04.12.2021 - 06:30 Uhr
NabburgOberpfalz

Trendwende in der Organspende: Patienten können neue Hoffnung schöpfen

Am Uniklinikum Regensburg wird ein System verwendet, das die Organtransplantation grundlegend verändern könnte - weil es gleich zwei große Probleme löst. Ein Nabburger war der erste Patient, bei dem diese neue Technik eingesetzt wurde.

Nach der geglückten Transplantation (v.l.n.r.): Prof. Dr. Hans Schlitt (Direktor Klinik und Poliklinik für Chirurgie des UKR), Prof. Dr. Stefan Brunner (stv. Direktor Klinik und Poliklinik für Chirurgie des UKR), Helmut Röder, Dr. Henrik Junger (Assistenzarzt Klinik und Poliklinik für Chirurgie des UKR), Dr. Frank Brennfleck (Oberarzt Klinik und Poliklinik für Chirurgie des UKR)
von Sebastian Böhm Kontakt Profil

An der Regensburger Uniklinik wurde im Herbst eine Operation durchgeführt, die eine Trendwende in der Organtransplantation bedeuten könnte. "Es ist ein medizinischer Meilenstein", erklärt Professor Stefan Brunner. Er ist stellvertretender Direktor der Klinik für Chirurgie. Operiert wurde Helmut Röder aus Nabburg (Landkreis Schwandorf). Er ist der erste Patient an der Uniklinik, bei dem das neue System eingesetzt wurde. Und vorab: Alle Beteiligten ziehen ein positives Zwischenfazit.

Die neue Wunderwaffe in der Organtransplantation hört auf den Namen "OrganOx metra", wurde in Oxford (Vereinigtes Königreich) entwickelt und ist ein bisschen größer als ein Koffer, den man für eine Reise von mehr als 14 Tagen mitnehmen würde. Das System gibt es für mehrere Organe, die Maschine in Regensburg kann für Leber-Operationen eingesetzt werden.

„Es gibt immer weniger Spender"

Doch, was macht "OrganOx metra" so besonders? Es kann zwei große Probleme in der Organspende lösen oder zumindest verbessern: Den Wettlauf gegen die Zeit und die Unsicherheit, ob ein Organ wirklich alle erforderlichen Voraussetzungen erfüllt.

„Es gibt immer weniger Spender, und die Spender, die wir haben, werden älter und kränker“, sagt Dr. Frank Brennfleck, er ist Oberarzt am Regensburger Uniklinikum. Seine Aussage stützen auch die offiziellen Zahlen. Laut dem Jahresbericht der Deutschen Stiftung Organtransplantation sinken in Deutschland nach einem einmaligen Anstieg im Jahr 2018 die Zahlen der postmortalen Spender wieder. Waren es 2018 noch 955 Spender und 3113 gespendete Organe, wurden im vergangenen Jahr nur noch 913 Spender und 2941 gespendete Organe hierzulande verzeichnet. "Wir stehen mit dem Rücken zur Wand, es ist ein sehr großes Dilemma", sagt Brennfleck.

"OrganOx metra" könnte dieses Dilemma nun lösen. Das Spenderorgan kann vor der eigentlichen Transplantation an das System der Maschine angeschlossen werden - aktuell bis zu 24 Stunden. Das nimmt den Medizinern den Zeitdruck und macht böse Überraschungen unwahrscheinlicher. Denn: In dieser Zeit liefert "OrganOx metra" wichtige Daten und Informationen, die zuvor im Dunklen geblieben wären.

Bei Helmut Röder kamen nun mehrere Probleme zusammen: Er hatte große Schmerzen und eine lange Leidenszeit von über 14 Jahren hinter sich. Die drei entscheidenden Laborwerte, die Einfluss auf den Platz auf der Warteliste haben, waren aber gut. Heißt: Andere Menschen standen über ihm auf der Warteliste, obwohl auch er litt. 2012 hat er schon einmal eine Spenderleber bekommen, die sein Körper aber abstieß. "Das machte auch die Entnahme der alten Spenderleber kompliziert", sagt Professor Schlitt, Direktor der Klinik für Chirurgie. Heißt konkret: Schon diese erste OP dauert länger, als bei anderen Patienten.

Ein Organ, das viele nicht wollten

"Im konkreten Fall konnten wir ein Organ annehmen, das viele andere Kliniken bereits abgelehnt hatten", sagt Prof. Brunner. Ein Wagnis, aber dank "OrganOx metra" kalkulierbar. Denn eigentlich müssten alle Parameter bei dem Organ passen, schätzten die Regensburger Mediziner. Ohne das neue System hätten sie es aber wohl auch abgelehnt. Zu unsicher.

Um die 20 Stunden war die neue Leber von Helmut Röder an der Maschine angeschlossen. In dieser Zeit wurden die alte Leber entfernt und letzte Zweifel am neuen Spenderorgan ausgeschlossen. Im Normalfall habe man laut Professor Brunner einen Zeitrahmen von höchstens zwölf Stunden, in dem ein Organ spätestens in den neuen Körper eingesetzt werden sollte. Im konkreten Fall von Helmut Röder wäre dieser alte Zeitplan ohne "OrganOx metra" wahrscheinlich nicht aufgegangen.

Assistenzarzt Dr. Henrik Junger legte eine Nachtschicht ein. Er hielt die neue Leber von Helmut Röder im Auge und sammelte die kostbaren Daten. "Wir haben das Organ in der Nacht wie einen normalen Intensivpatienten behandelt", erklärt Junger. Am nächsten Tag begann dann die OP. Ausgeschlafene Chirurgen machten sich ans Werk. "Das war auch ein großer Vorteil, denn eigentlich hätten wir noch in der Nacht operieren müssen", sagt Professor Brunner. Eigentlich, wenn es "OrganOx metra" nicht gäbe.

Die Angst vor Corona: Ein Verwundbarer erzählt

Nabburg
So sieht das Innenleben von "OrganOx metra" aus.
In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 2941 postmortale Organe gespendet, am 31.12.2020 wurden aber in Deutschland noch 9463 Spenderorgane benötigt.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.