20.10.2020 - 10:40 Uhr
NabburgOberpfalz

Tierische Ausreißer: Kuh und Kalb genießen die Freiheit

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Zwei auf der Wiese grasende Rinder: Ein seltenes Bild in der Region, aber nichts Beunruhigendes. Die Kuh und ihr Kalb aber, die seit Monaten bei Perschen (Kreis Schwandorf) unterwegs sind, sind "Ausreißer" – und beschäftigen die Behörden.

Friedlich grasen Kuh und Kalb auf einer Wiese bei Perschen. Das Ungewöhnliche daran: Das Rindvieh ist vor etwa einem halben Jahr aus einem Stall ausgebüxt, kalbte ab und lebt seither samt Nachwuchs in „freier Wildbahn“.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

Es ist ein kleiner Hof in einem Nabburger Ortsteil, relativ wenige Tiere stehen im Anbindestall des Milchviehbetriebs. Ende April wird's da einer trächtigen Kuh offenbar zu eng. Sie reißt aus. Wie genau, das weiß auch die Bäuerin nicht zu sagen, die mit ihrem Bruder den Hof bewirtschaftet. Gestenreich zeigt sie auf Stalltüren, die seien alle zu gewesen.

Die Kuh verzieht sich schnell in Richtung Standortübungsplatz der Kaserne Pfreimd, der nur wenige hundert Meter von der Hofstelle entfernt liegt. Eine ideales Versteck, aus Sicht des Rindviehs. Rundherum Wiesen, es gibt genügend Unterschlupf. Hunger muss das Tier offensichtlich nicht leiden. Wahrscheinlich im August bringt die Kuh ein Kalb zur Welt. Nun leben beide in freier Wildbahn. Dass es rundherum mal Gefechtslärm gibt von übenden Soldaten, scheint die Tiere nicht zu stören. Regelmäßig morgens ziehen die beiden vom Wald hinaus auf eine angrenzende Wiese zum Fressen. Beide sind augenscheinlich gut genährt.

"So lange nicht viel Schnee liegt, sind die ganz glücklich da draußen", sagt der Leiter des Veterinäramts, Dr. Josef König. Das aber ändert nichts daran, dass die Tiere zurück in den Stall gehören. Der Eigentümer aber zieht nicht so recht. Die Kuh muss allerdings vom Eis, respektive von der Weide: Spätestens, wenn etwa Verkehrsteilnehmer gefährdet sind, müssen die Behörden eingreifen. Landstraßen sind nicht weit. Seit einem halben Jahr versuchen nun das Ordnungsamt der VG Nabburg und das Landratsamt, den Fall zu lösen. Die Polizei ist eingebunden – eine konkrete Gefahr sieht der Chef der Nabburger Inspektion, Günther Vierl, aber aktuell nicht. "Es gibt keinen Grund, sie zu erschießen", sagt der Polizeichef. Das wäre für die Ordnungshüter das letzte Mittel, wenn Gefahr im Verzug ist.

Betäubung wirkt nicht

Versuche, Kuh und Kalb zu fangen, gab's schon - wenn auch mit eher leidlicher Unterstützung des Eigentümers. Die Behörden gaben einem Tierarzt die Erlaubnis zum Einsatz des Betäubungsgewehrs – schließlich darf man nicht einfach in der Gegend herumschießen. Allerdings wurde das Tier anscheinend davor relativ hastig aus dem Wald getrieben. "Wenn ein Tier so aufgeregt ist, wirkt die Betäubung nicht immer," erläutert König dazu. Natürlich könne man mit weiteren Schüssen nachdosieren. "Aber irgendwann wird es kritisch", erklärt der Veterinär. Dann besteht die Gefahr, dass das Tier das letzte Mal einschläft. Ein zweiter Fang-Versuch war Anfang Oktober angesetzt, offenbar hatte der Landwirt doch versucht, einen Tierarzt zu organisieren. Daraus wurde aber nichts.

Reinhard Schlosser vom Nabburger Ordnungsamt hat Kuh und Kalb auch schon ein paar Mal beobachtet. Er atmet tief durch, bevor er von dem Fall erzählt. Dem Landwirt habe er schon mehrere Aufforderungen geschickt, er möge sich um seine Tiere kümmern, fürs einfangen sorgen, auch mit ihm telefoniert. "Wir wollen ihm ja helfen", sagt Schlosser. Die Resonanz? Bislang gering. Der Viehhalter war für die Oberpfalz-Medien nicht zu erreichen.

Seine Schwester erzählt, ja, angefüttert habe man die Kuh schon. "Der Schrot war weg", berichtet die Frau. "Aber ich kann mich nicht die ganze Nacht hinstellen und auf die Kuh warten." Zu viel zu tun auf dem Anwesen. Und die Hofstelle macht ohnehin den Eindruck, dass es hier mehr Arbeit gäbe, als die Geschwister schultern können. Veterinär König hat hier kürzlich kontrolliert. "Sicher kein Top-Betrieb", sagt er, "aber auch keine Katastrophe". Die Beseitigung einiger Mängel wurde angemahnt.

Ans wilde Leben gewöhnt

"Rechtlich gesehen steht im Moment nicht Tierschutz im Vordergrund, sondern öffentliche Sicherheit und Ordnung. Beim Landratsamt ist der Anruf eines erbosten Mannes bekannt, dem nach seinen Angaben die Kuh fast ins Auto gerannt wäre", teilt der Sprecher des Behörde, Hans Prechtl, mit. Auch er verweist darauf, dass der Landwirt bereits früher und auch jetzt eine entschlossene Fangaktion unter Mitwirkung von Polizei und Feuerwehr unternehmen hätte sollen. "Als die Kuh ausbrach, wurde wohl mit Fangaktionen zugewartet, bis die Kuh abgekalbt hat", so Prechtl.

Würde der Landwirt sich aufraffen, und sich um seine ausgerissenen Tiere kümmern, könnten sie wohl so eingefangen werden, dass es hinterher keinen Ärger im Stall gibt. Denn, so erläutert Veterinär König, Rinder gewöhnen sich schnell ans Leben in Freiheit und verwildern. Das Beste wäre seiner Meinung nach, auf einem halben Tagwerk Wiese ein Gatter aufzubauen und Kuh und Kalb langsam hineinzutreiben. Der Bauer könnte die Rinder wieder anfüttern, nach und nach das Gatter kleiner machen – bis sich die Tiere wieder an Menschen gewöhnt haben und relativ problemlos in den Stall gebracht werden können.

Frist gesetzt

Auf den Landwirt jedenfalls will sich das Nabburger Rathaus nicht mehr verlassen. Das Ordnungsamt der VG hat dem Viehhalter in Absprache mit Bürgermeister Frank Zeitler per Bescheid eine letzte Frist bis zum 19. Oktober gesetzt, das Tier einzufangen. "Dann folgt die Ersatzvornahme", erläutert Reinhard Schlosser. Bedeutet: Die Stadt organisiert einen Tierarzt, außerdem Helfer sowie geeignete Transportmittel und lässt Kuh und Kalb fangen. Die Kosten dafür muss dann der Landwirt tragen, dem sein Vieh wieder in den Stall gebracht wird. Da dürften Kuh und Kalb dann eher Ärger machen. Als letzter Weg droht dann wohl der Schlachthof.

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