19.11.2020 - 16:50 Uhr
NabburgOberpfalz

Nach schwerem Unfall auf A93: Krankenschwester wird zur Heldin

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Als es am Mittwoch auf der A93 bei Schwarzenfeld zu einem schweren Lkw-Unfall kam, zögerte Katja Schmal aus Nabburg keine Sekunde. Sie tat alles in ihrer Macht stehende, um einen Menschen zu retten und riskierte dabei ihr eigenes Leben.

Einen Tag nach ihrem heldenhaften Handeln hat Katja Schmal erst mal einen Tag frei. Sie ist glücklich, dass der spektakuläre Unfall auf der A93 bei Schwarzenfeld so glimpflich ausgegangen ist.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Katja Schmal (36) hat nicht lange nachgedacht, sondern sofort beherzt gehandelt, als ein Mensch ihre Hilfe brauchte. Die Nabburger Krankenschwester war am Mittwochmittag im ihrem Dienstfahrzeug auf der A93 bei Schwarzenfeld unterwegs, als sich in ihrer unmittelbaren Nähe ein schwerer Unfall ereignete. Ein Lkw, der Lauge geladen hatte, war ins Schlingern gekommen, prallte in die Leitplanke und kippte um. "Es war wie in einem Film", sagt Schmal. Die Sekundenbruchteile, in denen der Unfall geschah, erlebte sie wie in einer Zeitlupe. "Ich bin durch eine riesige Dreckwolke gefahren. Ich habe mir nur gedacht, oh nein, der arme Lkw-Fahrer fällt um, einfach so", sagt sie. Als sie in den Rückspiegel blickte, sah sie, dass sich der Verkehr zurückstaute. "Die Leute in den Autos waren wohl geschockt. Sie sind einfach sitzengeblieben. Aber das habe ich erst gar nicht wahrgenommen", sagt Schmal.

Zur Unfallstelle gerannt

Ohne zu zögern, stieg Schmal aus dem Auto und lief zur Unfallstelle. Das hat Eindruck gemacht. Denn ganz in ihrer Nähe, in einem anderen Fahrzeug, saß Diana Chivanov. Sie ist im zweiten Lehrjahr ihrer Ausbildung zur Krankenschwester. Schmal: "Diana hat gesehen, dass ich einen Kittel und eine weiße Hose an habe und hat erkannt, dass ich Krankenschwester bin. Da ist sie hinterhergelaufen." Wahrgenommen hat Schmal das zunächst nicht. Als sie am Unfallfahrzeug ankam, spürte sie die Hitze des Motors im Gesicht. Aus dem aufgerissenen Tank zischte es. "Ich habe mir gedacht, der Lkw darf erst zu brennen anfangen, wenn der Fahrer heraus ist", sagt Schmal. Die Krankenschwester wusste weder, ob akute Brandgefahr besteht, noch ob der austretende Stoff aus dem Tank giftig ist oder explodieren könnte.

Weil der Lkw auf der Seite lag, war die Fahrertür blockiert. "Kurz habe ich mir überlegt, ob ich mir irgendein Steinchen oder so nehme und versuche, die Scheibe einzuschlagen", sagt sie. Schmal entschied sich, über die Leitplanke auf die Gegenfahrbahn zu klettern, um den Fahrer aufzuwecken. "Ich habe geschrien und an die Scheibe geklopft. Plötzlich hat der Mann seine Augen aufgemacht und mich angeschaut", sagt Schmal. "Ich habe geschrien, dass er unbedingt wach bleiben muss."

Schmal sagt, dass Chivanov eine unschätzbar wertvolle Hilfe war. Die 21-Jährige rief mit Schmals Handy den Notruf, teilte den Einsatzkräften mit, dass es sich bei dem Unfallfahrzeug um einen Gefahrgutlaster handelt und holte einen Notfallkorb aus dem Auto.

Hier lesen Sie den Bericht über den Unfall

Schwarzenfeld

Auf der Gegenfahrbahn habe sogar eine Frau auf der Überholspur angehalten, weil sie helfen wollte. "Ich habe geschrien, dass sie um Gottes Willen weiterfahren soll, weil sie sich selbst in Lebensgefahr begibt", sagt Schmal.

