08.03.2019 - 15:29 Uhr
NabburgOberpfalz

Wohnung im Leichenhaus

Der Stadtfriedhof ist entwidmet. Irgendwann wird daraus ein grüner Ort mitten in Nabburg. Das im neuromanischen Stil erbaute Leichenhaus steht auf der Denkmalschutzliste. Seine Entstehungsgeschichte ist (fast) unendlich.

Das neuromanische Leichenhaus wie es heute noch auf dem Stadtfriedhof steht, wurde 1897 gebaut. Es steht unter Denkmalschutz.
von Autor SEFProfil

Der Leichenhausbau zog sich über 50 Jahre hin, von 1842 bis 1897. 1842 kümmerte sich der Nabburger Pfarrer Anton Germann um den Bau eines Leichenhauses auf dem Friedhof bei St. Georg. Zwar fungierte die Stadt als dessen "Betreiber", doch das Grundstück selbst gehörte der Kirchenstiftung. Anlass war ein Regierungsschreiben vom 29. Dezember 1841:

Weitere Informationen zum Stadtfriedhof

Nabburg

"An jedem Orte sollen Leichenhäuser, in welchen die Leichen bis zur beginnenden Verwesung, dem einzigen untrüglichen Zeichen des Todes, aufbewahrt werden können, errichtet werden. Es genügt übrigens, wenn an jedem größeren Begräbnisorte ein Zimmer, worin zwei bis drei Leichen aufbewahrt werden können, ausgemittelt wird. Dass alle Verstorbenen in dieser Lokalität aufbewahrt werden, ist nicht notwendig, sondern es sollen vorzugsweise nur jene Leichen dahin gebracht werden, welche in ihrem Sterbehaus wegen Raummangel nicht bis zu den unverkennbaren Zeichen des Todes aufbewahrt werden können, an ansteckenden Krankheiten, wie Blattern, Ruhr, Nerven- und Faulfieber, gelitten haben und wegen plötzlich eingetretenen zweifelhaften Todes länger als 24 Stunden unbeerdigt zu lassen sind. Die Errichtung fraglicher Leichenhäuser wird durch freiwillige Beiträge, Schenkungen und Vermächtnisse beabsichtigt."

300 Gulden veranschlagt

Diese obrigkeitliche Empfehlung bewog also Pfarrer Germann, am 2. Februar 1842 Kontakt mit Bürgermeister Anton Wifling aufzunehmen. Gemeinsam mit dem Magistrat wolle er überlegen, auf welche Weise der Bau eines Leichenhauses verwirklicht werden könne. Am 12. Februar 1842 kam man zu dem Resultat, dass ein Leichenhaus am nordöstlichen Ende des Gottesackers stehen könne und wohl 300 Gulden koste.

Landrichter Alois Hermann ersuchte die Bauinspektion Weiden, einen Situationsplan mit Kostenvoranschlag dem Stadtmagistrat vorzulegen. Bereits am 15. Juni 1842 konnte die königliche Behörde mit einem konkreten Entwurf aufwarten: Für die Maurer-, Zimmerer-, Schreiner-, Schlosser-, Maler-, Glaser- und Hafnerarbeiten seien 700 Gulden (!) aufzubringen. Geplant habe man eine Dreiteilung aus Leichensaal, Wachtzimmer für den Totengräber und Abstellplatz für Geräte. Die erhebliche Kostensteigerung erschien den Stadtvätern als nicht finanzierbar. Sie baten deshalb Zimmerermeister Josef Sturm, schlichter zu planen. Man könne etwa bei den Türen, Fenstern und beim Eingang sparen und auf den braun glasierten Kachelofen im Wachtzimmer verzichten. Sturms vereinfachte Konzeption wurde der Regierung vorgelegt. Sie entschied am 18. Januar 1843: Weil die Finanzierung nicht gesichert sei, möge man vorerst auf den Leichenhausbau verzichten.

Dieser Bescheid veranlasste den Stadtmagistrat am 12. Dezember 1844, das Projekt vorerst ad acta zu legen. Stattdessen sollte das Armen- und Krankenhaus im Südwesten der Stadt erweitert und mit einem Leichenzimmer ausgestattet werden. Die Kosten von nur 100 Gulden könnte die Armenstiftung übernehmen. Das Armen- und Krankenhaus lag abseits der Siedlung, war räumlich beengt und ruinös. Deshalb kaufte die Kommune 1858 das Anwesen des Revierförsters Wex. Es lag viel günstiger beim Pulverturm und wies eine solide Substanz auf.

Hygienisch untragbar

Nach der Adaptierung boten fünf Zimmer im Obergeschoss ausreichend Platz für Kranke, während zu ebener Erde unter anderem die Pflegeschwestern aus dem Orden der Armen Franziskanerinnen (Mallersdorfer Schwestern) wohnten. Eigentümer der neuen Einrichtung war die Almosenstiftung. Für das Leichenzimmer wurden 1861 zwei Totenbänke angeschafft, eine lange für Erwachsene und eine kurze für Kinder, deren Sterblichkeit damals erschreckend hoch war.

