22.08.2019 - 10:52 Uhr
NabburgOberpfalz

Es kribbelt und krabbelt im Nabburger Museum

Niemand möchte Ameisen im Haus. Außer dem Nabburger Stadtmuseum, das den Tieren eine Ausstellung widmet.

Professor Bert Hölldobler (links) besuchte die Sonderausstellung im Stadtmuseum. Das Bild zeigt ihn im Fachgespräch mit zwei Doktoranden der Uni Regensburg.
von Autor AUBProfil

Im Laufe seines Lebens hat Bert Hölldobler schon viele Länder der Erde besucht und noch mehr "Ameisenstaaten". Begünstigt durch ein Biologie- und Chemiestudium in Würzburg entwickelte er ein Faible für die kleinen Wesen und ihre hochentwickelte Lebensform. Zwischen seiner Promotion 1965, der Habilitierung 1969 und der ab 2004 ausgeübten Lehrtätigkeit an der Arizona State University lagen langjährige Professuren an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, und am Theodor-Boveri-Institut der Universität Würzburg. Seit 1975 gehört er der Leopoldina in der Sektion Organische und Evolutionäre Biologie an. Für sein wissenschaftliches Buch "The Ants", das er gemeinsam mit Edward O. Wilson verfasste, erhielt er 1991 den Pulitzer-Preis.

Auf Exkursion im Wald

Selbstverständlich ist das Standardwerk auch in der Bibliothek des Bayerischen Informationszentrums für Ameisenkunde zu finden, einer weltweit einmaligen Institution mit Sitz im Nabburger Stadtmuseum, deren Aufbau und Sammlung Hölldobler stets unterstützte. Ihr 25jähriges Bestehen war für den international renommierten Sozio-Biologen und Spezialisten für experimentelle Verhaltensökologie Grund genug, die Einladung von Hubert Fleischmann als Vorsitzendem des Ameisenschutzvereins Hirschberg und zugleich Leiter der Einrichtung anzunehmen und die Jubiläumsausstellung "Ameisen - faszinierende Insekten" mit einem Referat zu krönen.

Dem von Gästen aus ganz Deutschland mit Spannung erwartetem Fachvortrag gingen eine Besichtigung des Archives und Exkursionen auf dem Lehrpfad des Stadtwaldes voraus. Dabei gab es vom Experten viel Lob und Anerkennung für das Engagement der Ameisenfreunde, dem sich später vor großem Publikum in der Marienkirche auch Zweiter Bürgermeister Kurt Koppmann und Landrat-Stellvertreter Arnold Kimmerl in ihren Grußworten anschlossen.

Dass es bei Bert Hölldobler immer noch "kribbelt", wenn es "krabbelt", erstaunt nicht: Die 14000 bekannten, doch wohl doppelt so vielen Ameisenarten gehören mit zu den wichtigsten ökologischen Organismen - geschätztes Gesamt-Trockengewicht vergleichbar dem aller Menschen. Zugleich stellen sie eine Spezies dar, die der Menschheit evolutionär in vielen Dingen voraus ist. Ohne disziplinierter Hierarchie kombiniert mit sozialem Verhalten, gezielter Fortpflanzung, individueller Spezialisierung, ausgeklügelten Strategien und Kommunikation mittels chemischer Duftstoffe wären die Millionen Mitglieder zählenden Gesellschaften lange nicht so erfolgreich.

Viele Rätsel konnte Bert Hölldobler schon lüften. Anderes bleibt aus Sicht des Forschers vorerst ein "Wunder", etwa wie man 300 Millionen Samen bei tropischen Temperaturen ohne Tiefkühlbehälter oder flüssigem Stickstoff über Jahre hinweg konserviert. Wie einen Schatz hüten die "Staatsangehörigen" ihre Königin und den Nachwuchs in komplex gebauten Nestern, je nach Gattung myzelartig weitläufig im Boden verzweigt oder als Cocon-Kolonie in mehreren Bäumen versponnen.

Natur findet Lösungen

Im Angriffsfall begnügen sich die rivalisierenden Völker jedoch zunächst mit tagelangem vergleichendem Truppenaufmarsch und Drohgebärden: "Natürlich zählen die Ameisen ihre Feinde nicht, aber die Hemmschwelle zu Flucht oder Eskalation steigt mit jeder Feindberührung". Erst, wenn eine Partei schwächer erscheint, kommt es zum erbitterten Kampf um Territorien und Ressourcen. Eine völlig neue Erkenntnis, die der Professor per Filmsequenzen belegte - erstaunlicherweise mit einer ethnologischen Parallele zu den "Nothing Fights"-Ritualen bei afrikanischen Stammesfehden.

Sein Fazit: Von den Ameisen bis zu den Stammesritualen eine biologische Evolution abzuleiten, wäre wohl zu weit gegriffen. Vorbildlich für den Menschen sollte jedoch sein, dass die Natur für ähnliche Aufgaben oft verwandte Lösungen entwickelt - und das völlig unabhängig voneinander.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.