04.12.2021 - 12:33 Uhr
NabburgOberpfalz

Angst vor Corona bleibt auch nach Transplantation

Der Nabburger Helmut Röder will der so oft thematisierten "vulnerablen Gruppe" endlich ein Gesicht geben und erzählt seine bewegende Geschichte. Es geht um den Kampf gegen den Tod, die Furcht vor Covid und ein Leben voller neuer Hoffnung.

Helmut Röder aus Nabburg will der vulnerablen Gruppe ein Gesicht geben.
von Sebastian Böhm Kontakt Profil

Draußen ist die Pandemie. Es tobt gerade die vierte Corona-Welle - in der Oberpfalz sogar schlimmer als in vielen anderen Teilen Deutschlands. „Nur nicht an Covid erkranken“, sagt Helmut Röder. Er sitzt in seinem Haus in Nabburg. Kein Corona bekommen - das hat Priorität. Denn das Immunsystem von Helmut Röder wurde mit speziellen Medikamenten heruntergefahren.

Schon im letzten Winter hing sein Leben am seidenen Faden. Doch in diesem Jahr ist es anders - zum Glück. Und dennoch schwebt Helmut Röder in Lebensgefahr. Aber der Reihe nach.

Der 58-Jährige gehört zu der vulnerablen Gruppe, über die aktuell so viel gesprochen wird. Es ist diese Gruppe, die wir alle mit der Corona-Impfung beschützen sollen - aber nur wenige kennen die Geschichten dieser Menschen. Hinter jeder steckt ein Einzelschicksal. Helmut Röder will dieser Gruppe nun ein Gesicht geben. Er will klare Botschaften vermitteln: „Ich kann einfach nicht verstehen, warum sich jetzt immer noch nicht alle impfen lassen, die es können. Es gibt ja genügend Informationen.“ Und er will Mut verbreiten. Er will zeigen, dass es auch in den größten Krisen ein Happy End geben kann, wenn man nur lange genug nicht aufgibt.

Alles begann mit einem Unfall

Um die Botschaften klarer zu machen, wechseln wir nun auch aus dem lateinischen Ursprung ins Deutsche. Helmut Röder ist vulnerabel. Er ist also verwundbar. Und alles begann mit einem Motorradunfall, der schon ewig her ist. Bluttransfusionen, Hepatitis C, Leberzirrhose, die letzten 14 Jahre kämpfte Helmut Röder gegen den Tod und gewann das Duell immer wieder. Auch wenn es oft knapp war.

Vor ein paar Wochen bekam der Nabburger eine neue Leber. Sein Immunsystem wurde dafür heruntergefahren. Immunsupprimiert nennen das die Fachleute. In einer Pandemie, in der Abwehrkräfte eine entscheidende Rolle spielen, ist das ein denkbar schlechter Zeitpunkt. Aber es muss sein. Es soll verhindert werden, dass der Körper das fremde Organ abstößt. Das ist nämlich schon einmal passiert.

Im Jahr 2012 bekam Helmut Röder seine erste Spenderleber. Es klappte nicht. Die Leidenszeit begann erneut. Doch auf der Warteliste für ein neues Organ stand der 58-Jährige seitdem immer weit unten - obwohl er große Beschwerden hatte. Er kämpfte mit Entzündungen. „Diese Patienten fallen ein bisschen durch das Raster“, erklärt Professor Stefan Brunner von der Uniklinik Regensburg. Drei Laborwerte seien entscheidend, um auf der Liste nach oben zu wandern. "Und die waren bei Helmut Röder immer gut - obwohl er Schmerzen hatte", erklärt der Arzt, der den Nabburger nun schon über ein Jahrzehnt medizinisch begleitet.

Eine medizinische Trendwende

"Mir geht es besser im Gegensatz zu 2012 – ich bin schon deutlich weiter", sagt Helmut Röder. Professor Brunner setzt da sogar noch einen drauf: "Es geht ihm sogar so gut, wie wir es zuvor nicht für möglich gehalten hätten." Helmut Röder hatte Glück. In all den Jahren der Rückschläge, kam nun diese medizinische Trendwende.

Der Nabburger war der erste Patient an der Regensburger Uniklinik, dem ein Organ mit einer völlig neuen Methode transplantiert werden konnte. Die Ärzte können die Leber nun vor der Transplantation nämlich viel besser überprüfen als das zuvor möglich war. Viele Patienten, die auf der Warteliste weiter unten stehen, können neue Hoffnung schöpfen, weil die Krankenhäuser wegen der neuen Methode theoretisch auch Organe annehmen können, die sie zuvor eher abgelehnt hätten.

Dank eines neuen medizintechnischen Systems, an welches das Organ angeschlossen wird, gewinnen die Mediziner also kostbare Zeit und Informationen. Wichtige Werte werden vorab gecheckt und so böse Überraschungen ausgeschlossen, die vorher weiter im Dunklen geblieben wären.

Die bösen Überraschungen sind bei Helmut Röder bis jetzt ausgeblieben. "Es ist das pure Glück. Es fühlt sich an wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen", sagt der Familienvater. Er habe nun endlich wieder Pläne. Früher sei der nächste Tag das Ziel gewesen. "Jetzt sehe ich die Silberstreifen, früher war da nur der Horizont." In den letzten 14 Jahren habe er kaum Höhepunkte oder Tiefpunkte gespürt. "Ich war teilnahmslos." Jetzt sei er endlich wieder Teilnehmer seines eigenen Lebens. "Ich werde der alte Helmut", sagt er.

"Für mich sind die Regensburger Chirurgen meine neuen Idole, früher waren das eher Fußballer - aber diese Zeiten haben sich geändert." Man merkt: Die letzten 14 Jahre haben den Nabburger und das Team des Uniklinikums zusammengeschweißt. Der Tod war ihr gemeinsamer Gegenspieler.

Das Bangen der Ärzte

"Es ist einfach auch unfassbar wichtig für uns als Team, dass Helmut Röder die Intensivstation auf zwei Beinen verlassen konnte", erklärt Professor Stefan Brunner. Viele Ärztinnen, Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger an der Regensburger Uniklinik hätten längst eine persönliche Beziehung zu ihm aufgebaut. Sie waren in seinen dunkelsten Stunden dabei. Sie kennen seine Geschichte. Und haben jahrelang für ihn gekämpft. „Es ist für uns eine emotionale Sache“, sagt der Professor. Es sei für die Moral des Teams wichtig, dass solche Leidensgeschichten auch mit einem Happy End ausgehen könnten.

Doch das Ende dieser Geschichte ist noch nicht ganz erreicht. Eigentlich müsste Helmut Röder jetzt gerade auf Reha sein. „Das wollte ich mir nicht antun“, sagt er. Die Corona-Gefahr dort sei viel zu hoch. Die Intensivstationen sind voll wegen der Delta-Mutante, die neue Omikron-Virusvariante ist auf dem Vormarsch. Helmut Röder ist zwar geboostert - also dreimal gegen Corona geimpft. "Immunsupprimierte Patienten haben aber leider immer ein erhöhtes Risiko", ordnet Professor Brunner ein.

Im letzten Jahr kurz vor Weihnachten kam der Hubschrauber. Es war knapp. Doch Helmut Röder gewann den Kampf - mal wieder. Diese Pandemie kann aber selbst er nicht bezwingen - auch nicht mit der Hilfe des Uniklinik-Teams. "Lasst Euch bitte impfen - und wenn es auch nur für mich ist oder die Ärztinnen und Ärzte", sagt er.

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