13.11.2020 - 14:24 Uhr
NabburgOberpfalz

Corona: Stresstest für die Kindergärten

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Erst heißt es "Schichtbetrieb" in den Kindergärten im Landkreis Schwandorf, nur wenig später wird "nachgesteuert". Das Hin und Her irritiert. Ob die Verschnaufpause mit Regelbetrieb von Dauer ist?

Kreative Wegweiser sorgen im Kindergarten St. Angelus in Nabburg dafür, dass Hygieneregeln schon bei den Kleinsten ankommen.
von Monika Bugl Kontakt Profil

"Jeden Tag kommt ein anderer Brief vom Kindergarten", stöhnt Thomas Gassner aus Dieterskirchen und beklagt die "heftige Lage für alle", wenn permanent neue Regeln gelten, die Personal und Eltern in Alarmzustand versetzen. Der Grund dafür ist klar: Es sind die steigenden Infektionszahlen in der Corona-Pandemie. Wie es berufstätigen Eltern mit den immer neuen Verordnungen ergeht, davon kann der 44-jährige Vater von zwei kleinen Kindern neuerdings ein Lied singen.

"Es begann vor 14 Tagen, nachdem der Inzidenzwert von 100 überschritten war", schildert der Dieterskirchener sein Leid. Es folgte ein hektischer Rundruf, die Kinder sollten pro Woche abwechselnd drei, dann zwei Tage betreut werden. Der 44-Jährige startete daraufhin Verhandlungen mit dem Arbeitgeber. "Dann hieß es: Kommando zurück", so Gassner, und das habe sich noch einmal wiederholt, bis nun in dieser Woche erneut der Regelbetrieb ausgerufen wurde. "Mir tut auch das Personal im Kindergarten leid, vormittags ein Rundruf, und dann nachmittags erneut Rundruf."

"Brutale Logistik"

"Vor ein paar Tagen sollten die Eltern melden, wann sie ihr Kind notfalls selbst betreuen können, aber so einfach ist das nicht", berichtet der 44-jährige Dieterskirchener. "Meine Frau arbeitet halbtags, ich vier Tage die Woche, das ist ohnehin eine komplizierte Struktur, die eine brutale Logistik erfordert." Bei Homeoffice mit dem vierjährigen Paul und der sechsjährigen Lina steht für ihn fest: "Mehr als ein kurzes Telefonat oder eine E-Mail geht da nicht." Der guten Nachricht vom nun doch wieder gültigen Regelbetrieb kann er nicht so recht trauen.

In dieser Zwickmühle waren die Kindergärten wegen St. Martin

Nabburg

Im Kindergarten Oberviechtach ist man erst einmal erleichtert, dass nun seit Donnerstag "gottseidank" alle Kinder wieder im Regelbetrieb kommen dürfen. 150 Kinder in zwei Krippen- und fünf Kindergartengruppen werden dort betreut. "Die kurzfristigen Änderungen sind wirklich sehr belastend", sagt Kindergartenleiterin Sabine Forster. Das bringe viel Unruhe mit sich und einen enormen Zeitaufwand. Immerhin müssen im Kindergarten St. Marien Dienstpläne für 30 pädagogische Mitarbeiter entsprechend der neuen Regeln modifiziert werden.

"Die Kinder erleben hier ein Stück Normalität, wenn sie regelmäßig kommen können", ist die Oberviechtacher Kindergartenleiterin überzeugt. Alle anderen Auflagen würden die Kleinen ganz gut verkraften. "Die meistern das super", sagt sie und erzählt, wie gut es mit dem An- und Ausziehen auch ohne Eltern schon klappt. Denn die dürfen inzwischen ihren Nachwuchs nur noch bis an die Tür begleiten. "Manche Kinder sind ganz stolz darauf, dass sie es ohne Mama und Papa schaffen."

"Was es mit Kindern macht, wenn wir ihnen den Kontakt zu anderen Kindern verwehren, das haben wir im Frühjahr beim Lockdown gesehen."

Kindergartenleiterin Julia Scheibl

Kindergartenleiterin Julia Scheibl

"Was es mit Kindern macht, wenn wir ihnen den Kontakt zu anderen Kindern verwehren, das haben wir im Frühjahr beim Lockdown gesehen", bekräftigt auch die Leiterin des Nabburger Kindergarten St. Angelus, wie wichtig ein Regelbetrieb ist. Auch sie berichtet von verunsicherten Eltern. "Wir werden mit Infos zugeschüttet", sagt Julia Scheibl, "wenn wir uns kaum mehr auskennen, wie soll es dann den Eltern gehen?". Jetzt, nach den neusten Regeln, hätte auch der Martinszug stattfinden dürfen, stellt sie seufzend fest. Zu spät, er ist inzwischen abgesagt.

