25.04.2019 - 11:41 Uhr
NabburgOberpfalz

Erst der Zaun macht ein Stück Land zum Garten

Wie sah Zaunbau früher aus? Bettina Kraus, seit 2011 im Freilandmuseum Neusath-Perschen und seit Februar als Museums- und Umweltpädagogin beschäftigt, schildert alte Techniken, die auch fürs neuzeitliche Garteln taugen.

Der Garten des Kolbeckhofs im Oberpfälzer Freilandmusem Neusath-Perschen.
von mvsProfil

Nabburg. (mvs) Bettina Kraus verwebt im Freilandmuseum Neusath-Perschen, das vergangene bäuerliche Lebensart zum Leben erweckt, viele Fäden zum großen Ganzen: „Ich betreue unsere vielen engagierten Gästeführer, gestalte Kursangebote und Führungen, und begleite – im Rahmen unserer Förderung als Umweltstation – zwei Schulklassen aus Pfreimd und Nabburg, die gemeinsam – von der Ernte bis zur Ernte – einen Garten bewirtschaften“, erzählt sie. So wichtig wie das Gemüse im Garten ist auch der Zaun darum herum.

ONETZ: Wozu braucht ein Gemüsegarten einen Zaun?

Bettina Kraus: Erst durch den Zaun wird ein Stück Land zum Garten. Denn die Umzäunung zeigt an, dass nun etwas Schützenswertes, Bewirtschaftetes beginnt. Der Gartenbau fußt ja darauf, dass Menschen ihre Nahrung nicht mehr sammeln wollten, sondern in Wohnortnähe intensiv anbauen. Man muss das, was er bietet – Ergänzung der Nahrung, Medizin und symbolische Pflanzen wie den Hauswurz, dem man Schutzkraft zusprach – vor Tieren oder übelwollenden Menschen schützen. Und Zierpflanzen und Rabatten hinter dem Zaun schützen vor zu starkem Wind, der den Boden austrocknen und abtragen würde.

ONETZ: Aktuell allenthalben zu beobachten, Staubwolken über den Feldern ...

Bettina Kraus: Ja, man sieht regelrecht, wie sehr der Wind den Boden mitnimmt. Ein Zaun bremst und verwirbelt den Wind, dadurch sinkt die Temperatur nicht zu stark, die Erde trocknet nicht so schnell aus. Beste Voraussetzung für schnell wachsende Pflanzen und Früchte.

ONETZ: Wie sah der typische Gartenzaun aus?

Bettina Kraus: Manche wird erstaunen, wie hoch diese Zäune waren. Bis ins 19. Jahrhundert waren noch 1,80 Meter üblich, mit engen Latten und einem Zaunfeld, das dicht über dem Boden begann, damit Tiere und Menschen nicht hindurch schlüpfen konnten. Wir zeigen hier im Museum dennoch niedrigere Varianten – einfach damit unsere Besucher auch etwas vom Garten dahinter sehen können.

ONETZ: Welche Zaun-Arten waren in der Oberpfalz üblich?

Bettina Kraus: Wir zeigen bei uns im Freilandmuseum keine massive Gartenmauer, schlicht weil ein bäuerliches Anwesen in der Regel nicht über die finanziellen Möglichkeiten verfügte, eine solche Steinmauer zu errichten. Gebräuchlich war die Verwendung von Holz, da unterscheidet man vier: Die sogenannten Hanichel-Zäune bestehen aus kleingebliebenen Fichten- oder Tannenstämmchen, die zu wenig Licht, Wasser und Platz abbekamen, deshalb sehr langsam und fest wuchsen. Sie waren bestens als Zaunpfosten und -latten geeignet.

ONETZ: Wie lange hielten sie sich?

Bettina Kraus: 20 bis 30 Jahre. Und was morsch wurde, konnte ausgetauscht werden.

ONETZ: Welche Zaun-Arten gibt es noch?

Bettina Kraus: Der Staketenzaun besteht aus gesägten Latten, die ihre natürliche Oberfläche verloren haben und deshalb nicht so lange halten – diese Zaun-Art spielt bei uns eine geringere Rolle und war eher in Gärten zu finden, die stärkeren Repräsentations-Charakter haben, beispielsweise in einem großen Markt an der Durchfahrtsstraße, nach dem Motto: Schaut her, wir können es uns leisten, gesägte Bretter zum Zaun zu verarbeiten. Und dann gibt es noch den Schwartlingszaun.

ONETZ: Besteht der aus Tierhaut?

Bettina Kraus: (lacht): Nein, Schwartlinge entstehen, wenn Bretter gesägt werden: Sie sind das erste und letzte Stück vom Holz, deshalb auf einer Seite noch mit Rinde. Für Feuerholz zu schade und mit einer Haltbarkeit von 10 bis 15 Jahren sehr gut für den Zaunbau geeignet.

ONETZ: Und die vierte Zaunart ...

Bettina Kraus: … ist der geflochtene Zaun, er besteht aus Pfosten und biegsamem, weichem Material, das verwoben wird. Weiden und Haseln werden im Herbst geschnitten, im Winter kühl und dunkel gelagert und vor der Verarbeitung im Frühjahr gewässert.

ONETZ: Materialien aus der Region, alle vollständig kompostierbar. Das Leben früher war so viel nachhaltiger ...