Die hygienischen Zustände erschienen auch am neuen Standort als untragbar. Außerdem wurden die meisten Toten weiterhin bis zur Beerdigung im Sterbehaus aufgebahrt. Deshalb unternahm die Stadt einen endgültigen Anlauf zur Errichtung eines Leichenhauses. Sie kaufte das nötige Grundstück am 30. Juli 1896 vom Landwirt Xaver Dobler, Hausnummer 130. Sein "Rothenbierlacker" war 18 Ar groß und kostete 170 Mark.

Nicht knauserig

Nachdem der Stadtmagistrat Leichenhauspläne in anderen Städten studiert hatte, entschied er sich für das Vorbild in Hemau und knauserte dabei nicht. Auf einmal ging es schnell: Nach den Plänen des Distriktingenieurs Daubenmerkl entstand in kürzester Zeit ein neuromanisches Gebäude mit den typischen Rundbögen (vergleiche Josefskirche von 1900 in Weiden), dessen elegante Architektur allgemein bewundert wurde. Der Backsteinrohbau war verblendet mit gelben und roten Ziegeln aus der Tonwarenfabrik Schwandorf und basierte auf einem Granitsockel. Das Portal der Vorhalle - Mittelrisalit genannt - war dreigeteilt mit einem Giebelaufbau und wurde getragen von je zwei ganzen und halben Granitsäulen mit profilierten Sockeln und Kapitellen.

Stuck und Mosaik

Das Giebelfeld schmückte ein Stern als Symbol des Göttlichen. Darüber ragte ein Kreuz in den Himmel. In der Wärterwohnung mit zwei Zimmern lag ein Holzfußboden, während Vor- und Aufbahrungshalle, Sezier- und Requisitenraum mit marmornen Mosaikplättchen aus Marienberg in dreierlei Prachtmustern gepflastert waren. Vorhalle und Leichensaal besaßen bronzierte Deckengesimse und stuckierte Rosetten. Der schiefergedeckte Walmdachbau war an die städtische Wasserleitung angeschlossen. Er konnte sich mit jedem Leichenhaus einer Großstadt messen. Folgende Meister und Firmen waren beteiligt: Wolfgang Leipold (Maurer), Michael Barth (Zimmerer), Joseph Elsner (Schreiner), Joseph Gietl (Schlosser), Michael Schleich Spengler), Konrad Rittmeyer (Hafner), Josef Zetlmeisl (Glaser), Marie Haberland (Maler) und Gustav Horn (Dachdecker). Insgesamt kostete er 7990,26 Mark.

1897 gesegnet

Bereits für 30. November 1897 war die kirchliche Segnung anberaumt. Nach einer Messe in der Friedhofskirche vollzog sie Stadtpfarrkooperator Franz Xaver Fleischmann. Die Benediktion erlebten außer der zahlreich erschienenen Bevölkerung auch die Magistratsräte und Gemeindebevollmächtigten. Als erster Totengräber bezog Johann Tausendpfund mit Ehefrau Johanna die Dienstwohnung im Leichenhaus. Dort starb der 83-Jährige am 29. März 1908. Bei der Eröffnung des Leichenhauses war Bezirksarzt Dr. Pröls noch Ehrengast. Sechs Wochen später starb Ehefrau Fanny im Alter von 56 Jahren und wurde als eine der Ersten im Neubau, der inzwischen auf der Denkmalschutzliste steht, offen aufgebahrt.

Leichenhausordnung:

Magistrat erlässt Satzung

Zeitgleich erließ der Stadtmagistrat folgende Satzung:

Das Leichenhaus ist dazu bestimmt, die Toten bis zur Beerdigung würdig aufzubewahren, sorgfältig zu beobachten und die Lebenden ggf. vor Ansteckung zu schützen.

Jeder Tote ist nach der im Sterbehaus vorgenommenen Leichenschau im Leichenhaus beizusetzen.

Den Wärterdienst im Leichenhaus versieht der aufgestellte Totengräber.

Der Zutritt zum Leichenhaus ist nur dem Aufsichtspersonal, den Ärzten, den Polizeibeamten und den Angehörigen gestattet.

Für die Überführung der Toten sind zwei Tagesstunden festgesetzt: vormittags 11 Uhr und nachmittags 16 Uhr, im Sommer 17 Uhr. Bei Beerdigungen findet zuerst der Seelengottesdienst in der Pfarrkirche statt. Dann begibt sich der Trauerzug zum Friedhof, wo das Begräbnis erfolgt.

In der Vorhalle mit Granitsäulen wurde ein prächtiger Mosaikfußboden verlegt.
Bereits 1842 zeichnete die Bauinspektion Weiden den Plan. Aus Kostengründen wurde die Umsetzung auf Eis gelegt.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.