Der Dynamik geschuldet

"Wir handeln auch nur nach den Vorgaben aus den Ministerien", rechtfertigt Pressesprecher Hans Prechtl vom Landratsamt Schwandorf die ungeliebten und immer neuen Verfügungen. Am Mittwoch habe man landesweit nachgesteuert, alles sei korrekt und transparent abgelaufen und eben dem dynamischen Prozess geschuldet. Alle Maßnahmen seien dazu da, um überhaupt das öffentliche Leben aufrecht zu erhalten in einer Phase, in der der Landkreis Schwandorf inzwischen leider zu den Spitzenreitern bei den Infektionszahlen zähle. "Wir haben nicht nur Dunkelrot, wir haben bereits Violett", merkt er an. Wer da dem Gesundheitsamt die Schuld zuschieben wolle, verkenne die Zuständigkeiten, so der Pressesprecher, der gleichzeitig um Verständnis für immer neue Maßnahmen wirbt. "Uns erreichen auch Beschwerden, die kritisieren, dass das Schicht-Modell aufgegeben wird. " Wegen des dynamischen Geschehens müsse ständig nachgesteuert werden, bedauert er und fügt hinzu. "Das wirkt irritierend, das kann ich nachvollziehen".

"Die Kinder können ganz gut mit den aktuellen Umständen umgehen, solange es eine gewisse Regelmäßigkeit gibt."

Sabine Forster, Kindergarten St. Marien in Oberviechtach

Sabine Forster, Kindergarten St. Marien in Oberviechtach

"Die Kinder können ganz gut mit den aktuellen Umständen umgehen, solange es eine gewisse Regelmäßigkeit gibt", davon ist Kindergartenleiterin Forster überzeugt. Die Kleinen hätten sich mittlerweile daran gewöhnt, dass die Erwachsenen ständig Masken tragen. Wenn es mit der Neuanschaffung in Oberviechtach klappt, dann ist eine kleine Verbesserung in Sicht. "Wir planen, zeitweise durchsichtige Masken zu tragen, damit die Kinder die Mimik erkennen", berichtet die Oberviechtacher Kindergartenleiterin, "für manche Kinder ist das sehr wichtig und es erleichtert die Kommunikation."

Auch im Freien herrscht strenge Gruppentrennnung. Das signalisiert dieses Absperrband im Kindergarten St. Marien in Oberviechtach. Zur Erleichterung von Personal und Eltern ist ein Schichtbetrieb aber aktuell vom Tisch.
Mit einer Bilderserie über dem Waschbecken werden die Kleinsten im Kindergarten St. Angelus in Nabburg an die richtige Technik beim Händewaschen erinnert .
Hintergrund:

Strikte Trennung und Hygiene

Der bayerische Rahmenhygieneplan für die Kindertagesbetreuung (Stand 11.11. 2020) sieht vor, dass der Drei-Stufen-Plan trotz der aktuellen pandemischen Lage bis mindestens 30. November ausgesetzt wird. Erklärtes Ziel der Staatsregierung ist es, dass die Kindertageseinrichtungen grundsätzlich offen bleiben, wobei einiges zu beachten ist:

  • Gruppenbildung: Kinder aus unterschiedlichen Gruppen sollen sich nicht vermischen und räumlich getrennt betreut werden.
  • Maskenpflicht: Alle Mitarbeiter müssen Masken tragen, für die Kinder in Krippe und Kindergarten gilt das nicht.
  • Hygiene: z.B. Spiel-Material jeweils nur in einer Gruppe nutzen, bevorzugt nur im Freien singen, für große Abstände in Schlafräumen und auf Verkehrswegen sorgen, Flüssigseifen und Einmalhandtücher oder personengebundenen Handtücher nutzen. Außerdem müssen diverse Vorschriften zu Belüftung und Desinfektion beachtet werden.
  • Erkältung: Kinder mit leichtem Schnupfen oder Husten ohne Fieber dürfen betreut werden, und zwar auch ohne negatives Testergebnis. Daheim bleiben müssen Kinder mit Fieber, starkem Husten, Hals- oder Ohrenschmerzen, Bauchschmerzen, Erbrechen und Durchfall.

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