Bettina Kraus: Ja, weite Wege waren gar nicht oder kaum möglich, und so hat man einfach hergenommen, was da war, was einem gehört und möglichst wenig Mühe machte. Es war ja ohnehin alles sehr mühevoll, man denke nur an die Pest, Hungersnöte und Kinderarbeit. Das vergangene Wirtschaften war aus einer Not geboren, die uns heute zum Glück erspart bleibt, und wir können uns jetzt den Luxus leisten, uns diese Techniken anzusehen, etwas davon abzuschauen und nachhaltige Entscheidungen zu treffen. Gabionen zum Beispiel – mit häufig aus China importieren Steinen gefüllte Drahtgeflechte – sind so eine Sache ... Wir können uns entscheiden, ob wir so weite Wege unterstützen wollen. Oder nicht.

Museums-Info:

Auf www.freilandmuseum.org ist das aktuelle Jahresprogramm des Freilandmuseums Neusath-Perschen zu finden. Beim Gartenmarkt, der dieses Jahr am Samstag, 4. Mai, und am Sonntag, 5. Mai, jeweils um 11 Uhr beginnt, stehen alte, regionale und besondere Gemüsesorten, Zierpflanzen und Handgearbeitetes im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Saison geht im Oberpfälzer Freilandmuseum bis 3. November. Geöffnet ist Museumsgelände in Neusath dienstags bis sonntags von 9 bis 18 Uhr. Montags ist geschlossen (ausgenommen Feiertage). Das Bauernmuseum in Perschen ist samstags, sonntags und an Feiertagen von 9 bis 18 Uhr zu besichtigen. (mvs)

Tipps & Co.:

Veranstaltungen im Freilandmuseum

Themenführung „Alte Waldnutzung“: Früher wurde der Wald auf vielfältige Art und Weise genutzt, für die Holzgewinnung, als Bau-, Werk- und Brennstoff, für die landwirtschaftliche Nutzung, als Waldweide und für die Waldmast. Andererseits auch für die gewerbliche Nutzung, wie das Rindenschälen, die Köhlerei und das Pottaschesieden. Viele dieser Begriffe geraten heute in Vergessenheit. In der Themenführung „Alte Waldnutzung“ am 28. April um 14 Uhr beschäftigt sich die Naturpädagogin Eva Nussbaumer mit der Holznutzung früher und vergleicht sie mit der heutigen. Dabei wird sicherlich die eine oder andere Erinnerung wach und regt zu Gesprächen an. Die Führung ist im Eintrittspreis enthalten. Es wird trotzdem um Anmeldung unter Telefon 09433/2442-0 gebeten. (exb)

Oberpfälzer Spinntreffen: Das Freilandmuseum in Neusath steht am 28. April ganz im Zeichen von „Spinnen und Spinnrad“. Viele Spinn-Gruppen verteilen sich im Museum und zeigen den Besuchern ihr Handwerk. Sie erfahren, wie Spinnräder funktionieren, Kinder können den Umgang mit der Handspindel ausprobieren. Franz Knerr zeigt im Denkenbauernhof wie das Drechseln funktioniert und im Schallerhof kann man sehen, wie Schafwolle durch Kämmen und Kardieren aufbereitet wird. Man hat früher aber nicht nur Wolle zu einem Faden gesponnen, sondern auch Flachs. Dieser wird im Freilandmuseum angebaut und fachgerecht verarbeitet, um als Leinen Verwendung zu finden. In der Textil-Ausstellung im Kolbeckhof sind die einzelnen Arbeitsschritte der Flachs- und Wollverarbeitung zu besichtigen.

Maibaum-Aufstellung: Unter der Leitung der Neusather Vereine wird am 1. Mai um 13 Uhr der in Mustern geschälte Maibaum mit dem Pferdefuhrwerk zum Juradorf gebracht. Dann beginnt das mühsame Aufrichten, das ohne maschinelle Hilfe geschieht. Mittels hölzerner Gestelle, sogenannten „Schwalben“, wird der Baum Stück für Stück in die Höhe gestemmt. Wie in jedem Jahr wird der Museums-Maibaum anschließend zusammen mit weiteren Preisen von den Vereinen verlost. Zur Unterstützung der Burschen und zur Freude der Besucher spielt die „Nabburg Blasmusik“ und lädt zum Maitanz ein. (exb)

Wildkräuter-Führung: Wenn sich die Blatt- und Blütenknospen der Bäume öffnen, erlebt man für eine kurze Zeit ihr zartes und saftiges Frühlingsgrün. Die heimischen Wildkräuter wie Löwenzahn, Brennnessel und Giersch vertreiben mit ihrer Pflanzenkraft jede Frühjahrsmüdigkeit. Nach einer Pflanzenkur fühlt man sich frisch, gestärkt und alles geht leichter. Die Wildkräuter-Führung mit Ulrike Gschwendtner, zertifizierte Kräuterführerin, beginnt am 1. Mai um 14 Uhr und dauert 90 Minuten. Eine Anmeldung ist unter Telefon 09433/2442-0 erforderlich. (exb)

Bettina Kraus, seit 2011 im Freilandmuseum Neusath-Perschen involviert und seit Februar offizielle Umwelt- und Museumspädagogin.
Vom Baumstamm bis zum Zaun - ein weiter Weg, hier dokumentiert im mittelalterlichen Geschichtspark Bärnau-Tachov.
Eine Mini-Benjes-Hecke mit Wildrosenranke: Zwischen zwei Flechtwänden aus Hasel lagert Altholz, ein Zuhause für Glühwürmchen, Schnegel, Marienkäfer & Co. im naturnahen Garten.
Viele Latten dicht an dicht: Zäune waren früher nicht nur Zierde, sondern echter Schutz für den Garten.
Auf den Feldern wurde der Großteil der Nahrung erwirtschaftet, in den Gärten wuchs eine schmackhafte und gesunde Ergänzung“, erklärt Museumspädagogin Bettina Kraus.

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