So mag Martha M. ihren Schreibtisch: „Da verirren sich die Gedanken nicht in einem Papierstapel.“
So sah es vor einem Jahr bei Martha M. aus, inzwischen hat sie sich noch von mehr Dingen getrennt. Bild: Gabi Eichl
So sah es vor einem Jahr bei Martha M. aus, inzwischen hat sie sich noch von mehr Dingen getrennt.
Und auf einmal bleibt viel mehr Zeit zum Leben, wenn der Kram keine Zeit mehr beansprucht. Bild: Gabi Eichl
Und auf einmal bleibt viel mehr Zeit zum Leben, wenn der Kram keine Zeit mehr beansprucht.
 
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