24.01.2020 - 15:51 Uhr
NabburgOberpfalz

Obstbäume leben trotz geplanter Fällung weiter

Die Motorsägen stehen schon bereit: Die Fällung der Bäume im Nabburger Krankenhauspark ist für nächste Woche anvisiert. Um alte Obstsorten zu erhalten, entnimmt der Bauhof Edelreiser von der Streuobstwiese.

Wolfgang Grosser vom Kreisgartenamt (rechts) und Bürgermeister Armin Schärtl begutachten unter dem Apfelbaum mit der Nummer „6“ den Plan des Landschaftsarchitekten zum Krankenhauspark. Daran orientieren sich auch die Mitarbeiter des Bauhofes, darunter Expertin Marion Schleicher, als sie Edelreiser von den Obstbäumen entnehmen.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Das Einkaufszentrum im ehemaligen Krankenhauspark an der Regensburger Straße ist beschlossene Sache und das Gelände an den neuen Eigentümer, die Ratisbona GmbH, verkauft. Bereits fix ist auch der Termin für den Start der Rodung in der fünften Kalenderwoche. Eine ältere Dame schaute mit ihrem Hund an der Leine zu, wie drei Bauhofmitarbeiter Edelreiser von Obstbäumen schnitten: „Ich freue mich auf die Einkaufsmöglichkeit, aber ich werde auch den Spaziergang durch die Streuobstwiese vermissen.“

Auch Bürgermeister Armin Schärtl kam vorbei und besprach mit Fachberater Wolfgang Grosser vom Kreisgartenamt den Bestandsplan des Landschaftsarchitekten. Die einzelnen Obstbaumsorten waren daraus jedoch nicht zu entnehmen. „Als 1956 das Krankenhaus eröffnet wurde, legte der damalige Gartenfachberater Rudolf die Streuobstwiese an“, wusste Grosser. Dessen Pflanzliste liege jedoch nicht mehr vor. Das Kreisgartenamt habe bis zum Jahr 2003 die Pflege der Bäume übernommen. Während dieser Zeit kletterten unzählige Mitglieder der Gartenpfleger-Vereinigung bei den Schnittkursen im März in den Kronen. Als Anfang der 2000er-Jahre der gefährliche Feuerbrand die Anlage überzog, habe bereits eine Rodung gedroht. Laut Grosser ließ sich diese nur durch neuere Forschungserkenntnisse („Die Bakterienkrankheit ist mit einer Fällung nicht auszurotten“) verhindern. Um aber eine Ausbreitung nicht zu fördern, hätten die Schnittkurse nun andernorts stattgefunden. Die Baumkronen verwilderten langsam.

Vor zwei Jahren rückte die Streuobstwiese unterhalb des ehemaligen Kreiskrankenhauses wieder in den Fokus des Kreisgartenamtes. „Wir sind auf der Suche nach alten Obstbäumen, um regionale Sorten erhalten zu können“, so Grosser. Im übrigen habe Nabburg schon Ende der 1890er-Jahre als Obstbaumzentrum gegolten: Die ganze Stadt war von rund 1500 Hochstämmen eingegrünt, da die zwei Konservenfabriken Obst brauchten. „In Nabburg gibt es viele Ecken mit interessanten Bäumen, die teilweise über 100 Jahre alt sind und noch tragen“, weiß der Fachberater. Der Stadtgraben sei bereits zum Teil kartiert.

Damit auch die unbekannten Sorten im Krankenhauspark nicht verloren sind, rückte der Bauhof eine Woche vor der geplanten Rodung an. Das passte, denn während der Winterruhe (Januar/Februar) ist auch die richtige Zeit die Reiser für die Frühjahrsveredelung zu schneiden. Dies erfolgte allerdings nur von den zwölf „Greisen“ der Erstanpflanzung aus den 1950er-Jahren. „Die Jungen interessieren nicht, die kriegt man fast überall“, erklärte Wolfgang Grosser.

Marion Schleicher – sie besitzt eine Ausbildung im Zierpflanzenbau – entnahm jeweils eine Handvoll gerade gewachsener Reiser, die sie in Bündeln nummerierte und in einer Aufstellung dokumentierte. „Beim Baum Nummer sechs handelt es sich eventuell um einen Klarapfel“, schätzte sie. Genaueres wird sich zeigen, wenn das Zweiglein ein Ast geworden ist und die Sorte anhand der Frucht bestimmt werden kann. Mit der Veredelung („Transplantation“ eines Pflanzenteiles auf eine andere Pflanze) handelt es sich quasi um eine Form des Klonens. Denn die Verbindung mit der „Unterlage“ sorgt für eine sortenreine Vermehrung des „Mutterbaumes“. Trotz Fällung kann er also auf diese Art weiterleben. „Es ist faszinierend, wenn man schon nach zwei Jahren Obst vom neuen Trieb ernten kann“, bemerkte Schleicher.

Die Frühjahrsveredelung an Obstbäumen findet überwiegend Ende April statt. Bis dahin müssen die Reiser kühl und dunkel gelagert werden und dürfen nicht austrocknen. „Ab der Frostperiode am besten in einer Kiste mit feuchtem Sand oder im Keller“, riet Wolfgang Grosser. Die Reiser-Bündel vom Krankenhauspark werden im Bauhof eingelagert. Wo die Früchte in einigen Jahren geerntet werden können, steht noch nicht fest. Bürgermeister Armin Schärtl verwies auf die 3,5 Hektar große Ausgleichsfläche: „Wir werden eventuell dort geeignete Bäume finden.“

Marion Schleicher zeigt Wolfgang Grosser die geschnittenen Edelreiser.
Mächtige Bäume wie dieser fallen der Motorsäge zum Opfer.
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