Wie ein "wahrer Engel" habe sich ein Lkw-Fahrer entpuppt, der den beiden Frauen zur Hilfe kam. "Er hat gesagt, dass er eine Leiter dabei hat", sagt Schmal. Über diese konnte sich der Fahrer schließlich selbst aus dem Fahrzeug befreien. Die Straßenmeisterei sei währenddessen von einer Baustelle weiter vorne zur Unfallstelle geeilt und habe damit angefangen, die linke Fahrspur auf der Gegenfahrbahn zu sperren.

Nach bisherigen Erkenntnissen hat der Fahrer des Unfall-Lkw keine ernsten Verletzungen davongetragen. "Wir haben den Mann auf die Leitplanke gesetzt und ich habe angefangen, seine Vitalwerte zu überprüfen. Er stand natürlich total unter Schock." Zwischenzeitlich habe sie sich gesorgt, der Mann könnte einen Schlaganfall bekommen.

Helfen ist selbstverständlich

"Wir wussten ja nicht, was der Fahrer im Lkw hatte. Ich habe ihn immer wieder gefragt, was er geladen hat", sagt Schmal. Dass die Autobahn nach dem Unfall solange gesperrt war, lag unter anderem daran, dass die 25.000 Liter Seifenwasser-Ladung methanolhaltig war und die Dämpfe gefährlich für die Atemwege sein können.

Einen Tag nach dem großen Schock sagt Schmal: "Ich bin davon überzeugt, dass der Fahrer tausend Schutzengel hatte. Er ist so ein lieber, netter Mensch." Dass sie sich durch ihre Hilfsaktion selbst hätte in Gefahr bringen können, ist für sie zweitrangig. "Für mich ist das völlig normal, dass ich helfe, wenn jemand im Ernstfall meine Hilfe braucht", sagt Schmal.

Wenig geschlafen hat sie in der Nacht auf Donnerstag aber dennoch, weil ihr die Bilder immer wieder durch den Kopf gingen. Eines hat sie aber gefreut: "Bei mir hat sich ein Kollege des Fahrers gemeldet und sich bei mir bedankt. Die ganze Zeit war ich verhältnismäßig ruhig. Aber da hätte ich dann doch heulen können."

Egoisten gibt es überall

Eine Sache versteht Schmal nicht. "Es gab Fahrer, die sich an der Unfallstelle vorbeigedrückt und sogar gehupt haben, weil wir auf der Fahrbahn standen", sagt sie.

Ihr zufolge war es diesen Menschen wichtiger, nicht in einen Stau zu kommen, anstelle einem anderen zur Hilfe zu kommen. "Denen ging es mehr darum, dass sie da vorbei kommen, ohne ihr Auto zu beschädigen. Denen war es egal, was da passiert ist", sagt Schmal. Ihr zufolge hat es nur noch gefehlt, dass Leute ihr Handy auspacken und den Unfall filmen.

So sollten Sie auf Gaffer reagieren

Amberg
Info:

Update zum Unfall auf der A93 bei Schwarzenfeld

Zum Unfall vom Mittwoch gab es am Donnerstag ein paar neue Informationen

  • Wie die Autobahnpolizei am Donnerstag mitteilte, steht ein endgültiger Schadenswert noch nicht fest. Die Beamten schätzen aber, dass es sich um 280 000 bis 300 000 Euro handeln dürfte.
  • Nach dem Unfall um 12. 45 Uhr war die Autobahn noch bis kurz vor 21 Uhr laut Polizeiangaben gesperrt. Die Feuerwehr musste rund 25 000 Liter methanolhaltige Seifenlauge abpumpen.
  • Am Donnerstag morgen waren an der Unfallstelle beide Spuren in der Mitte der Autobahn gesperrt. Arbeiter waren damit beschäftig, die Anzeichen des Unfalls zu beseitigen.
Diesen Anblick hatten Katja Schmal und Diana Chivanov vor sich, als sie aus ihren Autos stiegen.
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